Klassik-Kritik

Lang Lang liebt das Klavierspiel voller Extreme

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Bernhard Clemm

Mentor Christoph Eschenbach dirigiert in der Philharmonie

Das Besondere an Richard Wagners Musik sei, konstatierte Theodor Adorno, dass „die subjektiven Teilaktionen der Spieler vom Gesamtklang aufgesogen“ würden. Das scheint aber nicht ganz das Verständnis von Dirigent Christoph Eschenbach zu sein. Der wagnersche „Gesamtklang“ mochte sich bei der „Tannhäuser“-Ouvertüre am Mittwochabend in der Philharmonie nicht recht einstellen. Streicher und Bläser des National Symphony Orchestra aus Washington blieben ungewohnt zerrissen und wirkten zuweilen wie in einem Überbietungswettbewerb. An diesem Abend mit Wagner, Grieg und Brahms bleibt Ersterer also eher ein Warm-up. Aber das ist ohnehin unvermeidbar, wenn man das Programm mit einem Weltstar wie Lang Lang bestückt.

Mit Griegs Klavierkonzert in a-moll kommt der Chinese anscheinend gerne nach Berlin: Zusammen mit den Philharmonikern unter Simon Rattle spielte er es im vergangenen Sommer in der Waldbühne. Der atmosphärische Charakter des Werks, die Open-Air-Szenerie und dazu noch sein Talent zur Inszenierung sicherten Lang damals den frenetischen Jubel des Publikums. Den Erfolg bei den Zuhörern kann er auch in der Philharmonie wiederholen.

Zusammen mit seinem Mentor Eschenbach hört man den Starpianisten gerne. Eschenbach war es, der dem damals 17-Jährigen zum Durchbruch verhalf. Er ist für Lang Lang nach dessen Bekunden seitdem „wie in zweiter Vater“. Auf jeden Fall kein strenger, sondern ein sehr aufopferungsvoller Vater: Der Maestro schenkt dem Solisten zuweilen mehr Aufmerksamkeit als dem Orchester, und Lang Lang kann so seine Liebe zur pointierten, oft extremen Dynamik und zur Ausschöpfung der unterschiedlichen Tempi ausleben. Es entsteht eine komplexe Fülle an Klangfarben, vom energischen Stampfen eines norwegischen Volkstanzes bis hin zum klirrenden Plätschern eines Gebirgsbaches.

Lang Lang weiß natürlich um seine Wirkung auf das Publikum und kostet diese wie immer aus: Mal stellt er die Hand für gefühlte Minuten in der Luft ab, mal tupft er so gewollt sanft über die Tasten, als sei er sich nicht sicher, ob es wohl wirklich die richtige Taste ist. Wenigstens bleiben einem an diesem Abend die auffordernden Blicke in den Saal erspart, in denen sich der Virtuose sonst gerne übt. Beim Finale des letzten Satzes nimmt Eschenbach schließlich das Heft wieder in die Hand. Wo es für den Solisten immer schwierig ist, angesichts der gewaltigen Orchesterpartitur Gehör zu finden, geht Lang Lang leider fast vollständig unter.

Vielleicht dachte Eschenbach schon zu sehr an Brahms? Dass er auch ohne seinen Zögling ein überragender Dirigent ist, zeigt sich in der Ersten Sinfonie. Vom ersten, dramatischen Forte an ist eine unbändige Energie zu spüren. Mit erstaunlich hohen Tempi hält Eschenbach die Anspannung bis zum Schlusssatz – auch in etwas launigeren Passagen der Mittelsätze sitzt man kerzengerade im Stuhl. Mit dem Alphornthema, der großen Wende dieses großen Werkes, löst sich die Anspannung mit einem Ruf. Eine wahrhaft sinfonische Interpretation, die einem sprunghaften Abend zu einem fast kathartischen Ende verhilft.

( Bernhard Clemm )