Das Projektmanagement hat versagt, der Change Process ist gescheitert: „Macht ja keiner gern, so’n Projekt abbrechen, wo so viel drinsteckt.“ Nora Helmer sagt diesen Satz zu ihrem Mann Torvald kurz bevor sie ihn verlässt, denn das „Projekt“, um das es hier geht, ist ihre Ehe. Bei Henrik Ibsen endet diese Schlussszene von „Nora“ mit dem berühmten Türknall, in Thomas Ostermeiers Radikalmodernisierung an der Schaubühne endete sie seinerzeit mit Torvald als Leiche im Aquarium. Bei Stefan Pucher, der den Stoff jetzt am Deutschen Theater inszenierte, hat Torvald das letzte Wort. Zu Nora sagt er: „Du verstehst die Gesellschaft nicht.“
Die Gesellschaft nämlich haben Pucher und Armin Petras, der im Auftrag des Deutschen Theaters eine sprachlich massiv modernisierte Fassung schrieb, auf dem Kieker. Hatte Ibsen auch schon, aber anders. Ging es bei ihm noch vornehmlich darum, dass die Frau sich gegen alle Konventionen von ihrer Ehehölle emanzipiert, so zielen Petras und Pucher auf nicht weniger als eine Befreiung des Individuums aus den Selbstoptimierungszwängen der Gegenwart. Mein Job, mein Seegrassushi, mein Body-Mass-Index.
Die Ehefrau wird erpresst
Das sind die maximalen Leidenschaften, die die Mitglieder dieser Mittelstandsprojektgruppe noch an den Tag legen, zu der außer Torvald (Bernd Moss) und Nora (Katrin Wichmann) noch ihre Jugendfreundin Christine (Tabea Bettin), ihr Bewunderer Doktor Rank (Daniel Hoevels) und der kriecherische Krogstadt (Moritz Grove) gehören. Der arbeitet bei der Bank, in der Helmer Direktor werden soll und lieh Nora einst eine Stange Geld. Nun droht er, die Sache auffliegen zu lassen, sofern es Nora nicht gelingt, ihren Mann davon zu überzeugen, Krogstadt nicht zu entlassen.
Stefan Pucher legt sie als unbewusst Getriebene an, stets auf den eigenen Vorteil und auf Selbstdarstellung fokussiert. In Klamotten, die zwar einen gewissen Seventies-Elaste-Charme ausstrahlen, die der Mitte-Hipster aber vermutlich kaum verschmähen würde. Leider taugen sie dabei mit ihrem busy-dizzy-Denglish und den zur Schau gestellten Lifestyle-Allüren noch nicht mal wirklich zur Parodie, weil da ja auch immer noch ein bisschen Sehnsuchtstragik durchtönen soll.
Krampfhaft auf vermeintliches Heute-Sprech aufpoliert
Die krampfhaft auf vermeintliches Heute-Sprech aufpolierte Sprache ist wenig dienlich, zwischen „Du bist so old-styled“ oder „Alles im Arsch“ und ein paar hingehuschten Gesangseinlagen kommen die Figuren, mal abgesehen vom ohnehin todkranken und von Anfang an sich dem Gesellschafts-Spiel verweigernden Doktor Rank, in ihrer Selbstfindung nicht nachvollziehbar voran.
Immerhin ein opulentes Setting hat die Inszenierung zu bieten. Pucher verschneidet die ironisierte Gegenwart mit schwarz-weißen Filmaufnahmen, in denen dieselben Darsteller in gediegener Bürgerlichkeit Ibsensche Originalszenen spielen. Diese projiziert er auf das moderne Mobiliar der auf der Drehbühne aufgebauten Wohnlandschaft, sodass sich auf Plexiglaswänden oder im Bullauge einer designten Sitzhöhle das 19. Jahrhundert spiegelt. Wo das mit den Mechanismen der persönlichen Marktoptimierung natürlich auch nicht einfacher war. Darauf einen Smoothie.
Deutsches Theater, Schumannstr. 13a. Tel. 28441225 Termine: 7. und 12.12.




