Kultur

„Ich leihe mir die Landschaften aus“

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Volker Blech

Marion Poschmann ist als Lyrikerin für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein Spaziergang

Derzeit liegt es nahe, sich mit Marion Poschmann in einem großen Park zu verabreden. Die Berliner Schriftstellerin kann man schon als ausgewiesene Expertin bezeichnen. „Geliehene Landschaften“ heißt ihr neuer Gedichtband, der sich an den heimlichen Utopien öffentlicher Parkanlagen in Japan, den USA oder Deutschland reibt. Der Gedichtband ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Die Entscheidung darüber, wer unter den fünf Auserwählten in der Belletristik den Preis erhält, wird am kommenden Donnerstag in Leipzig verkündet. Nach wie vor ist es eine bemerkenswerte Angelegenheit, dass ein Lyriker auf der Liste neben den an sich populäreren Romanautoren steht. Im vergangenen Jahr hatte bereits der Lyriker Jan Wagner den Preis nach Berlin geholt. „Vielen ist offenbar im letzten Jahr das erste Mal bewusst geworden, dass die Lyrik mit zur Belletristik gehört“, sagt Marion Poschmann: „Sonst denken alle immer nur an Prosa.“

Seit der Romantik liegen Lyrik und Prosa dicht beieinander

Dabei bewegt sich Marion Poschmann selbst ständig im Grenzgebiet. Mit ihrem ebenfalls bei Suhrkamp erschienenen Roman „Die Sonnenposition“ war sie vor zwei Jahren Finalistin beim Deutschen Buchpreis. Der Roman hat ihr viel Renommee und vor allem viele Neugierige eingebracht. Rund 50 Lesungen im deutschsprachigen Raum hat sie mit dem Buch gemacht. Aber vereinnahmen lassen will sie sich nicht. „Ich wehre mich dagegen, einen großen Unterschied zwischen den Gattungen zu machen. Für mich liegt beides sehr nahe.“ Seit der Romantik, die die Universalpoesie propagiert hat, sei die Trennung eigentlich inakzeptabel. „In beiden Fällen braucht es die Inspiration, damit Literatur daraus wird.“

Die anderen Nominierten kenne sie noch nicht, sagt Marion Poschmann in ihrer freundlich-nachdenklichen Art. Gelesen habe sie auch noch nichts. Und das offenbart dann doch den feinen Unterschied. Denn die meisten Lyriker kennen sich untereinander. „Es ist so, dass man oft gemeinsam auf Festivals eingeladen wird. Es gibt viele Gelegenheiten, sich zu begegnen“, sagt Marion Poschmann. Und worüber reden Lyriker untereinander? „Über Lyrik, natürlich. Es geht um Techniken, ums Handwerk, die Lyriker tauschen sich erstaunlicherweise mehr aus als die Romanautoren. Aber es gibt keine Lager. Früher gab es mal Schulen, die sich untereinander bekämpft haben. Das hat sich gewandelt. Der Lyriker ist heute eher ein Individualist.“

Marion Poschmann wurde 1969 in Essen geboren. Sie hat Germanistik, Philosophie und Slawistik zunächst in Bonn, dann in Berlin studiert. An der Hochschule der Künste belegte sie später das Fach Szenisches Schreiben. Jetzt ist sie freie Schriftstellerin und Mitglied des Pen-Zentrums Deutschland. Sie ist mit Preisen und Stipendien überhäuft und ständig unterwegs. Es ist gar nicht einfach, sich mit ihr zu verabreden. Dass sie als Treffpunkt für das Gespräch den Volkspark Friedrichshain vorgeschlagen hat, passt zu ihr. Es ist eine Mischung aus Pragmatismus und intellektueller Tiefgründigkeit. Einerseits wohnt sie gleich um die Ecke, andererseits war just dieser Volkspark 1846 als erste kommunale Grünanlage Berlins entstanden.

Die Gedichte beziehen sich auf konkrete Parkanlagen

Ihrem Gedichtband hat sie ein Zitat aus Leberecht Migges Buch „Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts“ von 1913 vorangestellt. „Es geht um die Anlage eines Volksparks. Man hatte begonnen, den Park, der davor nur höhergestellten Personen vorbehalten blieb, dem Volk zu öffnen. Es gab Vorschriften, damit die Arbeiter den idealen Erholungswert hatten. Es wurde alles genauestens ausgerechnet, beispielsweise, in welchem Abstand man die Bänke aufstellte.“ Der Park war nun nicht mehr nur für Reiche da, aber er sollte dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit des Volkes zu sichern. „Das haben wir heute immer noch“, sagt Marion Poschmann: „Es ist der Widerspruch von Idylle und Nutzbarkeit.“

Ihre Gedichte im Buch beziehen sich auf konkrete Orte, die sie besucht hat. Es geht um den Bernsteinpark Kaliningrad, einen Kindergarten in Lichtenberg, den Lunapark in Coney Island, den Sibeliuspark in Helsinki, den Literatengarten bei Shanghai und um japanische Gärten. Ein Aufenthalt in der Villa Kamogawa, der Künstlerresidenz des Goethe-Instituts in Kyoto, hat ihr den Buchtitel geliefert. Geliehene Landschaften sind ein ästhetisches Prinzip in ostasiatischen Parkanlagen, welches die Umgebung, was auch moderne Hochhäuser sein können, miteinbezieht. „Was auffällt, in allen Kulturen wird von einem paradiesischen Gedanken ausgegangen“, sagt Marion Poschmann: „Ein Raum wird geschaffen, der Unsterblichkeit suggeriert. In Japan sind es die heiligen Berge, die dann im Kleinen nachgebaut werden.“

Und dann hat sie an den japanischen Steingärten etwas Faszinierendes entdeckt, nämlich „dass man mit dem Geist und nicht mit dem Körper durch die Anlage wandelt“. Im Gedicht sei das ähnlich: „Man kreiert einen Pfad, eine Landschaft und bewegt sich hindurch. Es ist das Konstrukt eines geistigen Raumes.“ Diese Mischung aus Materie und Illusion verbindet Gärten und Gedichte. Aber so theoretisch abstrakt geht es in Marion Poschmanns Gedichten natürlich nicht zu. „Ich leihe mir die Landschaften aus und nehme Dinge von außen auf“, sagt sie: „Das kann ein Eierschneider sein.“

Die Lyrikerin weigert sich im Gespräch standhaft, ihr Skizzenbuch aus der Tasche zu holen. Ideen schreibe sie zuerst mit Bleistift auf, dann mit Füller, später würden die Gedichte in den Computer getippt. Ist Lyrik etwas Höheres? „Ja, das ist so“, sagt sie bestimmt: „Das ist sicherlich sehr pathetisch, es etwas Höheres zu nennen. Aber es gibt verschiedene Kräfte, die in einem Menschen wirken können. Es gibt das Bewusste, das Unbewusste und sicherlich auch das, was wir höhere Vernunft nennen.“