Erst mal den Gatten küssen. Dann die Robe anheben, um auf dem Weg auf die Bühne nicht zu stolpern. Den Goldbuben entgegennehmen. Und dann, ganz wichtig, Demut zeigen. Julianne Moore hat bei der diesjährigen Oscar-Verleihung allen gezeigt, wie man es richtig macht, wenn man als beste Schauspielerin ausgezeichnet wird.

„Sowas wie eine Best Actress gibt es nicht“, sagte sie und rang mit den Worten, „das haben meine mit-nominierten Kolleginnen bewiesen. Es ist eine Ehre, unter euch zu sein.“ Am Oscar hängt, zum Oscar drängt doch alles in der Filmbranche. Und das seit nunmehr 73 Jahren.
Diesen magischen Momenten zwischen Bangen und Triumphieren spürt nun eine herrliche Ausstellung in der Deutschen Kinemathek am Beispiel der wohl glamourösesten Kategorie vor: „Best Actress“. Dabei geht es, so der Untertitel, um „Oscars. Rollen. Bilder.“
Die Frauen siegen für Opfer, die Männer für Täter
Es ist, erst mal, ein Gang durch die Filmgeschichte. Von der ersten Oscar-Verleihung 1929 bis zur jüngsten. Im ersten Stock des Museums sehen wir für jede Preisträgerin Filmstills der Oscar-Rollen wie auch Fotos von der Überreichung.
Das führt zu einer ersten interessanten Erkenntnis: Die männlichen Kollegen werden oft für aggressive Figuren, böse Charaktere, Täter ausgezeichnet. Die Frauen dagegen überwiegen in Opferrollen.
Es ist dann auch ein Gang durch die Emanzipationsgeschichte: wie Frauen immer stärker werden. Eine häufig wiederkehrende Rolle, die oscar-gekörnt wird, ist die Prostituierte. In den 40er- und 70er-Jahren werden auch arbeitende Frauen ein Vorbild, während es auch im Film den Rückschritt in den 50er-Jahren gibt.

Frauen in Machtpositionen bleiben bis heute die Ausnahme. Dafür gibt es eine auffallende Häufung für psychisch oder physisch kranke Figuren wie Cate Blanchett in „Blue Jasmine“ (2014) oder eben Julianne Moore im Alzheimer-Drama „Still Alice“ (2015).
Und es ist natürlich auch ein Gang durch die Oscar-Geschichte. Niemand gewann so oft wie Katherine Hepburn (vier Mal, aber nie war sie anwesend). Die älteste Siegerin war 80, die jüngste 21. Nur eine Deutsche war darunter, Luise Rainer, dafür aber gleich zwei Mal hintereinander, 1937 und 1938.
Auch eine Geschichte der Oscar-Verleihung
Die ersten Jahre über wurden die Trophäen noch in einer branchen-internen Zeremonie verliehen und dauerten nur 15 Minuten. Oft wurden sie zeitgleich in Los Angeles und New York gefeiert, damit auch Broadway-Stars dabei sein konnten. Lange waren die Preisträger vorab bekannt, erst ab den 40er-Jahren wurde darum ein großes Geheimnis mit den berühmten Kuverts gemacht.
In dieser Zeit gab es die ersten Radio-Übertragungen. Das kann man sich sehr anschaulich aus einem alten Radio vom Oscar-Abend 1944 anhören. 1951 hat dann erstmals das Fernsehen übertragen, wobei einige Produzenten ihre Nominierten zum Boykott aufforderten: weil das Fernsehen ja der große Konkurrent des Kinos war.

Judy Holiday, die Best Actress jenes Jahres, brachte sich so um ihren großen Auftritt, weil sie sich durch Ethel Barrymore vertreten ließ. Aber schon bald wurde der Branche klar, welche Werbekraft der Oscar fürs US-Kino ist. Heute dauert eine Verleihung dreieinhalb Stunden, bei der letzten sahen eine Milliarde Menschen weltweit zu.
Die Kuratoren Daniela Sannwald und Nils Warnecke haben die Ausstellung, die zuerst in Turin zu sehen war, erheblich erweitert. Das ermöglicht noch ganz andere Einblicke. Während die Räume im ersten Stock die Rollenmodelle im Film thematisieren, geht es im zweiten Stock um die Oscar-Show selbst. Und siehe da: Die Filmrollen hören mit der Klappe nach der letzten Szene durchaus nicht auf. Auch die Oscar-Nacht gehört unweigerlich dazu.

Wie man sich kleidet. Und vor allem: Wie man sich bedankt. Auf einer großen Leinwand sieht man alle Best Actresses gleichzeitig in einer wunderbaren Montage, in einer Media-Station kann man all die Dankesreden, die „Acceptance Speeches“, einzeln anwählen. Was gut vier Stunden Material ergibt. Und siehe: Auch diese Dankes-Momente sind einstudierte Rollen, die zwar immer wieder variieren, aber doch bestimmten Schemata folgen – so spontan sie oft erscheinen mögen. Eine einmalige Lektion in Glamour.

Zu sehen sind 380 Exponate, Fotos, Filmplakate, Kostümentwürfe, Oscar-Programmhefte aller Jahre. Gekrönt wird das Ganze durch Originalkostüme. Das Unterhemd, das Liz Taylor in „Butterfield 8“ trug. Oder das Südstaaten-Kleid von Vivien Leigh in „Vom Winde verweht“.
Es sind aber auch die Roben der Stars am Abend der Verleihung zu sehen, wie Julia Roberts traumhaftes Valentino-Kleid oder Cate Blanchetts Pailletten-Plastikgestell von Armani.
Wie das den ganzen Abend gepiekt haben muss und sie dennoch strahlen konnte, gehört zur Hohen Kunst des Startums. Das erklärt auch schon, warum Best Actresses das sehr viel ergiebigere Thema für eine solche Schau sind als Best Actors.





