Kultur

Eine Prise Melancholie

Alles hat seine Zeit, auch das gesangliche Können: Bei seinem Auftrittin der UdK kämpft Art Garfunkel gegen das Vergessenwerden

Gibt es etwas Kostbareres in der Musik als die menschliche Stimme? Diese Frage stellt man sich unwillkürlich bei Art Garfunkels Konzert am Sonntagabend in der Universität der Künste. Der 74-Jährige veredelte einst die Songs des Folkpop-Duos Simon and Garfunkel mit seiner schwerelosen, blütenzarten Stimme. Inzwischen ist Garfunkels Auftreten auch eine Erzählung über die Zeichen der Zeit und den künstlerischen Verlust.

„The Boxer“, „Sound of Silence“ „Scarborough Fair“: Der New Yorker ist ausgezogen, den Klang der Vergangenheit heraufzubeschwören. Das Wohlwollen seiner Fangemeinde hat er. Der Saal der UdK ist ausverkauft, der Nostalgiefaktor im Publikum hoch. Garfunkel muss oft nur die erste Zeile eines Liedes anstimmen, um frenetischen Jubel im Saal auszulösen. Trotz, nicht wegen seines heutigen gesanglichen Könnens.

„Paul Simon hat mein Leben enorm bereichert. Punkt.“

Dass er überhaupt auf der Bühne steht, ist ein persönlicher Erfolg für den Sänger, bekam er es doch vor einigen Jahren mit den Stimmbändern zu tun und legte eine Zwangspause ein. Zu 95 Prozent sei seine Stimme heute wieder die alte, bekannte er kürzlich in einem Interview mit dem „Rolling Stone“. Doch gerade in den hohen Lagen, die so oft die Pointen der Simon & Garfunkel-Melodien ausmachen, fehlen diese fünf Prozent. Wenn Garfunkel etwa die Schlusszeile „Oh I love you, girl“ aus „For Emily, Whenever I May Find Her“ mit aller Macht herauspresst, möchte man fast beschwichtigend eingreifen. Die Oktavsprünge aus „Bridge Over Troubled Water“ werden dann gleich ganz mit Kopfstimme erledigt.

Das Publikum ist natürlich vor allem wegen der alten Hits gekommen – die überwiegend aus der Feder seines Konterparts Paul Simon stammen –, und die bekommen sie auch. Dass er Simon vor einiger Zeit in einem Interview noch als „Idioten“ bezeichnete, will er übrigens nicht mehr gelten lassen: „Paul Simon hat mein Leben enorm bereichert. Punkt.“ Alles andere sei journalistisches Geschreibe, jede Freundschaft habe eben ihre Höhen und Tiefen.

Garfunkel will aber mehr sein als nur der stimmliche Vollstrecker seines „Lieblingssongwriters“, und hat einige Cover-Versionen im Gepäck. „Someone to watch over me“ von George Gershwin ist dabei und „Real Emotional Girl“ von Randy Newman. Die Titel sind immerhin gut gewählt, haben weniger Höhen und ein Garfunkel klingt durch, der aus den aktuellen stimmlichen Gegebenheiten das Beste macht.

„And his heart is laughing, screaming, pounding“, heißt es in „A Poem On The Underground Wall“. Da steht keiner, der es sich auf seinem Altenteil gemütlich macht, sondern einer, der eine Bühne zum Ort der großen Emotionen macht. Gut, dass er sich dabei auf einen engagierten Tab Leven an der Gitarre verlassen kann. Mit glasklarem Fingerpicking erfüllt der den ganzen Saal mit perfekter Dynamik. Clifford Carter am Piano ist eine weitere Unterstützung, schlägt aber mit einigen Synthesizer-Klängen etwas über die Stränge.

Man soll sich so fühlen dürfen wie bei Garfunkel auf der Couch

„An intimate evening with Art Garfunkel“ ist dem Publikum laut Veranstaltungstitel geboten. Das heißt: Ein absolutes Film- und Fotoverbot, Anekdoten aus der Vergangenheit und Auszüge aus dem poetischen Werk des Künstlers. Man soll sich eben so fühlen dürfen wie bei Garfunkel auf der Wohnzimmercouch. Dazu gehört wahrscheinlich auch, dass Garfunkel so tut, als sei das Antikriegslied „The Side of a Hill“ (ursprünglich als Gegenstimme Teil von „Scarborough Fair“) noch nie als eigenständiges Stück gehört worden. Auf Paul Simons „Songbook“ von 1965 findet man es allerdings schon als Titel. Von der Erzählstimme des „Oldsters“, wie Garfunkel sich selbst an einer Stelle nennt, kann man sich trotzdem gut unterhalten lassen. So erfährt man zum Beispiel von seinen gesanglichen Wurzeln in der Synagoge und den Gebetsgesang, mit dem er als Zehnjähriger die Gemeinde begeisterte, gibt er sogleich zum Besten. Dass er auf Wanderschaft (sein großes Hobby) den Kühen auf der Weide „Ol’ Man River“ vorsingt, kann man sich auch sehr gut vorstellen und trägt zur allgemeinen Erheiterung bei.

Nur gehen diese Erzählungen nicht ohne ein Portion Egozentrik. Dass Simon und Garfunkel „der heißeste Act“ waren – geschenkt. Jack Nicholson, ein sehr dicker Freund von ihm – natürlich. In der Royal Albert Hall an drei Abenden in Folge aufzutreten – versteht sich für den Sänger von selbst. Dazu kommt Garfunkels Bedürfnis, englische Wörter aus seinen Gedichten zu erklären, deren Kenntnis er dem Publikum offenbar nicht zutraut. Man wird das Gefühl nicht los, Garfunkel fürchtet sich vor dem Bedeutungsverlust – und sucht, leicht trotzig, Anerkennung auf anderen Wegen.

Die Hits sind natürlich zu gut, dass man den Abend nicht auch genießt. Das Publikum hat Garfunkel bis zum Ende auf seiner Seite, und bedankt sich mit mehreren Zugaben. Doch bleibt eine starke Prise Melancholie. Dass Stimmen altern, ist nichts Neues. Doch meist tun sie das nicht so sichtbar für die Öffentlichkeit (da hilft ein Filmverbot auch nur bedingt). Garfunkel bietet uns an diesem Abend, ob gewollt oder ungewollt, ein Memento mori. Aber für ihn ist das Heute eben am Wichtigsten: „Tomorrow it’s over, tonight is all“, mit dieser Botschaft aus einem seiner Gedichte verabschiedet Garfunkel seine Fans in die Woche.