Eigentlich hat der Film doch alles, was man braucht. Er hat Angelina Jolie und Brad Pitt, das berühmteste, das heißeste Paar der Welt, in ihrem ersten Film seit „Mr. & Mrs. Smith“, bei dem sie sich 2005 kennen und lieben lernten. Irgendwie feiert „Brangelina“, wie man das symbiotische Gespann gern verkürzt, damit sein Zehnjähriges – oder auch den ersten Hochzeitstag seit ihrem Jawort vor einem Jahr.

Darüber hinaus ist „By the Sea“ ein Erotikdrama, es geht um Sex, Verlangen und Voyeurismus, das treibt die Leute doch erst recht in die Kinos. Und dann hat Frau Jolie auch noch eine Nacktszene, obwohl sie genau wissen musste, wie sehr das Publikum darauf schauen wird, nachdem sie sich ihre Brüste entfernen ließ. Aber jeder Produzent muss sich da siegesgewiss die Hände reiben. Ein Selbstläufer. Ein Nullrisiko. Eine sichere Bank.

Fotogen verschmiert die Wimperntusche

Und dann das. „By the Sea“ ist ein Rohrkrepierer. Eine Nullnummer. Und schuld daran ist Angelina Jolie selbst. Die hier nicht nur als Hauptdarstellerin agiert, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat und abermals auf dem Regiestuhl Platz genommen hat.

Dabei fängt alles so gut an. Ein Citroën DC fährt an der Südküste Frankreichs entlang. Mit offenem Verdeck. Der Mann, er heißt Roland und soll Schriftsteller sein, sitzt am Steuer; seine Frau, Vanessa, von der wir später erfahren, dass sie einmal eine Tänzerin war, sitzt daneben, ihr Tuch weht im Fahrtwind. Es ist ein bisschen wie in „Über den Dächern von Nizza“, nur dass man hier im 70er-Jahre-Outfit schwelgt. Nostalgie pur, Retrocharme. Und der österreichische Kamerameister Christian Berger („Das weiße Band“) fängt das in schönen, elegischen Bildern ein.

Aber dann hält das Auto, und gleich verliert der Film an Fahrt. Das Paar hält in einem malerischen Städtchen, nimmt sich ein Zimmer mit Meerblick. Roland stellt demonstrativ eine Schreibmaschine auf den Tisch. Sitzt dann aber nur im örtlichen Bistro, um seine Schreibhemmung runterzuspülen. Während seine Frau sich im Hotelzimmer verkriecht, höchstens mal auf eine Liege auf dem Balkon legt, meist aber im Bett vor sich hindämmert.

Szenen einer Ehe. Da giert man natürlich, wenn das ein reales Ehepaar spielt, auf außerkinematographische Erkenntnisse und halbprivate Einblicke. Und was das betrifft, hat ein anderes Promipaar, Liz Taylor und Richard Burton, das Brangelina der 60er-Jahre, die Messlatte mit der lustvollen Seelenzerfleischerei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ja recht hochgelegt. Hier dagegen stagniert der Film.

Irgendetwas stimmt nicht bei diesem Paar, schon klar, aber was, dass will uns die Drehbuchautorin/Regisseurin/Hauptdarstellerin nicht sagen. Stattdessen kullern ihr nur immerzu sehr fotogene Tränchen über die Wangen, und dann verläuft die Wimperntusche ausdrucksstark auf ihrem Gesicht.

Nach gut einer Stunde kommt dann das Loch in der Wand ins Spiel. Ein junges Paar, offensichtlich frisch vermählt, hat sich im Nebenzimmer einquartiert. Es macht all das, was der Zuschauer so gern von den Stars erwartet hätten. Vanessa die apathisch am Boden hockt, entdeckt dieses Loch. Und schaut herüber.

Zwei Top-Stars zu Spannern degradiert

Erst tut sie das allein, später wird sich ihr Mann dazu gesellen. Vereint im Begaffen der anderen! Für einen kurzen Moment blitzt die Hoffnung auf, dieser gemeinsame Voyeurismus könnte ihre eigene Lust anregen, ihrer Apathie ein Ende setzen. Er macht es eher noch schlimmer. Die Gattin gefährdet nun gleich zwei Ehen. Es scheint etwas höchst Zerstörerisches in dieser Vanessa zu brodeln.

Das muss man erst mal fertig bringen, das Top-Paar des Globus zu Begaffern eines anderen zu degradieren. Den Schlüssellocheffekt hat der Zuschauer natürlich andersrum erwartet. Aber, das Schlimmste von allem, schon dieses heimliche Spannen hat keinen Reiz mehr. Weil der Zuschauer das Interesse an den beiden Hauptfiguren längst verloren hat.

Vielleicht hatte Frau Jolie ja so etwas wie einen alten Antonioni-Film vor Augen. Da ging es auch immer um Entfremdung, um Paare, die einander verloren haben. Da wurde das aber auch in Bilder gegossen, in denen Säulen zwischen den Menschen standen und ihre Entfernung unterstrichen.

Bei „By the Sea“ sehen wir Herrn Pitt nur immer ins Glas gucken. Und Frau Jolie ins Leere starren. Ohne dass die Handlung vorankäme. Welches Geheimnis ihre Ehe umwölkt, wird erst ganz am Ende des überlangen 130-Minüters erklärt, und die Auflösung ist dann an Banalität kaum zu übertreffen.

Angelina Jolie hat schon zwei Filme inszeniert. Mit ihrem ersten, „In the Land of Blood and Honey“, hat sie den Bosnienkrieg aus dem Blickwinkel vergewaltigter Frauen gezeigt und die Kritiker verblüfft. Auch wenn sie die Gewaltszenen allzu drastisch ins Bild rückte.

Ihr zweiter Film „Unbroken“ war ein Kriegsgefangenendrama, in dem ein Olympiastar zum Märtyrer wird, wobei die Gewaltszenen wieder mit einer seltsamen Lust zelebriert wurden.

„By the Sea“ sollte nun ihr privatester, persönlichster Film werden. Er zeigt aber tragischerweise nur das Unvermögen der Regisseurin, ein kleines Kammerspiel mit großer Dramatik aufzufüllen. Stattdessen alles Behauptung, alles Oberfläche, wohlfeile Hülle. Eine Vase, aber ohne Blumen drin.

Menetekel für die Ehe?

„By the Sea“, der am 10. Dezember in den deutschen Kinos anläuft, beweist nur einmal mehr, dass ein Star noch keinen guten Film garantiert. Das ist umso schmerzlicher, da Frau Jolie hier erstmals unter ihrem vollen Namen Angelina Jolie Pitt antritt und angedeutet hat, dieser Film könnte ihr letzter vor der Kamera sein, weil sie künftig nur noch dahinter stehen möchte.

Das sollte sie sich noch mal gut überlegen. Die Kritiken in den USA jedenfalls waren hämisch bis verheerend. Und ob sie mit diesem Film ihrer Ehe einen Gefallen getan hat, bleibt auch abzuwarten.