Schauspiel

"Theater ist nicht dazu da, aktuelle Phänomene abzubilden“

Dieter Dorn war 28 Jahre Theaterintendant in München. Ein Gespräch über seine Premiere an der Staatsoper, politisches Theater und die Volksbühne

Foto: Massimo Rodari

Die Oper sei für ihn der Ort, um ab und zu einmal Luft zu holen, sagt Dieter Dorn (80). Denn eigentlich ist der Schauspieler und Regisseur ein eingefleischter Theatermann. Jetzt bereitet der frühere Münchner Theaterintendant gemeinsam mit Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper Verdis „La Traviata“ vor, am Sonnabend ist die Premiere. Dorn kehrt damit zurück ins Schiller-Theater, wo er bereits in den 70er-Jahren engagiert war.

Berliner Morgenpost: Herr Dorn, München verliere seine Kreativen an Berlin, stöhnte dieser Tage Bayerns Finanzminister Markus Söder.

Dieter Dorn: Nein, ich sehe da aber keine Konkurrenz. Vielleicht gibt es im Bereich der bildenden Kunst viele junge Leute, die es nach Berlin zieht. Aber dieser Trend gilt wohl für die ganze Bundesrepublik. Alles, was sich unter dem Begriff Hauptstadt verbirgt, wird von der jungen Generation sehr ernst genommen.

München und Berlin sind aber schon so etwas wie die letzten Konkurrenten in ihrem Theater- und Opernangebot?

Ja, aber München muss keine Angst vor Berlin haben. Die Stadt hat genug Potenzial. Und die eine Stadt kriegt ihren Flughafen nicht hin, die andere ringt um ihren neuen Konzertsaal.

An der Berliner Staatsoper haben Sie 1994 mit Daniel Barenboim die „Elektra“ gemacht. Warum waren Sie seither nicht mehr hier?

Ich habe meine Ensemblearbeit an den Kammerspielen und später am Residenztheater immer sehr ernst genommen und als Regisseur nie mit einem anderen Schauspielensemble gearbeitet. Die Oper war eigentlich nur dazu da, ab und zu mal Luft zu holen. Dazu gehörten die Staatsoper, Bayreuth und die Met.

Berlin spielt aber schon eine Rolle in Ihrem Leben?

Ich habe zunächst von 1956 bis 1958 studiert an der von Hilde Körber gegründeten Schauspielschule in West-Berlin. Dann war ich von 1970 bis 1975 am Schiller-Theater. Deshalb war die Verbindung von Barenboim, Schiller-Theater und Staatsoper für mich Grund genug herzukommen.

Sie waren Anfang der 70er-Jahre am Schiller-Theater engagiert. Haben Sie das zum Opernhaus umgebaute Theater jetzt überhaupt wieder erkannt?

Es ist mühsam zu einem Opernhaus gemacht worden. Damals war es noch fast neu. Seine Schließung 1993 war eine erste Warnung für das deutsche Theater. Wenn ein Theater wackelt, schlägt die öffentliche Hand gerne zu. Theaterleute sind aber immer auch ein bisschen selber dran schuld. In Berlin reichte eine Nachtsitzung, die zur Schließung geführt hat.

Zurück zu Ihrer „Elektra“, die 1994 ausgebuht wurde.

Ja, heftig.

Manche Regisseure können mit Buhstürmen nicht umgehen, andere provozieren es sogar.

Ich empfand die Buhs weit unter dem Niveau der Berliner. Ich habe damals auch gesagt, so leicht komme ich nicht mehr her. Rückblickend glaube ich, es war damals auch auf die Opernkonkurrenz in der eigentlich immer noch kulturell geteilten Stadt zurück zu führen.

Jetzt inszenieren Sie Verdi. Was können Sie an „La Traviata“ überhaupt noch neu entdecken?

Die Geschichte hinter dem Stück, die Geschichte des Traumes einer heute wie damals unerfüllbaren Liebe. Verdi hat die Oper in kurzer Zeit komponiert, in Venedig war es ein Riesenreinfall, die Leute haben die Premiere verlacht. Dabei hat Verdi sein eigenes Problem beschrieben. Er war mit einer Frau, der Sängerin Giuseppina Strepponi zusammen, die wegen ihrer unehelichen Kinder keinen guten Ruf hatte. Seine Oper ist ein Versuch über die Liebe, der ursprüngliche Titel, von der Zensur verboten, war „Liebe und Tod“. Eine Kurtisane, die die begehrteste Frau der Stadt ist, lässt sich auf eine bedingungslose Liebe ein. Und dann geht sie den größten Schritt, zu dem Liebe fähig ist, nämlich zu verzichten.

Sie haben in all den Jahren viele Stücke gewälzt. Was sind die wichtigsten für Theater und Oper?

Unser europäisches Theater beruht nach wie vor auf dem antiken griechischen Theater. Die großen Autoren der damaligen Polis sind immer noch die Beispielgeber für heutige Autoren. Es ging nie um den jeweiligen Tag, sondern um die Fragen, wo etwas herkommt und was es bedeutet.

Dann sollte sich das Theater aus der Tagespolitik heraushalten?

Nein, aber es ist schlecht beraten, sich tagespolitischen Themen auszuliefern. Das Theater verfügt über ein ganz anderes Instrumentarium. Es ist nicht dazu da, aktuelle Phänomene abzubilden, sondern sie und ihre Ursachen sinnlich erfahrbar zu machen.

Deutschlandweit befassen sich Theater gerade mit den Themen rechter Gewalt und Flüchtlingen. Also besser Finger weg davon?

Das nicht, aber es gibt ungeheuer gute Schauspieltexte, in denen die Themen Flüchtlinge, aber auch Gewalt, Rassismus und Nationalismus anhand von Geschichten behandelt werden. Das ist etwas anderes, als die Zeitung, das Internet oder das Fernsehen auf der Bühne zu reproduzieren. Brecht hat in seiner „Mutter Courage“ Ende der 30er-Jahre über Menschen im 30-jährigen Krieg geschrieben und nicht über den aktuellen. Und alle wussten, worum es ging. Das Theater sollte das tun, was andere nicht können. Deswegen bin ich auch dagegen, Video und Fernsehen in Inszenierungen hineinzuzwingen. Da wird nur der Technik anderer Medien hinterher gelaufen, und man bleibt trotzdem zweite Liga. Theater ist der leere Raum und der spielende Mensch vor Menschen. Und für mich gehört auch dazu, dass der Mensch nicht einfach so in Gut und Böse eingeteilt wird wie es jeder Fernsehkrimi macht.

Sie sind kein „Tatort“-Fan?

Nein, bestimmt nicht. Ich finde es gruselig. Es gab zeitweilig gute gedruckte Krimis von Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder James Hadley Chase.

Würden Sie jungen Regisseuren empfehlen, sich auf Intendantenposten einzulassen?

Ich wollte selber nie Intendant werden und habe mich nie so gefühlt. Aber es gab keinen anderen Ausweg, um die Produktionsmittel zu behalten. Ich habe das Theater nie als Intendant, sondern als Regisseur einer Truppe geführt. Wenn es Regisseure nicht tun, dann geraten die Bühnen in die Hände von Managern.

Was soll am Modell des Regieintendanten besser sein?

Es ist das Moliersche Modell. Der Autor ist zugleich der Schauspieler und der Impresario. Wenn man gute Mitarbeiter hat, kann man das machen. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht auf das Glatteis der politischen Umstände in einer Stadt begibt und sich instrumentalisieren lässt. Dann gerät das ganze Theater schnell in Interessenkonflikte. Keiner darf denken, dass die Politik das Theater liebt, die wenigsten Politiker gehen wirklich hin.

In Berlin stehen große Theaterneubesetzungen bevor, beispielsweise wird an der Volksbühne Frank Castorf von Chris Dercon abgelöst.

Ich kenne Dercon aus München, er hat im Haus der Kunst sehr gute Projekte gemacht, aber ich finde es gefährlich, dass nur noch die Theaterhüllen stehen bleiben. Welttheater ist so ein modernes Schlagwort. Sicherlich sind Gastspiele und grenzüberschreitende Projekte sehr wichtig. Aber dass nach der Freien Volksbühne im Westen jetzt auch die Volksbühne im Osten ohne Ensemble zur Hülle werden soll, macht mir Angst und Bange. Es gibt gar nicht mehr so viele gute Theater in Berlin.