Film

Filmstandort Berlin - Ganz Hollywood dreht hier

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Zander
In vielen internationalen und nationalen Produktionen steht Berlin zurzeit im Mittelpunkt. Im Uhrzeigersinn (v. li. oben): Clare Danes lebte für die Aufnahmen zur fünften „Homeland“-Staffel monatelang in Berlin. Matt Damon filmte für den nächsten Teil der Jason-Bourne-Serie an der Spree, Til Schweiger dreht gerade „Vier gegen die Bank. Bei den Aufnahmen für „Bridge of Spies“ gesellte sich Angela Merkel zu Regisseur Steven Spielberg (li.) und Schauspieler Tom Hanks

In vielen internationalen und nationalen Produktionen steht Berlin zurzeit im Mittelpunkt. Im Uhrzeigersinn (v. li. oben): Clare Danes lebte für die Aufnahmen zur fünften „Homeland“-Staffel monatelang in Berlin. Matt Damon filmte für den nächsten Teil der Jason-Bourne-Serie an der Spree, Til Schweiger dreht gerade „Vier gegen die Bank. Bei den Aufnahmen für „Bridge of Spies“ gesellte sich Angela Merkel zu Regisseur Steven Spielberg (li.) und Schauspieler Tom Hanks

Foto: Chad Buchanan/GC Images (2), Guido Bergmann/Bundesregierung via Getty Images, Sean Gallup/Getty Images for GQ, iStock (2), Montage: BM / Montage: BM

Ganz Hollywood dreht in Berlin. Der Filmstandort wird immer beliebter. Das drohte zu Ende zu gehen. Dann kam Rettung in letzter Sekunde.

Schauen wir doch nur mal in den November, was da filmmäßig los war in Berlin. Am 4. November stellte Hollywood-Darling Jennifer Lawrence den letzten Teil der „Tribute von Panem“-Reihe vor, „Mockingjay 2“, von denen etliche Sequenzen in der deutschen Hauptstadt gedreht wurden.

Am 13. November kamen Steven Spielberg und Tom Hanks in die Stadt, um die Premiere von „Bridge of Spies“ zu feiern, der vom ersten Agentenaustausch im Kalten Krieg zwischen Amerikanern und Russen in Berlin erzählte und für dessen Höhepunkt vier Tage lang die titelgebende Glienicker Brücke gesperrt wurde.

„Es ist kein Bourne ohne Berlin“

Drei Tage später, am 16. November, fiel die erste Klappe für eine neue amerikanische Serie, „Berlin Station“, in der „Hobbit“-Star Richard Armitage als CIA-Agent undercover an der Spree operiert. Am 20. November fiel die letzte Klappe für die fünfte Staffel „Homeland“, die komplett vor Ort entstand und für die Clare Danes monatelang in der Stadt wohnte.

Ab diesem 20. November stand Brad Pitt hier für zwei Tage vor der Kamera, für den Netflix-Film „War Machine“. Und nur einen Tag später kam auch Matt Damon, um einige Kernszenen des mittlerweile fünften Jason-Bourne-Films zu drehen, die, wie schon in Teil zwei und drei, vor Ort spielen. „It’s not a Bourne-Film if we don’t come to Berlin“, schrieb Damon dem Filmstudio Babelsberg ins Gästebuch.

Kein Zweifel: Die Filmstars drücken sich in Berlin die Klinke in die Hand. Es scheint, als ob ganz Hollywood darauf versessen wäre, hier zu drehen. Anfang August hat ja bereits das Marvel-Imperium hier die Zelte aufgeschlagen und Teile des dritten „Captain America“-Films am Potsdamer Platz realisiert.

Auch Gore Verbinski, der „Fluch der Karibik“-Regisseur, hat hier sein neues Werk „A Cure for Wellness“ inszeniert. Und der Hans-Fallada-Roman „Jeder stirbt für sich allein“, der 1976 schon einmal mit Hildegard Knef adaptiert wurde, wurde gerade als internationale Produktion mit Emma Thompson, Brendan Gleeson und Daniel Brühl neu verfilmt.

Bei soviel Prominenz hält selbst die Hohe Politik Hof. Und sonnt sich im Glamour der Filmstars. Unvergessen, wie Angela Merkel vor ziemlich genau einem Jahr mit Steven Spielberg und Tom Hanks bei kalten Temperaturen auf der zugigen Glienicker Brücke stand und lächelte.

Eiszeit in der Branche

Der Eindruck täuschte. Tatsächlich gab es so etwas wie eine kleine Eiszeit zwischen der Filmbranche und der Politikkaste. Streckenweise schien es gar, als ob die Hauptstadt als internationaler Filmstandort überhaupt keine Zukunft mehr haben würde. Dazu muss man sich ein wenig in die nicht so einfach zu überblickende Landschaft der deutschen Filmförderung vertiefen, die sich aus vielen staatlichen und regionalen Fördertöpfen zusammensetzt.

Alles begann damit, dass der Deutsche Filmförderfonds mit dem knappen Kürzel DFFF – der größte Topf aus dem Staatshaushalt, der vor allem die Filmwirtschaft auch bei internationalen Großproduktionen stützen soll - 2014 kurz nach dem Amtsantritt der neuen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), statt wie von ihr versprochen, erhöht zu werden, von 60 auf 50 Millionen gedrückt wurde. Sogar eine weitere Kürzung drohte. Die Filmwirtschaft, namentlich die Produzenten liefen Sturm. Und das Filmstudio Babelsberg bangte um die schiere Existenz.

Signal auf Dunkelrot

„Die Signale für uns“, so Christoph Fisser, „standen wirklich auf Dunkelrot.“ Einige prestigeträchtige Produktionen, so der Babelsberg-Vorstand, seien dem Studio dadurch verloren gegangen. Etwa „Ghost in the Shell“ mit Scarlett Johansson, was nun in Neuseeland gedreht wird.

Die Fortsetzung der Nazi-Parodie „Iron Sky“, die nach Belgien abgewandert ist. Oder, noch fataler, „The Coldest City“, ein Drama mit Charlize Theron, das im letzten Jahr des Kalten Krieges in Berlin spielt, nun aber in Ungarn gedreht wird.

Der DFFF-Topf für das Jahr 2015 war eigentlich schon im Mai ausgeschöpft. Deshalb sollte es einen Vorgriff auf die Mittel von 2016 geben. Das aber hätte das Problem nur um wenige Monate verlagert. „Das wäre für uns die rote Karte gewesen“, so Fisser, „wir können nicht Projekte anschieben, die dann im Sommer kommen und dann ist kein Geld da.“

Selbst ein deutscher Schauspielstar wie Sebastian Koch, der sowohl bei „Homeland“ als auch bei „Bridge of Spies“ mitwirkte, ärgerte sich über die Kurzsichtigkeit der deutschen Politik. „Die kommen ja nicht alle nach Berlin, weil wir so toll sind“, echauffierte er sich in einem Interview mit dieser Zeitung: „Sondern weil wir so toll sind und es sich rechnet. Wenn es sich aber nicht mehr rechnet, können wir so toll sein, wie wir wollen.“

Plötzliche Kehrtwende: Grütters und Gabriel geben Geld frei

Dann aber gab es gleich zwei Wunder, wie es sie eigentlich nur im Film geben kann. Die Bundesregierung hat in ihrer letzten Lesung den Etat des Bundeskulturministeriums aufgestockt. Davon profitiert nicht nur die kulturelle Filmförderung, die von knapp fünf um das Vierfache auf nun 20 Millionen aufgestockt wurde. Sondern auch die wirtschaftliche Filmförderung, ergo der DFFF.

Dessen Höhe wurde verbindlich für die nächsten drei Jahre auf 50 Millionen Euro festgesetzt. Darüber hinaus werden auch alle Förderanträge, die für 2015 eingegangen sind, noch bewilligt, ohne auf den Etat des kommenden Jahres angerechnet zu werden. Monika Grütters zauberte diese Lösung werbewirksam zur Berliner „Bridge of Spies“-Premiere aus dem Ärmel. Um sich auch zwischen Tom Hanks und Steven Spielberg sonnen zu können.

Vor drei Tagen zog nun auch Sigmar Gabriel (SPD) nach. Der Bundeswirtschaftsminister hatte schon nach der Reduzierung des DFFF 2014 zusätzliche Fördermittel aus seinem Etat angekündigt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass der „Siggi-Fonds“, wie er branchenintern gehandelt wurde, eine Teilkompensation, gar ein Denkzettel für die Dame aus der anderen Partei sei.

Zwei Fonds mit komplizierten Kürzeln

Gabriels Fonds, lange angekündigt und seit Donnerstag Realität, trägt ebenfalls einen Namen mit vielen Buchstaben: Der German Motion Picture Fund (GMPF) ist mit zehn Millionen Euro pro Jahr ausgestattet, richtet sich aber nicht nur an große Filmproduktionen, sondern ausdrücklich auch an aufwändige Serienformate und die Stärkung von Animations-Effekten. „Heute ist ein wichtiger Tag für die deutsche Filmbranche“, jubelte denn auch Alexander Thies, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Produzentenallianz.

Ein Grundproblem freilich bleibt. Gut 80 Länder buhlen weltweit um große Filmproduktionen, und Tschechien, Ungarn und neuerdings auch Belgien werden immer stärkere Konkurrenten. In dieser massiv veränderten Filmwelt „sind wir nicht mehr komplett konkurrenzfähig“, wie Kirsten Niehuus, die Geschäftsführerin vom Filmboard Berlin-Brandenburg, zugibt. In Ländern wie Großbritannien ist die Filmförderung steuerinduziert.

Wer dort einen Film dreht, bekommt einen 25-prozentigen Steuererlass. Das deutsche Fördersystem ist dagegen ein Rabattsystem von Finanzzuschüssen, mit Kappungsgrenzen. Beim DFFF etwa liegt der zu vergebende Höchstwert bei einem Film bei zehn Millionen. Anderswo ist der Anreiz eindeutig größer. So hatte etwa Ridley Scott überlegt, seinen „Marsianer“ in Babelsberg zu realisieren, entschied sich dann aber doch für Budapest: wegen des höheren Steuernachlasses.

„Für einen Produzenten, der ich ja auch bin, ist so was ausschlaggebend“, sagte der Regie-Altmeister. „Ein Steuer-System wäre viel besser für uns“, meint denn auch Christoph Fisser, „das kann man nicht deckeln.“ In England wird auch ein Blockbuster mit 200 Millionen Euro Budget zu einem Viertel gefördert, in Deutschland wäre das schon der Gesamtetat des DFFF für ein ganzes Jahr. Ganz große Produktionen wie „Star Wars“ oder Marvel-Filme werden deshalb nie zur Gänze in der Bundesrepublik entstehen.

„Homeland“ ist ein Aushängeschild für die Stadt

Der Medienboard wird nicht müde, die Wirtschaftskraft der Filmbranche zu betonen. Der Regionaleffekt liegt hier bei 432 Prozent: Für jeden geförderten Euro fließen fast fünf Euro zurück. Darüber hinaus ist eine Serie wie „Homeland“ ein einzigartiges, weltweites Aushängeschild für die Stadt. Außerdem finden hier gleich mehrere Transfers statt.

Da ist der Knowhow-Transfer: Allein bei „Homeland“ waren 500 Deutsche beteiligt, die mit dem Höllentempo bei einer US-Serienproduktion mithalten mussten, wo die ersten Folgen schon gesendet werden, während die letzten noch im Dreh sind. Da wurden schon mal drei Motive an einem Tag gedreht, und die Mitwirkenden mussten lernen, dass manchmal auch die zweitbeste eine gute Lösung ist. Das führt auch zu einem Mentalitätstransfer.

Dann aber ist vor allem auch ein kultureller Transfer zu verzeichnen: Serien wie „Homeland“ oder nun auch „Berlin Station“ passen ihre Thrillerplots auf fotogene Ecken von Berlin an, lassen sich also von ihrem Drehort inspirieren. Und bei Produktionen wie „Bridge of Spies“ oder auch „Alone in Berlin“ stellt die Stadt nicht nur die Kulissen, sie liefert die Handlung selbst.

Das gilt übrigens auch, um nicht immer nur ausländische Produktionen zu nennen, für Tom Tykwers groß angelegte Fernsehserie „Babylon Berlin“ nach den historischen Berlin-Krimis von Volker Kutscher. Eine Produktion, die klar vom „Siggi-Fonds“ profitieren wird.

Der Gabriel-Fonds wird nicht ausreichen

Für eine andere Serie freilich kommt Gabriels GMPF zu spät: Die „Homeland“-Macher hätten auch die sechste Staffel gern in Berlin gedreht. Da die Signale damals aber auf Ablehnung standen, werden sie wohl auf eine andere Stadt ausweichen.

Durch die doppelte Absicherung DFFF und GMPF geht das Filmstudio Babelsberg erheblich zuversichtlicher ins neue Jahr. „Aber ganz glücklich“, so Christoph Fisser, „sind wir noch immer nicht.“ Auch Kirsten Niehuus bleibt skeptisch: „Ich glaube nicht, dass der Gabriel-Fonds ausreichen wird.“ Sigmar Gabriel schüttet aber nicht nur seinen eigenen Gabentopf aus. Das Bundeswirtschaftsministerium will auch ein Gutachten in Auftrag geben, das einen Vergleich mit anderen Ländern macht und die volkswirtschaftlichen Effekte darstellt. Davon erhofft sich die Branche viel.