„Ach, dit wird schon“ spricht sich die Braut am Hochzeitstag Mut zu und schiebt ein zögerliches „oder?“ nach. Dass alles irgendwie doch noch gut wird glaubt sie selbst kaum mehr. Recht hat sie. Dit wird nüscht. Nicht mit dieser Hochzeit und überhaupt. Der Bräutigam ist abgebrannt, das Dosenbier alle und der Pianist längst besoffen vom Hocker gekippt.

Das Gute, es hat bei Bertolt Brecht schlechte Karten. Zumindest in den bestehenden Verhältnissen. Aber hoffen wird man dürfen, das tun sogar die Götter, die er in seinem Muster-Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan“ zur Erde schickt, auf dass sie ihn doch noch irgendwo auftun, diesen sagenumwobenen „guten Menschen“.

Brecht, ein Himmelfahrtskommando

Mit der Parabel vom zwingenden Scheitern des Grundguten in der kapitalistischen Welt eröffnete Leander Haußmann fürs Berliner Ensemble die neue Premieren-Saison im Theater am Schiffbauerdamm. Nach seinem „Hamlet“ vor zwei Jahren und dem gelungenen „Woyzeck“ im letzten Jahr jetzt sein erster Brecht. Was insofern spannend war, als Haußmann im Februar in einem großen Pamphlet in der „Welt“ dem Kollegen Frank Castorf zur Seite sprang. Einen Brecht zu inszenieren, schrieb er, komme „einem „Himmelfahrtskommando“ gleich und plädierte dafür, dass die Autoren (respektive ihre Erben) sich im Theater rauszuhalten haben und das Feld denen überlassen sollten, die davon Ahnung haben, also den Regisseuren.

Wir erinnern uns: Castorf hatte in München „Baal“ inszeniert, das Stück nach Vietnam verlegt und mit Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ verschnitten. Woraufhin die Brecht-Erben die Inszenierung gerichtlich von der Bühne verbannten. Wenn nun also einer wie Haußmann, damals schon wissend, dass er selbst bald einen Brecht auf die Bühne bringen würde, so für die Freiheit der Regie eintritt, dann erwartet man nachgerade den ganz großen beherzten Zugriff.

Viel Klamauk, aber kein Ende

Stattdessen: Nur wenige Striche in der im Programmheft abgedruckten Spielfassung, dafür vier ganze lange Stunden lang viel zu viel Klamauk und eine triefend sentimentale Romanze zwischen der Ex-Prostituierten Shen Te und dem arbeitslosen Flieger Yang Sun, die absolut bollywoodtauglich wäre, spielte sie nicht in China. Nun gut, ein Happy End hat sie auch nicht, genau genommen überhaupt kein Ende, Wie sehen bekanntlich „betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

In der Tat, Fragen gibt es reichlich, zum Beispiel, was den Regisseur an diesem Lehrstück eigentlich interessierte. Dass der gute Mensch in dieser Welt nicht überleben kann? Dass sich die unverhofft zu Reichtum gekommene Shen Te all der Bittsteller nur durch Persönlichkeitsspaltung erwehren kann, indem sie sich ab und an verkleidet als ihr knallharter Cousin ausgibt? Einen moralischen Konflikt entwickelt die Regie hieraus nicht, höchstens einen amourösen, wenn der Angebetete beim vermeintlichen Vetter Klartext über seine (vorwiegend finanziellen) Hochzeitsbeweggründe redet.

Kein guter Mensch, nirgends

Blieben die Götter als Spiegelbild einer ignoranten und naiven Gesellschaft. Die haben ihren ersten Auftritt tatsächlich als sehr irdische Muttis, mit Kopftuch und diesen karierten Plastiktaschen, im Volksmund auch als „Polentasche“ bekannt. Sie stoßen auf den Wasserverkäufer Wang, der bei Norbert Stöß ein in Mülleimern kramender Penner ist, als guter Mensch aber nicht infrage kommt, weil er seine Kunden bescheißt. Shen Te ist die Frau der Wahl, sie nimmt die Götter auf, die ihr dafür ein hübsches Sümmchen überlassen, wovon sie sich einen winzigen Tabakladen kauft, der sofort vom Bühnenhimmel herunter schwebt, allerdings schon nach 30 Minuten von den Schmarotzern, die sich ihr an die Ferse heften, komplett zerlegt ist.

Bis auf das rosa Leuchtdiodenschwein, das sich auf dem Dach gehalten hat, was natürlich pure Ironie ist, denn Schwein hat von denen, die sich hier als bunte Prekariatsnachbarschaft präsentieren, noch nie einer gehabt. Schlecht sitzende Jeans sind bei den Herren, Überwürfe mit Leopardendruck bei den Damen schwer angesagt, angedeutete Dialekte komplettieren ihren Unterschichtcharme, was das Volksstückhafte, das Brechts Stücken inne wohnt, unterstreicht.

Extra-Effekte vom Installationskünstler

Auch sonst gönnt sich Regisseur Haußmann die eine oder andere Andeutung, der grau-braune halbhohe bekritzelte Wellblechsichtschutz am Anfang könnte als moderne Brecht-Gardine durchgehen, den Darstellern spendiert er einen ins Publikum ragenden Steg, um ab und an aus dem Geschehen hinauszutreten und separat zu singen oder zu seufzen. Illuminiert von einer übergroßen Peitschenlaterne. Drei weitere stehen hinten auf der Hauptbühne und die sind nun wirklich das Tollste an diesem Abend.

Für die Bühne ist der Installationskünstler Via Lewandowsky verantwortlich, diesen Laternen hat er ein Eigenleben spendiert, wie von Geister- oder in diesem Fall eher Götterhand bewegen sie sich über die Bühne und verfolgen die Protagonisten mit ihrem Lichtkegel, leuchten trick- und witzreich ihr mühsames Leben aus.

Die Figuren sind zweitrangig

Die Figuren selbst allerdings schrumpfen in dieser Gag-Kanonade vor übergroßer güldener Winke-Katze zu Karikaturen. Antonia Bill gerät ihre Shen Te zügig zum liebesblinden Naivchen und ihr Vetter Shui Ta zum Macho-Kapitalisten-Hipster. Ihr Angebeteter Yang Sun ist bei Matthias Mosbach ein schmucker Romeo in fescher Fliegeruniform mit Rollkoffer. In der prekären Entourage glänzen Boris Jacoby als robuster Barbier und Traute Hoess patent-geerdete Nachbarin und Erste Göttin.

Der Brechtsche V-Effekt, er trat bei dieser Inszenierung kaum als Verfremdung, sondern vorwiegend als Veralberung auf, die allerdings nur mäßig effektvoll war. Das Publikum spendierte nach knapp vier Stunden dennoch ausdauernd Beifall. Ob es nach dieser Abend sprengenden Lustigkeit allerdings den Brechtschen Auftrag aus dem berühmten Epilog ernsthaft annimmt, nämlich gefälligst auf der Stelle mal nachzudenken, wie man die Welt denn nun besser machen könne, sei dahin gestellt.

Berliner Ensemble,Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel.: 28 40 81 55. Nächste Termine: 14. 29.9., 10. und 11.1o., 19.30 Uhr.