Das erste Mal passiert es der Professorin mitten in einer Vorlesung. Ausgerechnet in einem Vortrag über essenzielle Formen der Kommunikation hat Alice Howland einen Aussetzer, steht quälend lange Sekunden da und weiß nicht mehr weiter. Beim zweiten Mal joggt sie wie gewöhnlich über den Campus, weiß aber plötzlich nicht mehr, wo sie ist. Und an Weihnachten, als die ganze Familie versammelt ist, weiß sie plötzlich das Rezept für die Lieblingsnachspeise der Jüngsten nicht mehr. Die Hausärztin meint anfangs noch, das seien nur die Wechseljahre. Schon bald aber konsultiert Alice einen Neurologen. Ihre Angst, möglicherweise einen Gehirntumor zu haben, kann er zerstreuen. Seine Diagnose ist dann aber genauso niederschmetternd: Bei ihr wird Alzheimer festgestellt.

Alzheimer im Kino, das ist nichts Neues mehr. Judi Dench hat es in „Iris“ ereilt, Julie Christie in „An ihrer Seite“, Hannelore Elsner in „Das Blaue vom Himmel“ und zuletzt Dieter Hallervorden in „Honig im Kopf“. Das Verstörendste an dem jüngsten Film zum Thema, „Still Alice“ von Richard Glatzer und Wash Westmoreland, ist, dass es einmal nicht eine ältere Person trifft, sondern eine Frau in den besten Jahren. Alice ist gerade 50 geworden, eine erfolgreiche Wissenschaftlerin mit einem erfolgreichen Arzt an ihrer Seite und drei erwachsenen Kindern. Sie leidet an einem seltenen Typus der Krankheit, der schon früher ausbricht. Und auch noch vererbbar ist. Neben der Sorge um die eigene Zukunft muss die Mutter auch noch um das Schicksal ihrer Kinder bangen. Und fühlt sich schuldig. „Warum“, fragt sie einmal voller Verzweiflung, „konnte ich nicht Krebs haben? Dann müsste ich mich nicht so schämen.“

Momente absoluter Isolation

Ganz behutsam, aber umso verstörender lenken die Regisseure Wash Westmoreland und Richard Glatzer die Krankheit in den Brennpunkt ihres Filmdramas. Das wird auf sehr filmische Weise erfahrbar gemacht: Die Kamera fokussiert ganz auf Helen, „klebt“ geradezu an ihr, während die Welt um sie herum unscharf wird. Ein einfacher Brennweiteneffekt, der einen aber in digitalen Zeiten, da wir alle nur noch gestochen scharfe Bilder gewohnt sind, beinahe taumeln lässt. Auch der Ton wird dabei verfremdet, wir hören nur noch das Atmen der Frau, nicht mehr die Geräusche um sie herum. Ein Schock, ein Moment der absoluten Isolation.

Und vor allem besticht dieser Film natürlich durch die Leistung der Hauptdarstellerin. Julianne Moore hat für ihre Alice in der vergangenen Woche zurecht den Oscar erhalten. Natürlich gibt es gleich wieder böse Zungen, die raunen, „kranke Rollen“ seien immer Oscar-Anwärter. Und ein bisschen ist ja schon dran, hat doch auch Eddie Redmayne seinen Oscar für die Darstellung des Physikgenies Stephen Hawking erhalten, der durch die Nervenkrankheit ALS immer mehr gezeichnet wird. Aber oscar-typisch sind solche Rollen nur insofern, als sie besondere Herausforderungen darstellen, in denen die Schauspieler nicht nur markante Charaktere anlegen müssen, sondern auch oft extreme Wandlungen durchleben.

Berührende Szenen mit Kristen Stewart

Julianne Moores prägnantes, luzides Gesicht ist da wie ein offenes Buch, in dem wir all ihre Gefühle lesen können. Ihre zunehmende Verzweiflung, wenn sie Worte vergisst, die Orientierung verliert, sich Termine nicht mehr merken kann. Ihre Angst, sich selbst zu verlieren. Und ihre Abgeklärtheit, sich damit abzufinden. Bis dieses Gesicht am Ende geradezu erlischt. Ergreifend, wie sie anfangs, noch Herrin ihrer Lage, für ihr späteres Selbst eine Videobotschaft aufzeichnet, wo sie die Schlaftabletten findet und wie sie sie einzunehmen hat. Erschütternd aber, wenn sie den Film später wirklich abspielt und wir zwei völlig verschiedene Alices in einem Bild sehen. Wie Julianne Moore gegen die Angst, die eigene Identität zu verlieren, anspielt, das geht unter die Haut.

Ihr Umfeld muss nicht nur gegen diese Krankheit, sondern auch gegen Moores überragendes Spiel antreten. Das gelingt nicht immer überzeugend, wie bei Alec Baldwin als Alices Mann, aber sehr bewegend, ja fast schmerzhaft bei den Mutter-Tochter-Szenen mit „Twilight“-Star Kristen Stewart.

Später Lauf mit 54

Julianne Moore, die Rothaarige mit den markanten Sommersprossen und der markant hohen Stirn, ist eine große Muse, eine Heroine des Arthouse-Kinos, die ihre Stärken vor allem in intensiven Dramen wie „The Hours“ oder „Dem Himmel so fern“ beweist, aber auch in Mainstreamproduktionen wie „Jurassic Park 2“ oder zuletzt „Die Tribute von Panem“ ihre Frau zu stehen weiß. Doch so sehr man sie immer für ihre Arbeit geschätzt hat, die ganz große Reputation hat lange auf sich warten lassen.

Nun aber, mit 54 Jahren, in einem Alter, in dem es nicht gerade leicht ist für Frauen im Filmgewerbe, hat sie das, was man einen Lauf nennt. Erst im vergangenen Jahr wurde sie in Cannes für ihre Rolle in David Cronenbergs Hollywoodsatire „Maps to the Stars“ als beste Schauspielerin gefeiert. Und mit „Still Alice“ hat sie gleich 21 internationale Auszeichnungen gesammelt, vom Golden Globe über den Bafta bis zum Oscar, den sie nun, im vierten Anlauf, endlich bekommen hat.

Schöner Film und schlechter Film

Bei ihrer Oscar-Rede dankte sie explizit den Filmemachern, die das Alzheimer-Drama auf die Leinwand gebracht hatten. Weil einer der Regisseure, Richard Glatzer, selber an einer schweren Nervenkrankheit leidet, aber diesen Film trotzdem unbedingt machen wollte. Und weil ein solcher Stoff nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist. „Niemand“, hat die Autorin der Buchvorlage, Lisa Genova, zuvor geklagt, „wollte einen Film über eine Frau mittleren Alters machen.“

Eine schreckliche Ironie will allerdings, dass „Still Alice“ in Deutschland nun just in derselben Woche ins Kino kommt wie „The Seventh Son“, ein alberner Fantasystreifen, in dem Julianne Moore ebenso vergeblich wie Jeff Bridges gegen Computereffekte und heroischen Kitsch anzuspielen sucht.