ARD-Serie

30 Jahre Lindenstraße: Helga Beimer brät immer noch Eier

Die Serie läuft seit drei Dekaden. Von der ersten Folge an war Marie-Luise Marjan dabei. Auch mit 75 denkt sie nicht ans Aufhören.

Am 6. Dezember läuft die 1559. Folge „Lindenstraße“. Von Anfang an mit dabei: Marie-Luise Marjan als Helga Beimer.

Am 6. Dezember läuft die 1559. Folge „Lindenstraße“. Von Anfang an mit dabei: Marie-Luise Marjan als Helga Beimer.

Foto: DARIO LEHNER / T&T

Die „Lindenstraße“ wird 30 Jahre alt. Am heutigen Sonntag wird deshalb eine Jubiläumsfolge ausgestrahlt - live gespielt. Bereits vor zwei Wochen gab es einen Aktionstag im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin-Mitte, wo die Stars von Deutschlands längstlebiger Serie sich ein Stelldichein gaben. Darunter auch Marie-Luise Marjan, die als Mutter Beimer bis heute das Gesicht der Serie ist. Auch wenn sie mittlerweile 75 ist und nicht mehr die Hauptrolle spielt. Der erste Eindruck: Frau Marjan ist so ganz anders als Helga Beimer, eleganter, intellektueller. Sie rückt dem Interviewer aber auch sehr nahe. Und bittet: „Schön deutlich sprechen, meine Ohren sind nicht mehr ganz so scharf.“

Berliner Morgenpost: Frau Marjan, haben Sie eine Ahnung, wie viele Spiegeleier Sie in 30 Jahren „Lindenstraße“ schon in die Pfanne geschlagen haben?

Marie-Luise Marjan: (lacht) Ich habe keine Ahnung. Beim WDR hat man mal gesagt, so 300. Das scheint mir zu viel. Ich habe mal meinen Mutter-Beimer-Fan-Club in der Schweiz gefragt. Die schätzen, 100 bis 150. Das scheint mir wieder zu wenig. Die Wahrheit muss irgendwo dazwischen liegen.

Drei Dekaden lang eine Serie – das ist im deutschen Fernsehen einmalig. Bei „Tatort“-Kommissaren jubelt man schon bei 20 Jahren, und die haben nur zwei, drei Fälle im Jahr. Wie fühlt man sich nach 1559 Folgen „Lindenstraße“?

Es kommt einem gar nicht so lange vor. 1985 – das scheint so lange her. Das Lebensgefühl ist aber nicht so weit weg. Wir haben angefangen, haben aufgebaut, waren in der Adrenalinphase: Wird das was? Dann fing man an, die Rollen und Themen zu präzisieren. So ist man immer viel zu beschäftigt. Dadurch vergeht die Zeit so schnell. Und dadurch, dass wir im September schon Weihnachten drehen, gerät das Zeitgefühl sowieso durcheinander. Diese Realitätsverschiebungen machen eine solche Spannung, dass man gar nicht weiß, wo die Zeit geblieben ist.

Wird die Jubiläumsfolge eine besondere sein?

Und ob. Wir werden eine Live-Folge drehen. Wie in den frühen Tagen des Fernsehens. Wir haben dafür schon Tage lang geprobt, auch mit der Technik. Das wird live gesendet. Und gleichzeitig werden die ganzen Aktivitäten hinter der Bühne aufgenommen. Das wird noch mal ein ganz besonderer Thrill.

Wie viele Schauspieler sind noch von der allerersten Stunde an dabei?

Wir sind elf und immer noch mit Freude dabei.

Was hatten Sie anfangs geglaubt, wie lange wird die Serie dauern?

Wir haben uns anfangs gar keine Gedanken darüber gemacht. Zunächst war von einem Jahr die Rede, dann wurde immer wieder verlängert und nun sind wir seit drei Jahrzehnten auf Sendung! Anfangs war es ein Kampf, ob die Serie sich durchsetzen würde. Auch die Presse hat gehörig gegen die Serie geschossen. Aber Hans Geißendörfer ist ein Kämpfer und hat sich durchgesetzt. Und das Publikum hat uns von der ersten Stunde an akzeptiert. Wir hatten anfangs 14 Millionen Zuschauer. Die haben sofort begriffen: Das ist nicht „Dallas“ oder „Denver Clan“. Das ist etwas Anderes: der Alltag. Dem sind wir nahe.

Werden Sie oft als Helga Beimer angesprochen? Und ärgert Sie das dann?

Das passiert schon öfter. Aber das ist doch wunderbar. Ein größeres Kompliment kann man einem Schauspieler gar nicht machen, als wenn man mit dem Rollennamen angesprochen wird.

Gab es eine Zeit, wo Sie die Helga Beimer über hatten? Wo Sie dachten, ich muss mal wieder was Anderes machen?

Aber das habe ich ja. Nach sieben Jahren habe ich beim ZDF in „Kein Rezept für die Liebe“ gespielt, und später „Immer wenn sie Krimis liest“, so eine Art Miss Marple. Wenn das Zeitfenster es erlauben würde, würde ich auch gern wieder einmal auf der Bühne stehen.

Man sollte bei Damen ja nicht vom Alter sprechen. Aber Sie sind gerade 75 geworden. Haben Sie je überlegt, kürzer zu treten? Gar aufzuhören?

Natürlich wächst die nächste Generation nach und hat dann ihre eigenen Themen, die erzählt werden. Aber wissen Sie, diese Serie ist ein so einmaliges Konstrukt, das gibt es nicht wieder. Ich denke, wenn man so lange dabei ist, ist das ein Mutterhaus. Ein Mutterhaus verlässt man nicht. Man geht schon mal woanders hin, aber man kehrt immer wieder zurück. Insofern bleibe ich so lange dabei, wie es geht. Wir müssen jetzt ja schon wieder darum kämpfen, dass es weiter geht nach 2016.

Dennoch sind über die Jahrzehnte immer Sie das Gesicht der „Lindenstraße“ gewesen und geblieben. Wieso eigentlich?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Anfangs lag es sicher daran, dass man mich als Schauspielerin schon gekannt hat. Und dann habe ich mich ja immer für die „Lindenstraße“ eingesetzt, von Anfang an. In manchen Jahren hatte ich mehr Pressetermine als Drehtage. Aber auch das kann nicht alles sein. Es muss auch an den Zuschauern liegen, die sich angesprochen fühlen, die sich vielleicht mit so einer Figur wie die der Mutter Beimer identifizieren.

Sie sind so etwas wie die „Mutter der Nation“ geworden. Ist das eine Liebeserklärung? Oder fühlen Sie sich mit dieser Rolle womöglich gar nicht wohl?

Ich fühle mich sehr wohl mit der Rolle. Die Deutschen haben gern Etiketten, die sie aufkleben, und Schubladen, in die sie etwas hineinstecken. Ein Journalist hat mich mal gefragt, die wievielte Mutterrolle das eigentlich sei. Ich konnte das gar nicht sagen, wir mussten erst nachzählen. Helga Beimer ist tatsächlich meine 25. Mutterrolle.

Haben Sie Ihren Filmkindern so etwas wie einen mütterlichen Rat mit auf den Weg gegeben?

Anfangs vielleicht. Als sie wirklich noch ganz klein waren. Da habe ich gesagt: „Plappert nicht drauf los. Stellt euch etwas vor, und wenn ihr es vor Augen habt, dann könnt ihr es überzeugend sagen, dann erreicht man auch den Zuschauer.“ Das hab ich bei Lee Strasberg gelernt, und das habe ich immer meinen Filmkindern vermittelt. Moritz Sachs, der Klaus Beimer, ist – learning by doing – ein wunderbarer Schauspieler geworden. Benny hat einen anderen Weg eingeschlagen, Christian Kahrmann, der ihn gespielt hat, führt jetzt ein Café in Berlin. Aber er spielt auch immer wieder in Filmen.

Sie selbst haben keine Kinder. Ist das Ironie, dass Sie so als Mutter verehrt werden? Hat man Ihnen das womöglich vorgeworfen, dass Sie die Mutterrolle privat nie angenommen haben?

Natürlich, das kam mal auf. Aber Angela Merkel hat auch keine Kinder und wird trotzdem gern „Mutti“ genannt. Das war einfach eine Entscheidung. Als junge Frau war ich am Theater, in Karlsruhe habe ich manchmal 15 Rollen in einer Spielzeit gespielt. Wann hätte ich denn da eine Familie gründen sollen?

Sie selbst sind nicht bei Ihrer Mutter aufgewachsen, Sie waren in einem Waisenhaus.

Man muss das aus der damaligen Zeit heraus verstehen. Meine Mutter war in den Kriegstagen einfach hilflos. Mein Glück war, dass ich nur ein Jahr im Waisenhaus war. Mein Bruder, den ich erst 2007 kennen gelernt habe, war drei Jahre in einem Heim. Ich kam aber sehr schnell zu einer lieben Familie.

Sie haben erst mit 16 erfahren, dass Ihre Adoptiveltern nicht Ihre echten Eltern sind.

Ich war mitten in der Pubertät, wo man sich sowieso fragt, wer man ist. Und da ist plötzlich alles durcheinander. Es war auch die Art und Weise, wie ich es erfahren habe – von einer Klassenkameradin auf dem Schulhof. Das war wie ein Blitzschlag.

Sie haben später nach Ihrem Vater gesucht und darüber eine Großfamilie gefunden. Und das alles übers Fernsehen. War das nicht merkwürdig, dass die Kamera live dabei war?

Das ist mehr als merkwürdig. Das ist eine Schicksalsbestimmung. Wer bitte schön bekommt mit 67 Jahren noch eine 39-köpfige Familie? Schauen Sie, das muss ich Ihnen zeigen. (Sie zieht ihr neues Buch „Unerwartet anders. Ich suchte meinen Vater und fand eine Großfamilie“ aus der Tasche und blättert auf diverse Fotos). Darüber staune ich jedes Mal wieder aufs Neue. Ich habe innerlich immer nach meiner Familie gesucht, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Ich hatte nur eine Todesannonce von meinem Vater. Dann kam die ARD mit dem Format „Vorfahren gesucht“. Jetzt bin ich mit meiner neu gefundenen Familie in stetem Kontakt. Und einmal im Jahr findet ein Familientreffen statt.

Sie haben darüber hinaus auch fünf Patenkinder. Ist das auch eine Art Ersatzfamilie?

Nein. Da geht es um soziale Verantwortung. Wir haben Glück, auf dieser Seite der Welt geboren zu sein. Ich möchte etwas dazu beitragen, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Daran müssen wir alle arbeiten. Für 29 Euro im Monat kann man eine Patenschaft bei „Plan International“ übernehmen. Wenn man sonst für etwas spendet, ist das meist anonym. Wenn aber eine Spende ein Gesicht bekommt, wenn man im Austausch mit einem Patenkind steht und auch Briefe schreibt oder gar einen Besuch macht und sich vor Ort von der Arbeit von „Plan International“ überzeugen kann, dann ist das sehr beglückend. Man muss helfen, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben können. Es ist die Ur-Wurzel des Flüchtlingsproblems. Das habe ich schon vor 20 Jahren gesagt, in jedem Interview. Aber da hat man das immer klein gedruckt.

Wird die aktuelle Flüchtlingswelle auch in der „Lindenstraße“ eine Rolle spielen?

Das Flüchtlingsthema wird uns bleiben die nächsten Jahre. Deshalb wird das auch eine große Geschichte in der „Lindenstraße“ werden. Das Thema war ja schon immer da, es wird nur jetzt wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Wir haben immer schon geschaut, dass wir alle Themen der Gesellschaft aufgreifen. Neulich haben wir in Speyer Talkrunden zu Migration und Integration gehalten und dazu Ausschnitte gezeigt. Teils von Folgen, die wir schon 1989 gedreht haben. Jetzt haben wir 2015, und das ist wieder so aktuell!