Konzert in Berlin

Iron Maiden rocken an historischer Stätte in der Waldbühne

Die Heavy-Metal-Götter begeistern 22.000 Gäste in der Waldbühne. Neben alten und neuen Hits gab es auch eine politische Botschaft.

Sänger Bruce Dickinson beim Konzert von Iron Maiden in der Waldbühne in Berlin.

Sänger Bruce Dickinson beim Konzert von Iron Maiden in der Waldbühne in Berlin.

Foto: DAVIDS/Boillotv

Noch am Dienstagnachmittag war der Himmel zugezogen, und sah an manchen Stellen so apokalyptisch aus wie auf dem Cover von Iron Maidens Klassiker-Album „The Number Of The Beast“. Der deutsche Wetterdienst warnte vor Sturmböen und Hagel, und man hätte sich nicht gewundert, wenn tatsächlich Teufel und Dämonen aus den sumpfgrünen Wolken hinabgestoßen wären.

Als Iron Maiden schließlich kurz vor halb neun in der gut gefüllten Waldbühne ihr Konzert beginnen, sieht der Himmel jedoch wieder aus wie auf dem Cover von „Seventh Son Of A Seventh Son“, das die Band 1988 in München aufgenommen hat: weiß und blau wie die bayerische Landesflagge und noch so hell, dass Licht-Show und Pyroeffekte fürs Erste im Tageslicht verblassen.

Iron Maiden war immer eine Band, bei der das Äußere eine große Rolle spielte. Seit ihrem Debüt von 1980, das die Band als Speerspitze der „New Wave Of British Heavy Metal“ etablierte, steht jedes Album unter einem anderen ästhetischen Leitthema, wobei das von Derek Riggs entworfene Maskottchen Eddie grundsätzlich den Mittelpunkt bildet.

Kulissen alten Maya-Pyramiden nachempfunden

Auf ihrem jüngsten Album „The Book Of Souls“ ist der Metal-Zombie im Stil der untergegangenen Maya-Kultur herausgeputzt, und so agiert auch die Band in Kulissen, die alten Maya-Pyramiden nachempfunden sind. Geradezu athletisch rennen die Endfünfziger über die Bühne, wobei vor allem Sänger Bruce Dickinson, der im vergangenen Jahr mit Chemo-und Strahlenbehandlung eine Krebserkrankung glücklich überstand, wieder fit wie eh über die Monitorboxen springt.

Während seine Bandkollegen mit Stretchjeans und Nietengürteln im Prinzip noch so aussehen wie im Jahr 1984, hat sich Dickinson für ein gemütliches Outfit aus beigefarbenen Cargo-Hosen und schwarzem Kapuzenpulli entschieden. Kaum zu glauben, dass es noch Mitte der 90er-Jahre für einen Skandal in der Metal-Welt sorgte, als er seine langen Haare schneiden ließ.

„Hallo Berlin! Was ist das für ein Ort hier?“ richtet sich der 57-Jährige nach dem Eröffnungssong „If Eternity Should Fail“ mit einer offenbar rhetorischen Frage ans Publikum. „Es ist ein Ort mit Geschichte. Aber wisst ihr was? Scheiß auf Geschichte! Heute Nacht machen wir Rock N’Roll!“ Dabei sind Iron Maiden so ziemlich die geschichtsbewussteste Band, die man sich vorstellen kann. In ihrem Repertoire finden sich Lieder über Alexander den Großen, die Atlantik-Überquerung der Mayflower, die Schlacht bei Balaklawa anno 1854 und die Luftkämpfe des „roten Barons“ Manfred von Richthofen. Bei Letzterem, einem neuen Stück namens „Death Or Glory“, liefern sich die drei Gitarristen Janick Gers, Adrian Smith und Dave Murray geradezu schwindelerregende Gitarrenduelle.

Iron Maidens 150. Konzert auf deutschem Boden

Es ist „Maidens“ 150. Konzert auf deutschem Boden, und im Gegensatz zu den meisten anderen alten Helden, muss man bei ihnen noch immer nicht fürchten, dass sie den Anforderungen eines Konzertes nicht mehr standhalten. Sie sind als Band wie ein gut geführter Erlebnispark voller Geisterbahnen, bei dem alle Räder mit technischer Brillanz ineinandergreifen. Bei Iron Maiden weiß man, was man bekommt, im besten Sinne. Auch die neuen Songs, von denen die Band an diesem Abend sechs Stück aufführt, unterscheiden sich kaum von den Klassikern, nur dass Letztere eben mit mehr Emotionen der Zuschauer aufgeladen sind, und deshalb ungleich stürmischer gefeiert werden. Man sieht es an den vielen T-Shirt-Rücken auf den Rängen: Killer-World-Tour 1981, Real-Live-Tour 1993, Maiden England World Tour 2013: jedes eine Erinnerung. Man könnte auch sagen: Private Geschichte.

Als das letzte Licht des Tages hinter den Baumwipfeln verschwindet und die Smartphones in der dunklen Naturkulisse tatsächlich wie Glühwürmchen leuchten, stimmt die Band passend dazu „Fear Of The Dark“ vom gleichnamigen Album an. Bei der ersten Zugabe „Number Of The Beast“ umhüllt bereits rotes Scheinwerferlicht das Publikum vor der Bühne, das sich in den ersten drei Reihen längst in einen Hexenkessel verwandelt hat.

Vor dem großen Finale mit „Blood Brothers“ und „Wasted Years“ zählt Dickinson noch einmal laut die Landesflaggen durch, die er im Publikum erspähen kann: Norwegen, Ungarn, England, Chile... „Wir sind alle eine große Familie“, ruft er den sich ihm entgegenstreckenden Armen entgegen „unabhängig von Rasse und Geschlecht.“ Dass der geschichtsträchtige Ort, an dem die Nazis einst systemkonforme Stücke aufführten und in den letzten Kriegsjahren Deserteure erschossen, den belesenen Frontman dann doch noch zu einer politischen Botschaft hinreißen würde: Auch das erwartbar, im besten Sinne.