Die Uraufführung der „Drei Schwestern“ 1901 durch Stanislawski in Moskau soll das Publikum in jeder Vorstellung zu Tränen gerührt haben. Tschechow, heißt es, sei solche Sentimentalisierung unangenehm gewesen. Immer wieder habe er gesagt: „Ich habe doch ein heiteres Stück geschrieben“. Leander Haußmann nimmt sich das zu Herzen und inszeniert „Drei Schwestern“ so kräftig er kann als Screwball-Komödie. Die dezentral erzählten, miteinander verwobenen Schicksale der Schwestern Olga (Laura Tratnik), Mascha (Antonia Bill) und Irina (Karla Sengteller) geben beim von Russische-Seele-Klischees befreiten Draufschauen auch genügend Anlass dazu. Lustig choreographierte Gruppenszenen gibt es in den ersten beiden Akten, sich überschlagende Parallel-Dialoge, Kalauer, Slapstick und plötzlich ausbrechenden Gesang.
Vor allem die scheinbaren Nebenfiguren stellt Haußmann ausgesprochen spaßig auf die Bühne: Georgios Tsivanoglou als sonderlicher Soljony, der letztlich – wie fast alle Herren des Stücks – unglücklich in eine der drei Schwestern verliebt ist. Oder den schlaksigen Axel Werner als versoffenen Untermieter Tschebutykin, immer pendelnd zwischen Armrudern und staubtrockenem Humor. Und selbst der Lehrer Kulygin, Maschas Mann – eine der Figuren, an der sich am deutlichsten ablesen lässt, wovor die Schwestern fliehen wollen, in das sie aber zu tief verstrickt sind: das Mittelmäßige, Genügsame – selbst Kulygin hat, von Boris Jacoby furios gespielt, einen selbstironischen Deutschlehrer-Charme. Im vierten Akt, wenn alles doch noch hart auf hart kommt, wahrt er sogar für Sekunden eine Art kleine Größe.
Uwe Bohm als Oberstleutnant Werschinin – Motor der Handlung wider Willen, der Kopfverdreher, dem gleich zwei der Schwestern erliegen – lässt Haußmann rasselnd wie den fleischgewordenen Hitler-Stalin-Pakt in die erste Szene rauschen. Wenn Bohm, immer ein Bein vorgestellt wie Brad Pitt in „Inglourious Basterds“ über die kommenden, neuen Menschen schwadroniert, über all das, was nach ihrer trüben Gegenwart kommen soll, kann einem – bei allem historisch-utopischen Potential – doch ein wenig bang werden. Denn man könnte Tschechows Episoden aus der Welt des gelangweilten russischen Großbürgertums, das kommende gesellschaftliche Umwälzungen ahnt, teils sogar herbeisehnt als Gegengift zum eigenen Ennui, recht problemlos übertragen auf die aktuelle Situation in Mitteleuropa. Man könnte es in einem teuren Eigentumsloft in Mitte spielen lassen. Oder auf dem Lageso.
Vielleicht hat man aber schon ein paar zu viele dieser ganz direkten Umdeutungen gesehen. Vielleicht hat Leander Haußmann auch ein paar zu viele Spielfilme gedreht. Gemeinsam mit Lothar Holler (Bühnenbild) und Janina Brinkmann (Kostüme) jedenfalls hat er sich entschieden, eine naturalistrische Tschechow-Welt zu bauen voller Paravents, Lüster, Uniformen und Unterröcke, dekoriert mit etwas bröckelndem Putz. Das kann man angenehm oder altbacken finden. Stellenweise ist es so forciert altbacken, dass es fast schon wieder als Avantgarde durchgehen könnte. In dieser ganz auf Zeitlosigkeit angelegten Inszenierung brilliert denn auch vor allem das Ensemble. Allen voran Antonia Bill und Laura Tratnik, die den beiden älteren Schwestern eine fantastische Gefühls-Palette abgewinnen: von ausgelassenem Rumtollen über mütterliche Strenge, biestige Teeniehaftigkeit bis zu tiefer Enttäuschung, zu Wut und Trauer.
Gemeinsam mit der herrliche naiv agierenden Karla Sengteller haben sie im dritten Akt eine große Trioszene, in der Mascha den anderen eröffnet, eine Affäre mit Werschinin zu haben – in heutigem Love-Sprech –, und in der Irinia sich fragt, warum sie sich nicht schon längst vor lauter Sinnlosigkeit umgebracht hat. Das alles verhandeln sie in Nachthemden, wegen eines Brands im Ort, der das halbe Haus verräuchert hat, aus den Betten ins Wohnzimmer vertrieben. Wie die drei einander ohrfeigen und trösten, sich zoffen, sich Mut zusprechen, dabei zu immer neuen Dreierformationen auf die Sofas gelegt, ist die reine Schauspielfreude.
Als zum Schluss klar wird, die Schwestern werden nie nach Moskau zurück ziehen – diese Chiffre für den Traum vom erfüllten Leben – lässt sich die Leichtigkeit der Inszenierung nicht mehr halten. Da schleicht sich doch die Tragödie der Alleingelassenen mit ihren im Alltag steckenden Leben in diesen sonst so bunten Abend. Wie Antonia Bill um den abziehenden Werschinin trauert, Karla Sengteller um den am Tag vor ihrer Hochzeit im Duell erschossnen Baron Tusenbach (teils etwas zu augenrollend: Matthias Mosbach) – Tränen und Schreie, Zusammenbrechen und Sich-Zusammenreißen – das tut fast schon körperlich weh.
Vor dem Theater sieht man danach überall Tschechow-Figuren. Man weiß, man selbst ist auch eine, in den Blicken der anderen. Und man denkt, gerade nach den letzten Monaten in Europa, eher schaudernd daran, was der Baron ganz zu Anfang des Stücks sagt: „Etwas Riesenhaftes rollt auf uns zu, etwas Ungeheuerliches, ein mächtiger Sturm wird unserer Gesellschaft die Trägheit aus den Knochen schütteln und sie aus allen Fugen krachen lassen“.




