Sie ist erst 23 und hat schon in zwei der erfolgreichsten deutschen Filme mitgespielt: In „Fack ju Göhte“, der 7,4 Millionen Zuschauer hatte und „Fack ju Göhte 2“, der diesen Erfolg noch mal übertrumpfen konnte.
Sie spielt da diese kaugummikauende Kunstfigur einer Prollgöre von der Straße. Seit Teil eins sind Sprüche wie „Du, Herr Müller“ und „Chantal, heul leise!“ Kult, in Teil zwei hat sie sogar Ko-Star Karoline Herfurth im Vorspann vom zweiten auf den dritten Platz geschubst.
Bei Elyas M’Barek ist das viel krasser
Andere könnte so ein Sensationserfolg vielleicht aus der Bahn tragen. Nicht so Jella Haase. „Ich wach jetzt nicht auf und denke: Ich habe in zwei Hits mitgespielt.“ Man rutsche halt da rein, auf einmal sei das so. „Für mich ist das etwas Abstraktes.
Das ist nicht greifbar, das sind nur Zahlen.“ Auch den Ruhm wischt sie beiseite. Ihr Leben könne sie nach wie vor ganz normal leben. Da habe sie sich Schutz aufgebaut. „Ich glaube, für Elyas“ – sie meint Elyas M’Barek, den Herrn Müller – „ist das viel krasser. Der kann wahrscheinlich nirgends mehr hingehen.“

Es ist jetzt nicht so, dass wir zum Interview eine Proll-Chantal erwartet hätten (auch wenn manche den Fehler nach dem ersten „Göhte“-Film gemacht haben). Aber sie war ja schon vorher zu sehen, in „Kriegerin“ als Nazibraut neben Alina Levshin und in „Lollipop Monster“ als Lolitaverschnitt.
Und doch: So selbstbewusst, wie sie uns im Hotel am Steinplatz entgegentritt, und so abgeklärt, wie sie die Fragen beantwortet, das würde man einer, die gerade erst 23 geworden ist, nicht unbedingt zutrauen. Manchmal klingt sie beinahe altklug, wäre da nicht gleichzeitig diese einnehmende, herzerfrischende, unverkünstelte Art.

Zum Schauspiel ist die geborene Neuköllnerin durch reinen Zufall gekommen. Eigentlich, erzählt sie, wollte sie ja in der Musikschule ein Instrument spielen lernen. Sie habe da jedes Instrument ausprobiert, aber nichts habe gepasst. Das klingt noch ganz chantal-mäßig.
Stattdessen hat sie da von einer Theatergruppe in Neukölln gehört. Und weil sie, wie sie offen bekundet, „schon immer eine gewisse Spielwut“ in sich hatte, ging sie da hin. „Und als ich 15 war, dachte ich, was andere können, kann ich auch. Und bin zu einer Agentur gegangen.“ Und wurde sofort angenommen.

Gleich das erste Angebot war eine Hauptrolle, im Fernsehfilm „Mama kommt!“ Es folgten Serien, dann „Lollipop Monster“ und „Kriegerin“, für die sie, mit 19, beim Bayerischen Filmpreis als Beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde. Und dann kam „Göhte“.
Jetzt ist sie gleich mit zwei Filmen zu sehen: Seit vergangenen Donnerstag läuft „4 Könige“, ein Jugenddrama in einer psychiatrischen Einrichtung. Und ab kommenden Donnerstag ist sie in einer kleinen Rolle in „Heidi“ zu sehen. Unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein. Dabei liegen Jella Haase Filme, die an Extreme gehen und Figuren, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen, mehr. Das fordert sie heraus.
Der Durchbruch: „Kriegerin“ mit Alina Levshin, r.) und Gerdy Zint picture alliance / dpa Ascot/Alexander Janetzko
Und das, obwohl sie nie Schauspielunterricht genommen hat. Kommt man da nicht an Grenzen? Wo nimmt sie das nur alles her? „Das ist schon sehr viel Intuition, viel aus dem Bauch“, gibt sie zu. Sie empfindet sich als „ehrliche Schauspielerin“. Aber sie hat gerade sechs Filme hintereinander gedreht mit vielen extremen Szenen. Da hat sich ihre Spielfreude erschöpft. Auch ihre Lust am Reisen. Ein sicheres Zeichen, dass sie auf die Bremse treten muss.
Und beim letzten Film, „Looping“, habe sie nachts erstmals richtige Alpwträume gehabt. „Da war so eine hohe Emotionalität, mein Unterbewusstsein hat ganz fiese Dinge mit mir angestellt.“ Das hat sie sehr erschreckt. Da muss sie, das weiß sie, eine Distanz aufbauen, Schauspieltechniken aufbauen. Als Schutzmaßnahme.

Vielleicht, damit kokettiert sie jetzt, aber ein wenig Ernst steckt schon dahinter, mache sie ja bald was ganz anderes. Sie könnte sich vorstellen, mit Kindern zu arbeiten. Würde sich auch gern weiterbilden. Sie hätte sehr viele Ideen. Aber es läuft halt gerade so gut. Sie genießt das und macht weiter. Nur mehr Pausen will sie sich setzen. Und keine Chantal-Rollen mehr! Auch wenn die ihr natürlich angeboten werden.
Jüngste „Tatort“-Ermittlerin aller Zeiten
Stattdessen hat sie jetzt im zugfähigsten Schlachtross des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mitgewirkt, im „Tatort“. Das Höchste, was man hierzulande einem Schauspieler anbieten kann. In dem neuen, ersten Team aus Dresden spielt sie eine Kommissarsanwärterin mit dem etwas symbolllastigen Namen Maria Magdalena Mohr.
Im grassierenden Jugendwahn, der derzeit beim „Tatort“ herrscht, wird sie die jüngste Ermittlerin aller Zeiten – nach Aylin Tezel (2012) und Mit-„Kriegerin“ Alina Levshin (2013). Sie empfindet es als „totale Ehre“, beim „Tatort“ mitmachen zu dürfen. Wo die Serie doch auch bei ihr fest zum Sonntagabend gehört.

Aber auch da bleibt sie ganz nüchtern: Andere unterschreiben in einem solchen Fall einen Vertrag für zwei Jahre. Jella Haase weiß aber gar nicht, ob ihr so eine Serienfigur wirklich liegt. Deshalb hat sie erst mal nur für eine Folge zugesagt, „Auf einen Schlag“, die bereits abgedreht ist und im März 2016 ausgestrahlt werden soll. Und dann? Mal sehen. „Vielleicht will ich ja mal abhauen für ein Jahr und auf Reisen gehen“, sagt sie. „Jedenfalls möchte ich mich nicht festlegen.“ Und sie sei sehr dankbar, dass das auch so akzeptiert wurde. Ganz schön cool für eine 23-Jährige.





