Kino

Moritz Bleitbreu und die Angst vor dem Rausch

In seinem neuen Film nascht Moritz Bleibtreu Pilze und kommt auf einen bösen Trip. Ein Gespräch über Drogen, Jährzorn und Angst vor dem Rausch.

Moritz Bleibtreu / Schauspieler

Moritz Bleibtreu / Schauspieler

Foto: Reto Klar

Das vergangene Jahr war sein „Anwaltsjahr“. Nicht, dass Moritz Bleibtreu persönlich mit einem Prozess zu tun gehabt hätte. Aber erst hat er die Serie „Schuld“ nach Ferdinand von Schirach gedreht – seine erste Fernsehrolle seit vielen Jahren. Und dann „Die dunkle Seite des Mondes“, die Verfilmung eines frühen Romans von Martin Suter. Das Buch hat er damals schon verschlungen und wollte bei der Adaption unbedingt dabei sein – auch wenn ihm bekannt war, dass Suter-Verfilmungen bislang nicht so viel Glück beschieden war.

Seine Anwaltsfigur Urs Blank nascht dabei ein paar Pilze, die ihn auf einen falschen Tripp bringen. Da muss man den Schauspieler natürlich fragen, ob er auch persönliche Erfahrungen mit Rauschzuständen hat. Vor dem Interview im Berliner Hyatt Hotel überlegen wir noch, wie man den 44-Jährigen schonend auf das Thema einstimmt. Er empfängt uns dann aber entspannt und stellt sich dem Thema auch ganz offen. Spricht von Suchtproblemen seiner Mutter, eigenen Trips und frühen Jähzornsanfällen, die er inzwischen überwunden hat.

Berliner Morgenpost: Herr Bleibtreu, Ihr neuer Film, „Die dunkle Seite des Mondes“, ist eine Literaturverfilmung. Lesen Sie eigentlich viel?

Moritz Bleibtreu: Ohne Lesen komme ich nicht aus. Wo immer ich hingehe, hab ich ein Buch dabei. Das hat mir zum Glück meine Mutter sehr früh nahe gebracht. Der Hauptumgang in meinem Beruf ist Sprache, deshalb bin ich an allem, was mit Sprache zu tun hat, interessiert. Ob das Literatur ist, HipHop oder Linguistik.

Und wie ist es mit Suter-Romanen?

„Die dunkle Seite des Mondes“ habe ich schon gelesen, kurz nachdem es herauskam. Martin Suter hat eine tolle Art, eine sehr originäre Sprache, die in einem komischen Kontrast zu der Welt steht, in der sich seine Figuren bewegen. Daraus Filme zu machen, ist sehr schwierig. Das liegt natürlich genau daran, dass sie eine sehr visuelle Vorstellung geben. Das ist ja die alte Krux bei Romanverfilmungen, dass jeder seine eigenen Bilder im Kopf hat. Ich habe, als ich das Filmangebot bekam, das Buch deshalb auch nicht noch mal rausgeholt.

Hat Martin Suter je die Dreharbeiten besucht? Und womöglich hineingeredet?

Nein, während des Films hat er sich nie eingemischt. Ich habe ihn erst bei der Premiere gesehen, und da meinte er, er wäre nicht gekommen, wenn er den Film nicht gut finden würde. Das war schon mal ein großes Kompliment. Es gab ja ein paar seiner Verfilmungen, wo er nicht bei der Premiere war.

Sie spielen in dem Film einen kompletten Unsympathen...

… und spätestens in dem Moment, wenn dieser Urs Blank die Katze umbringt, ist es vorbei. Ganz wichtig war deshalb der Moment des Erkennens. Der kommt bei Suter so ja nicht vor. Aber Blank beginnt sehr früh, durchzudrehen. Und Kino braucht Identifikation. Deshalb musst du als Zuschauer sein Gewissen sehen, sonst willst du nicht mehr mit ihm gehen.

Es geht im Film um Abgründe und Kontrollverlust. Sind das Themen, die Ihnen nahe gehen?

Ich würde mich nicht als Kontrollfreak bezeichnen. Aber es ist schon so, dass mir Kontrollverlust Angst macht. Da gibt es auch Bezugspunkte in meinem eigenen Leben. Meine Mutter hatte eine Zeitlang hie oder da ein Glas zu viel getrunken, ich war da sehr dicht dran. Das sind Dinge, die einem Kind immer Angst machen, weil der Schutz ins Wanken gerät.

Die Frage muss natürlich trotzdem kommen: Haben Sie schon mal solche Pilze versucht wie der Urs Blank im Film?

Solche nicht. Aber ich hab mal Psylopsybin genommen. Wenn es denn auch wirklich Psylopsybin war. Aber davon gehe ich mal aus. Das war ganz lustig, aber völlig unterdosiert, so richtig für Memmen. Die Feiglingvariante. Und ich hab schon da gemerkt, dass ich das so nicht wieder will. Schon gar nicht mehr. Da bin ich raus. Deshalb habe ich auch nie sowas wie LSD genommen, weil ich genau davor Angst hätte, dass ich nicht mehr Herr meiner selbst bin. Dass mein Hirn irgendwas macht, was mir völlig abgeht. Da lasse ich lieber die Finger von.

Gab es sonst Situationen, in denen Sie etwas in einem Rauschzustand getan haben, was Sie später bereut haben?

Ich war in meiner Kindheit und Jugend jähzornig. Das kommt dem sehr nahe, das ist auch eine Form von Kontrollverlust. Ein Gefühl, das nicht aufhört. Ich habe da wirklich rot gesehen, das sagt man ja oft so daher, aber das gibt es wirklich, das wissen die meisten gar nicht. Dein Gesichtsfeld färbt sich rot ein, die Schilddrüse und dein Hals schwellen an. Und du willst alles kurz und klein schlagen. Ich habe das wirklich so erlebt. Das war nicht schön. Hat aber zum Glück irgendwann nachgelassen.

Gab es in solchen Situationen irgendwen oder irgendwas, was Sie da wieder runtergeholt hat?

Ich wollte in solchen Situationen eigentlich immer in den Arm genommen werden. Da haben aber frühere Freundinnen echt Schiss gehabt. Ich fürchte, wenn ich mich so erlebt hätte, hätte ich mich auch nicht in den Arm genommen. Das ist sicher irgendeine Form von Chemie, die anders ausgeprägt ist im Gehirn, woran immer das liegt. Am besten heilt da, wie bei allem im Leben, die Liebe. Zuspruch ist das Wichtigste.

Gerade wird in Berlin diskutiert, ob man einen Freiraum für weiche Drogen schaffen soll. Was halten Sie davon?

Ich würde mich nie für die Legalisierung von Drogen einsetzen, aber mit sowas hätte ich kein Problem. Natürlich muss man definieren, was weiche Drogen sind. Aber wie viele Leute sterben im Jahr an Alkohol, und wie wenig im Vergleich an Cannabis? Das ist vor allem auch eine sehr friedvolle Droge. Ich habe noch nie einen aggressiven Kiffer erlebt. Ich wüsste nicht, warum man den nicht sein Pflänzchen rauchen lassen soll.

Ist Schauspielerei manchmal vielleicht auch eine Art Drogenersatz? Weil man sich in einen anderen Zustand bringen, Hemmschwellen abbauen und etwas ausleben kann?

Wenn man Drogen als etwas konsumiert, was einem eine Realitätsflucht schenkt oder eine bessere Realität vorgaukelt, dann sicher. Das ist dann auch eine gesündere Variante, als sich die Hucke vollzusaufen. Wobei das eine mit dem anderen ganz oft einhergeht, gerade bei Schauspielern. In der Generation meiner Mama war der Staatstheaterbetrieb vom Alkohol fast nicht zu trennen. Ich durfte das in meiner Kindheit aus nächster Nähe beobachten, und ich erinnere mich an keinen, das ist jetzt wirklich nicht übertrieben, der nicht getrunken hätte. Das hat sich inzwischen etwas geändert. Aber es ist immer noch nicht weg.

Das Phänomen ist beim Theater aber wohl viel stärker als beim Film?

Es gibt auch viele, die vor der Kamera saufen. Alkohol ist eine feine Sache, weil es enthemmt. Und beim Schauspiel geht es ja darum, nicht eitel zu sein im Ausdruck, über eigene Schamgrenzen zu gehen. Ich kenne auch Kollegen, ich nenn jetzt keine Namen, die haben unter Alkohol grandios gespielt. Und wenn sie nicht getrunken haben, waren sie nur eine leere Hülle. Aber beim Drehen ist ein Arbeitslauf stringenter als beim Theater. Da musst du viel präziser, viel zielgerichteter arbeiten.

Urs Blank bricht radikal mit seinem Leben. Gab es auch bei Ihnen im Leben so einen Moment, wo Sie sich das überlegt haben?

Ich hatte das mal während meiner Schauspielausbildung, da war ich 19. Ich bin da in New York etwas unter die Räder gekommen, weil diese ganze Stanislawski-Herangehensweise, die Strasberg- „Method“einfach gar nichts für mich war. Ich wollte das wirklich für mich umsetzen, bin dabei aber bis an den Rand meines Selbstvertrauens gekommen. Und hatte echt überlegt, hinzuschmeißen und etwas komplett anderes zu machen. Etwas Pragmatisches wie Koch oder Gärtner. Aber zum Glück habe ich mich da, mit der Hilfe meiner Mutter, rausgezogen. Deshalb ist mir das Thema Schauspielschule seither ein großes Anliegen.

Inwiefern?

Weil da so viel kaputt gemacht werden kann und so brutal mit den Träumen junger Menschen umgegangen wird, die noch so manipulierbar sind. Damit muss man sehr vorsichtig umgehen. Aber das wird oft nicht getan. Und das ärgert mich immer sehr. Wenn ich sowas von jungen Kollegen höre, sagte ich immer: „Glaubt denen kein Wort, das sind alles nur arbeitslose Schauspieler. Niemand tritt an, um Schauspielunterricht zu geben. Was wollen die einem erzählen?“ Auf Schauspielschulen wird definitiv mehr kaputt gemacht als aufgebaut.

Sie standen erstmals mit neun vor der Kamera, bei „Neues aus Uhlenbusch“. Hat Ihnen dazu auch schon Ihre Mutter verholfen?

Ganz im Gegenteil. Da hat mich Hans-Peter (Hans-Peter Korff, der damals mit Monica Bleibtreu verheiratet war – die Red.) damals am Küchentisch gefragt, ob ich das machen wollte. Meine Mutter hat ihm einen bösen Blick zugeschossen, aber es war ausgesprochen. Und ich hab sofort Ja gesagt. Meine Mutter hatte bei der ersten Folge auch am Drehbuch mitgearbeitet, und Hans-Peter war als Onkel Heini sowieso total involviert. Ich durfte dann auch noch eine zweite Folge drehen. Aber das war es dann erst mal. Meine Mutter hat gesagt: Jetzt hast du die Erfahrung gemacht. Wenn du das später mal machen möchtest, dann mit Ausbildung. Das war die Prämisse. Sie hatte Angst, weil sie wusste, wie schwer es für Kinderstars ist, als Erwachsener in dem Beruf zu bestehen. Ich wusste das natürlich nicht – und war tierisch sauer damals. Heute bin ich ihr dankbar. Und ich habe ja trotzdem immer gespielt, in der Schule, in der Theatergruppe, zuhause mit meiner Mutter.

Sie spielen in „Die dunkle Seite...“ an der Seite von Jürgen Prochnow. Der ist früh nach Hollywood gegangen. Sie drehen auch viel im Ausland. Wäre das etwas, was Sie reizt, dort hinzuziehen?

Nein. Ich mache seit zehn Jahren immer wieder Filme im Ausland. Leider sind das oft Filme, von denen hier kaum einer was mitbekommt. Aber das ist eine Lebensentscheidung. Du müsstest wirklich komplett dahin ziehen, wie Jürgen oder auch Thomas Kretschmann, du müsstest da leben wollen. Ich würde mein privates Leben aber niemals meinem Beruf unterordnen. Ich würde nirgends hinziehen, nur weil da Arbeit ist. Ich muss das zum Glück nicht. Als sich in Deutschland alles nach Berlin konzentriert hat, war ich schon so etabliert, dass ich in Hamburg bleiben konnte. Ich wäre aber auch sonst nicht nach Berlin gezogen. Ich bin gern in Los Angeles, drehe da auch demnächst wieder. Aber ich bin immer wieder ganz froh, wenn ich in meinem verregneten Hamburg bin. Wenn ich ehrlich bin, hab ich schon ziemlich viel Glück.

Gehört das nicht zum Gewerbe?

Aber es ist so ungerecht. Ich weiß, dass ich sowas von beschenkt bin. Dass ich Geld dafür bekomme, so zu tun, als wäre ich jemand anderes. Dass, was Kinder nicht genug tun wollen, was man ihnen aber in der Schule abgewöhnt, das darf ich mein Leben lang tun. Und werde auch noch dafür bezahlt. Und bekomme sogar noch Preise dafür.

Aber wieso ist das ungerecht?

Weil es so viele Kollegen gibt, die fünf Mal besser sind als ich, leidenschaftlicher und disziplinierter. Und dann fällt mir das vor die Füße. Ich bin so beschenkt worden, dass mir das nur eins abverlangt: nämlich die Verantwortung, mit diesem Geschenk sorgsam umzugehen. Das ist das Wichtigste: die Demut nicht verlieren.