Es ist das Jahr von „Victoria“. Der Siegeszug des Films begann bei der Uraufführung auf der Berlinale, auf der er zwar nur einen Trostpreis bekam, einen Silbernen Bären für die beste Kamera, aber dafür Lobeshymnen von allen Kritikern. Und den Leserpreis der Berliner Morgenpost, als Beweis, dass so ein Experiment auch beim Zuschauer funktioniert.

Im Juni dann der Lola-Regen beim Deutschen Filmpreis, wo er gleich sechs Auszeichnungen absahnte. Nun ist er auch beim Europäischen Filmpreis, der in zwei Wochen verliehen wird, drei Mal nominiert, darunter in der Königskategorie, dem Besten Europäischen Film.

Das kühnste Kino-Stück des Jahres

Davor ist er noch einmal im Zoo Palast zu sehen. In der Reihe „Hauptrolle Berlin“, mit der das Kino und unsere Zeitung an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film vorstellen. Und welche Produktion könnte das Jahr besser abschließen?

Wer „Victoria“ noch immer nicht gesehen hat – nicht nur der beste deutsche Film 2015, sondern, sagen wir es nur rundheraus, das kühnste, wagemutigste Stück Kino des Jahres –, der hat am 1. Dezember noch einmal die Gelegenheit dazu. Und Regisseur Sebastian Schipper wird sein Werk auch persönlich vorstellen.

In einem Tanzschuppen lernen sich die jungen Leute kennen. Dann beginnt eine Odyssee durch die Nacht
In einem Tanzschuppen lernen sich die jungen Leute kennen. Dann beginnt eine Odyssee durch die Nacht © Senator Filmverleih | Senator Filmverleih

„Victoria“ entstand aus einer angestauten Frustration heraus. Schipper, der auch als Schauspieler tätig ist, hat oft genug selbst in routinierten Filmen nach Schema F mitgewirkt, hat noch mehr davon im Kino gesehen. Und nicht zuletzt auch deshalb seine Rolle im Hamburger „Tatort“ geschmissen.

Alles fühlte sich immer so gleich an. Alles sah auch immer so aus. So wollte Schipper nicht mehr weitermachen. Einmal alle Sicherheiten aufgeben. „Einmal radikal sein, einmal etwas wagen, der blanken Angst ins Auge sehen“, das war sein Antrieb.

Weltrekord: 140 Minuten ohne Schnitt

Pfeif auf ein Drehbuch! Pfeif auf die Konventionen! Stattdessen Guerilla-Kino. Letztlich hat Schipper dasselbe gemacht wie Jean-Luc Godard schon mal vor 55 Jahren mit „Außer Atem“: einfach auf die Straße gehen und die Freiheit jenseits aller Studiozwänge genießen.

Nur unter verschärften Bedingungen: als One-Taker. Filme werden ja gewöhnlich in zahllosen Einstellungen (Takes) aufgenommen, die beliebig wiederholt und dann per Schnitt zusammenmontiert werden. Schipper aber hat seinen 140-Minüter an einem Stück gedreht, ohne einen einzigen Schnitt.

Am Ende werden sie gezwungen, eine Bank zu überfallen.
Am Ende werden sie gezwungen, eine Bank zu überfallen. © Senator Filmverleih | Senator Filmverleih

Das ist jetzt schon Weltrekord. So etwas gab es bislang nur ein einziges Mal, 2002 bei „Russian Ark“. Ein Film, der in 100 Minuten durch die Eremitage in St. Petersburg und zugleich durch diverse Epochen reiste. Aber das war ein geschlossener Ort, in jedem Raum warteten andere Darsteller auf ihren Einsatz.

Schipper dagegen drehte mit vier Jungs und einem Mädchen in Kreuzberg zweieinhalb Stunden lang auf offener Straße. An 22 Schauplätzen in einem Umfeld von anderthalb Kilometern zwischen Zimmerstraße und Friedrichstraße. Vom kleinen Eckcafé bis zum Edelhotel „Westin Grand“.

Logistische Meisterleistung

Und sein Film ist nicht nur ein intimes Kammerspiel, sondern auch ein Wechselbad der Gefühle. Erst lernt eine junge Spanierin (eine wahre Entdeckung: Laia Costa) hier vier Berliner Kerle in einem Tanzschuppen kennen, zieht mit ihnen quatschend um die Häuser.

Dann verliebt sie sich in einen von ihnen (Frederick Lau). Plötzlich wird das Ganze zum Thriller, als sie gezwungen werden, eine Bank zu überfallen. Was natürlich schiefgeht. Und so kommt es zu einer Verfolgungsjagd und einem Aufgebot an Polizistenstatisten.

Im Sommer lief Regisseur Sebastian Schipper mit unserem Filmredakteur noch einmal die Stationen seines Films in Kreuzberg ab
Im Sommer lief Regisseur Sebastian Schipper mit unserem Filmredakteur noch einmal die Stationen seines Films in Kreuzberg ab © Reto Klar | Reto Klar

Was für eine logistische Meisterleistung. Für den Regisseur, der das alles koordinieren musste – und dann während des Drehens nicht mehr einschreiten konnte. Für den Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, der mit seiner Handkamera immer ganz dicht an den Darstellern bleiben und gleichzeitig schauen musste, dass er nicht gegen eine Straßenlaterne lief. Und erst recht natürlich für die Schauspieler, die alles improvisierten und dabei immer alles geben mussten.

„Ich dachte, das ist ’ne kranke Idee“, gibt Hauptdarsteller Frederick Lau denn auch unumwunden zu. „Das kann nicht funktionieren, wenn du zweieinhalb Stunden durch die Gegend rennst. Irgendwas passiert.“

Mittendrin, wie ein Kriegsreporter

Sie haben lange geprobt und das Ganze dann im Mai 2014 an drei Nächten hintereinander gedreht, jeweils von 4.30 bis 7 Uhr. Aber nicht etwa immer das Gleiche, von Nacht zu Nacht haben sie noch an den Figuren und an deren Motivationen gefeilt. Erst beim dritten Mal schien alles wirklich stimmig. Für ein viertes Mal hätte das Geld auch nicht mehr gereicht.

Aber, das war Laus Erfahrung und auch die der anderen großartigen Darsteller: „Nach 20, 30 Minuten denkst du überhaupt nicht mehr darüber nach, dass da kein Schnitt existiert. Du bist wie so ein Kriegsreporter, der mittendrin dabei ist.“

Schauspieler Frederick Lau gewann für seine Rolle im Juni die Lola als bester Schauspieler
Schauspieler Frederick Lau gewann für seine Rolle im Juni die Lola als bester Schauspieler © dpa | Kay Nietfeld

Auch Schipper findet seine Idee rückblickend in gewisser Weise „hirnrissig“: „Die eine Einstellung ist ganz wichtig für den Film. Aber sie ist zugleich auch das Unwichtigste. Eine Einstellung, das lohnt nicht mal fürs Guinnessbuch der Rekorde. Du kannst auch zehn Stunden Film drehen – wenn er langweilig ist, ist das total egal.“

Die Kunst seines Films ist die Unmittelbarkeit. Wir sind es so sehr gewöhnt, dass ein Film uns mit seiner Kunstfertigkeit überwältigt, mit zahlreichen Kameraperspektiven, Stakkatoschnitten. Aber das hält den Zuschauer auch auf Distanz. In „Victoria“ vergeht die Zeit dagegen in Echtzeit, da gibt es auch Leerlauf, da wird auch lange gelabert.

Ein roher, ungeschliffener Kino-Diamant

Aber die Schmetterlinge im Bauch, den Schiss und schließlich die Todesangst, die die Figuren durchleben, das alles überträgt sich eins zu eins auf den Zuschauer. So ehrlich und wahrhaftig hat man lange nicht mehr mit Figuren auf der Leinwand gezittert und gebibbert.

Die Hoffnung, die man aus diesem rohen, ungeschliffenen Kino-Diamanten ziehen kann, ist die, dass man bei Filmen nicht auf immer noch mehr Budget und noch mehr Effekte setzt. Sondern einfach etwas wagt. Und auch ein Scheitern riskiert. Nicht um die Perfektion der Illusion geht es, sondern um ein Maximum an Mit-Erleben. Es spricht für den Filmstandort Berlin, dass dieses Zeichen just aus dieser Stadt kommt.

„Victoria“ Zoo Palast, 1. Dezember, 20 Uhr, in Anwesenheit von Sebastian Schipper. Ein Wertgutschein in Höhe von 2 Euro beim Kauf einer Eintrittskarte in der Sonntagsausgabe der Morgenpost.