Klassik in Berlin

Ian Bostridge stellt in Berlin Schuberts "Winterreise" vor

| Lesedauer: 6 Minuten
Bernhard Clemm
Im Herzen ein Romantiker geblieben: Tenor Ian Bostridge

Im Herzen ein Romantiker geblieben: Tenor Ian Bostridge

Foto: Warner Classics

Ian Bostridge brach seine Karriere in Oxford ab und wurde Sänger. Beim Berliner Festival „MaerzMusik“ stellt er die „Winterreise“ vor.

Schuberts „Winterreise“ ist eine Leidenschaft des britischen Tenors Ian Bostridge: Seit über 30 Jahren singt er sie, er hat einen Film zur Musik gemacht und gerade ein Buch über diese Lieder von Liebe und Schmerz geschrieben. Im Kammermusiksaal wird d zweifach Echo-Klassik-Preisträger den Zyklus am Dienstag als einen Höhepunkt des Festivals „MaerzMusik“ präsentieren. Wann er selber das Werk für Klavier und Singstimme zum ersten Mal gehört habe, daran könne er sich gar nicht erinnern, sagt er im Gespräch. Sein Deutschlehrer hat ihn als 13- bis 14-Jährigen an die Lieder herangeführt, doch auf das Gemüt des Teenagers wirkte damals vor allem der andere große Schubert-Zyklus, „Die schöne Müllerin“. Die Weisen vom unglücklich verliebten Müllerburschen waren es, die Bostridge beim Streifen durch die Straßen Süd-Londons summte, in der Hoffnung, seinem Mädchen in die Arme zu laufen. „Die Winterreise ist schwieriger, sie ist einfach nicht so unmittelbar ansprechend wie die Müllerin“, sagt der 52-jährige Tenor.

In der Tat verlangen die 70 Minuten der „Winterreise“ dem Zuhörer emotionale Ausdauer ab. In 24 Etappen schildert der Protagonist seine Wanderschaft durch die vereiste Landschaft, an deren Anfang wiederum die unglückliche Liebe zu einem Mädchen steht. Die Fakten der Vorgeschichte bleiben im Dunkeln, umso stärker tritt das seelische Leiden des Wanderers in den Mittelpunkt. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, mit dieser düsteren Worten stapft der Wanderer hinaus in den Schnee, und kämpft anschließend mit Kälte, paranoiden Zuständen und schlussendlicher Hoffnungslosigkeit.

Sein Deutsch wurde von Dietrich Fischer-Dieskau geprägt

Die Einspielungen und Bearbeitungen von Schuberts Liedern sind zahlreich. Doch ein Name steht über allem. Der Berliner Sänger Dietrich Fischer-Dieskau (1925–2012) schenkte dem 20. Jahrhundert zahllose Aufnahmen, und prägte mit seinem vornehmen Bariton die Werkrezeption von Generationen. „Mein Deutsch“, erzählt Bostridge lachend, „kommt zu guten Teilen daher, dass ich endlos Fischer-Dieskau hörte.“

So früh Bostridge mit Schubert in Berührung kam, so lange brauchte er für den künstlerischen Durchbruch. Eigentlich stand er schon in den Startlöchern für eine Karriere als Wissenschaftler. Nach seiner Promotion lehrte er in Oxford Politik und Geschichte. Nebenher sang er ab und an in den Musiksälen der Colleges. Vom Kunstlied könne man nicht leben, warnte ihn sein Agent. Erst als er sich zusätzlich für die Oper zu interessieren begann, erschien der Weg realistischer. Überzeugt habe ihn auch die Resonanz der Kunstlied-Szene, als er begann, im Ausland aufzutreten: „Es gibt da eine große Offenheit im deutschsprachigen Raum gegenüber der Interpretation des Liedes durch Nicht-Muttersprachler. Das ist in anderen Genres, etwa dem französischen Lied, nicht so.“ Mit dreißig Jahren wagte er schließlich den Sprung in die professionellen Karriere.

Der Liedgesang wurde kulturell an den Rand gedrängt

Als Liedsänger fühlt Bostridge sich in seinem Heimatland immer noch „fehl am Platz“: „Leider ist diese Art von Musik kulturell an den Rand gedrängt“. Das gelte für die Klassik im Allgemeinen, die zwar immer noch auf starken Institutionen vertrauen könne. Aber die „kulturelle Debatte“ finde nicht statt. In der Zeitung lese man in Großbritannien nur über Pop-Musik. „Das finde ich befremdlich und kulturlos. Es ist nicht so, dass ich Pop-Musik nicht mag – aber es kommt mir nicht so vor, als verdiente sie dieses Ausmaß an Deutung.“

Empfindet er es als seine Aufgabe, die Lieder und die Klassik im Allgemeinen wieder näher an die Öffentlichkeit heranzubringen? „Ja, ich denke es gibt immer noch einen Kern der europäischen Kultur, von dem jeder gebildete Mensch in Europa das Gefühl haben sollte: Damit muss ich mich auseinandersetzen. Das zu sagen ist womöglich unzeitgemäß, aber es ist die Kultur, aus der wir hervorgehen und die vielem von dem, was wir heute tun, zugrunde liegt. Es ist nicht gut, nicht mit Schubert oder Beethoven in Berührung zu sein.“

Der Interpret versteht sich auch als Philosoph und Historiker

Bostridge hat keine traditionelle musikalische Ausbildung. Doch diesen Mangel empfindet er nicht als Nachteil. „Mein Zugang zur Musik ist immer philosophisch und historisch.“ Ein Werk in diesen breiteren Kontext zu setzen, das eröffne „ungewohnte, unerwartete Perspektiven“ für die Zuhörer. Bei der „Winterreise“ helfe ihm eher seine Kenntnis der Epoche der Romantik als der theoretischen Feinheiten der Musik. „Irgendwie sind wir doch Romantiker, wir spüren immer noch die Entfremdung von der Welt. Die Emotionen sind die gleichen, denke ich.“

Wie stark er das Werk durch die Emotionalität erspürt, machen Bostridges Auftritte klar, und auch der Film „Winterreise“ von David Alden, in dem er den Zyklus singt. Wenige Sänger interpretieren den Zyklus in einer ähnlich ausgeprägten Dramaturgie. Das unterscheide ihn auch von seinem Idol Fischer-Dieskau: „Ich sehe weniger eine Trennung zwischen einem Lieder-Vortrag und Theater. Vielleicht bin ich expressionistischer.“

Am 15. März führt Ian Bostridge zusammen mit dem Pianisten Julian Drake die „Winterreise“ im Kammermusiksaal der Philharmonie auf, und liest aus seinem Buch (20 Uhr). Am morgigen Sonntag werden im Haus der Berliner Festspiele außerdem das Theaterstück „Winterreise. Ein Theaterstück“ von Elfriede Jelinek (19 Uhr) sowie die elektronische Bearbeitung von Schuberts Werk „The Cold Trip“ (21 Uhr) aufgeführt.