Theater

Der neue Mensch wird kommen – vorerst muss der alte reichen

Mätzchenfrei: Das Deutsche Theater bietet mit „Väter und Söhne“ einen großartigen Abend

Ein zeitloses, klug ausbalanciertes Gruppenbild mit Dramen: „Väter und Söhne“ von Iwan Turgenjew

Ein zeitloses, klug ausbalanciertes Gruppenbild mit Dramen: „Väter und Söhne“ von Iwan Turgenjew

Foto: Arno Declair / BM

„Wenn etwas nützlich ist – kann es bleiben. Wenn es nicht nützlich ist – weg damit.“ So erklärt Arkadij seine politischen Überzeugungen, hier auf dem Land hat ja noch nie jemand etwas gehört von dem „Nihilismus“, den er und sein Studienfreund Jewgenij aus St. Petersburg in die Heimat tragen, als sie dort ihre Familien besuchen. Die Kunst? Kann weg. Die Poesie auch. Und die romantische Liebe sowieso, dieser unnütze, gefühlsduselige Blödsinn. Was also bleibt? Außer der reinen Wissenschaft wenig bis nichts. Ein neuer Mensch soll kommen. Bis es irgendwann so weit ist, muss man sich allerdings wohl oder übel mit dem alten arrangieren.

Als Iwan Turgenjew Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Roman „Väter und Söhne“ schrieb, war die russische Gesellschaft mitten im Umbruch, daraus entwickelte er seinen literarischen Generationenkonflikt. In den 90er-Jahren bearbeitete der Anfang Oktober verstorbene irische Großdramatiker Brian Friel den Stoff für die Bühne, die Regisseurin Daniela Löffner inszenierte ihn in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Wie präzise sind hier die Figuren entwickelt, wie glühend wird jede einzelne dargestellt und welch gelassene und heitere Milde der gegenseitigen Zugewandtheit liegt trotz all der unterschiedlichen Gesinnungen über diesem Abend. Ganz großes mätzchenfreies Theater ist hier zu bestaunen, und wir Zuschauer sind Gäste auf diesem Fest. Um die mit hellgrauen Holzbohlen belegte Spielfläche mit den vielen Gartenstühlen, ein paar Blumenkübeln und einem alten Plattenspieler ist das Publikum zu allen vier Seiten platziert. Aus den Publikumsreihen heraus, wo die Darsteller zwischendurch immer wieder Platz nehmen, entwickelt Daniela Löffner mit ihrem 13-köpfigen Ensemble vier Stunden lang ein zeitloses, klug ausbalanciertes Gruppenbild mit Dramen.

Und plötzlich zappelt der ideologische Gefühlsverweigerer in der Liebesfalle

Für diese Dramen setzt sie statt auf die gesellschaftlichen ganz auf die individuellen Konflikte. Da ist Helmut Mooshammer als Arkadijs Vater, ein Gutsherr zwischen allen Stühlen, der dem erwachsenen Sohn schwitzend gesteht, dass dieser jetzt einen Halbbruder habe, gezeugt mit der Hausmagd, seiner Geliebten. Oder Oliver Stokowski als Onkel Pawel, der sein einsames Herz mit Eau de Cologne vernebelt und weltmännisch französische Floskeln versprüht. Arkadij selbst ist bei Marcel Kohler ein jungenhafter Heißsporn, der den Freund bedingungslos anhimmelt. Diesen Jewgenij Bazarow dagegen gibt Alexander Khuon als zugeknöpften freien Radikalen. Ein Rationalist, dessen arrogante Bedingungslosigkeit die Menschen anzieht. Vor allem Gutsbesitzerin Anna (Franziska Machens mit stolzer Eleganz). Und plötzlich zappelt der ideologische Gefühlsverweigerer in der Liebesfalle. Er, der für seine rhetorischen Fähigkeiten schon Medaillen bekam, kriegt plötzlich kein Wort mehr hinter das andere. Sie alle ringen mit sich und den anderen, sie können nicht raus aus ihrer Haut und wollen doch so sehr verstanden werden und geliebt.

Zwischen „Gegessen wird um sieben“ (so will es der Gutsherr) und „larmoyantem Bildungsbürgergequatsche“ (befindet Jewgenij Bazarow) wird gestritten und geliebt, Hagebuttentee getrunken, getanzt und gesungen: „Reich mir die Hand, mein Leben“ aus Mozarts Don Giovanni und anderes. Einmal wirft sogar der alte Diener Pjotr (Markwart Müller-Elmau) seinen Frack in die Ecke und schleudert ekstatisch zappelnd die Hände in den gelben Gummihandschuhen durch die Luft. So ist das an diesem Abend bei jeder einzelnen Figur, sie haben ihre Fassaden, sie haben ihre Abgründe, sie entwickeln sich, man verbringt vier Stunden mit ihnen, in denen sie uns naherücken, in denen wir ihre Vielschichtigkeit begreifen, denn Daniela Löffner geht da ganz unparteiisch vor, sie zeichnet keine Unsympathen oder strahlenden Helden. Jewgenijs Vater Wasilij zum Beispiel, der bei Bernd Stempel zum lateinisch dozierenden Biedermann wird, nervt natürlich gewaltig, aber wie rührend weich ist dieser zackige Pullunderträger dann plötzlich in der ungelenken Umarmung, die ihm sein Sohn völlig überraschend und ganz offensichtlich erstmals gewährt. Dreizehn bunte Riesenluftballons, befestigt an flexiblen Stangen, neigen sich über dieses Panorama, einer für jeden. Am Ende sind sie alle zerplatzt und Jewgenij Bazarow ist tot. Ausgerechnet er, der Wissenschaftsgläubige, muss sterben, weil der medizinische Fortschritt nicht ausreichte, ihn vor dem Typhus zu bewahren.

17. und 25. Dezember, 19.30 Uhr, Deutsches Theater, Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225