Oper

Radames träumt am Schreibtisch, ein Held zu sein

Regisseur Benedikt von Peter führt Verdis „Aida“ an der Deutschen Oper als bürgerliches Beziehungsdrama vor. Es gibt Bravos und Buhs

Eine Dreiecksgeschichte: Giuseppe Verdis Oper „Aida“ mit Tatiana Serjan (M.) in der Titelrolle, Alfred Kim als Radames und Anna Smirnova als Amneris an der Deutschen Oper

Eine Dreiecksgeschichte: Giuseppe Verdis Oper „Aida“ mit Tatiana Serjan (M.) in der Titelrolle, Alfred Kim als Radames und Anna Smirnova als Amneris an der Deutschen Oper

Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de / BM

Bereits in den ersten beiden Akten herrscht in der Deutschen Oper ungewöhnliche Unruhe, es gibt Szenenbeifall für einzelne Sänger und den Chor, dagegen fallen vereinzelte Unmutsäußerungen im Publikum. Zur Pause dann die ersten Buhs. Als am Ende seiner „Verdi“-Inszenierung Benedikt von Peter vors Publikum tritt, schlagen ihm mächtige Wellen von Buhs und Bravos entgegen. Man ist diese Leidenschaft in Berlin schon fast gar nicht mehr gewöhnt. Dem Regisseur ist ein etwas modern sperriger, aber großartiger Verdi gelungen.

Benedikt von Peter verzichtet in seiner Neuinszenierung der 1871 in Kairo uraufgeführten Oper auf ägyptische Exotik, auf Elefanten und Pharaonen, auf heldenhaftes Pathos, ja fast vollständig auf den altvertrauten Plot. Sein neues Kammerspiel ist schnell erzählt. In einem bürgerlich verstaubten Arbeitszimmer träumt der schwächliche Intellektuelle Radames davon, ein großer Feldherr zu sein. Amneris, die Frau an seiner Seite, leidet unter seiner ständigen Abwesenheit. Sie müht sich um ihn, räumt die Zeitungen vom Schreibtisch, schneidet ihm ein Würstchen auf. Womit sie ihn beiläufig zum Hans Wurst werden lässt. Er hingegen träumt sich in die Arme von Aida, einer Sklavin, die eigentlich die Tochter des verfeindeten Königs ist. Ein Hochzeitskleid hält Radames fetischhaft fast die ganze Zeit über in den Händen.

Zweisamkeit sieht anders aus

Ganz am Ende – wenn nach dem Libretto eigentlich der verräterische Radames lebendig eingemauert wird und dort auf die ihn wartende Aida stößt – singt sie hoch oben im Rang des Opernhauses, er unten auf der Bühne. Zweisamkeit sieht anders aus. Aber die zurückgewiesene Amneris ersticht sich derweil. Für diese erträumte Dreiecksbeziehung, die sich am Text entlang leider nicht ganz schlüssig erzählen lässt, sieht sich der Regisseur am Ende ausgebuht.

Dabei beruft sich Benedikt von Peter auf das Autobiografische, das für ihn in der Oper und in dieser Dreiecksbeziehung steckt. Der Komponist war seinerzeit mit der Sängerin Giuseppina Strepponi verheiratet und zugleich in die jüngere Sängerin Teresa Stolz vernarrt. Sie sang, sie war seine Aida. Verdis Frau litt unter der Situation. An Verdis Sterbebett 1901 stand Teresa.

Ein Kammerspiel inmitten der Repräsentationsoper

Diesen Plot kann der Regisseur mit modernen Mitteln geschickt in die „Aida“, die zuerst immer eine großflächige Repräsentationsoper bleibt, einfügen. Benedikt von Peter schafft es, auf der großen Bühne eine intime Ecke zu schaffen. Linkerhand stehen ein Schreibtisch und Stühle, darüber hängt ein großer Bildschirm. Nun gehören Filme eher nicht in die Oper, sondern ins Kino, wo auch das Popcorn besser schmeckt. Aber in dieser „Aida“ ist der Einsatz gelungen, eine Videokamera hängt über dem Schreibtisch. Bücher und Bilder offenbaren seine Sehnsucht nach dem Nil und den Pyramiden. Amneris schneidet hier auf einem Teller das Würstchen auf. Es sind Hände zu sehen, die nicht berühren.

Das Berückendste an dieser neuen „Aida“ bleibt die Musik, werden wieder alle zu Recht behaupten. Verdis Musik ist an diesem Abend überhaupt eine Neuentdeckung. Das ist sie auch, weil der Regisseur das ganze Opernhaus bespielen lässt. Eine architektonische Musik wird vorgeführt. Das Orchester unter Leitung von Andrea Battistoni sitzt diesmal auf der Bühne. Die Musiker legen sich ins Zeug, und der junge Dirigent rudert ebenso kräftig mit den Armen, um den ganzen Musikzirkus hinter seinem Rücken im Griff zu behalten. Es gelingt ziemlich gut. Mit einem vollen Verdi-Sound treibt er Solisten und Chor vor sich her. Das süße Piano gehört zu den seltenen Oasen.

Die Aida der Tatiana Serjan ist das Wunder des Abends

Der Orchestergraben ist überdeckt, hier findet das Kammerspiel statt. Die drei Solisten rücken nach vorn. Überhaupt kommt diese „Aida“ mit all ihren Sehnsüchten, ihrer Aggression und dem Tragischen dichter ans Publikum. Die Dreiecksbeziehung wird weniger im Belcanto, mehr im Dramatischen ausgetragen. Wenig italienischen Schmelz bringt Alfred Kim in seiner ersten Arie der „Holden Aida“ entgegen. Radames hat es überhaupt an diesem Abend nicht leicht, sich gegen die mächtigen Frauenstimmen zu behaupten. Vom Timbre her am schönsten klingt sein geradliniger, aber einfühlsamer Tenor im Duett mit der Amneris. Anna Smirnova verleiht der zurückgewiesenen Frau eine bodenständige Figur. Ihr expressives Aufbegehren in der Gerichtsszene gibt ihr schwerblütige Größe.

Die Aida der Tatiana Serjan ist das Wunder des Abends, mit ihrem dramatischen funkelnden Sopran darf sie verführen, ohne jemals in etwas triebhaft Irdisches zu verfallen. Sie ist die geisterhaft betörende Frau mit den tausend Zwischentönen. Die weiteren Solisten, die beiden Könige wie der Oberpriester, gehören zur bedrohlichen Außenwelt. Sie singen übermächtig aus dem Off, dem Dunkeln des Rangs heraus. Der Chor ist ebenfalls im Zuschauerraum verteilt. Zwischendurch stehen die Sänger auf und verkünden lautstark die Positionen zwischen Barmherzigkeit und Hass. Die Klangwirkung ist enorm. Selten wird ein Chor derart bejubelt.

Zeitungsfotos aus dem Nahen Osten und von Flüchtlingen

Zum berühmten Triumphmarsch kommen etwas unbeholfen sechs Orchestermusiker mit den langen Aida-Trompeten auf die Bühne. Radames steht derweil vorm Publikum, Amneris hat ihrem Möchtegern-Helden aktuelle Zeitungsfotos auf die Brust geheftet. Auf der großen Leinwand sind Fotos aus dem Nahen Osten, aus Afghanistan, von Bootsflüchtlingen zu erkennen. Es sind die Gesichter von Opfern. Mit seiner Verkehrung des Politischen ins Private erinnert der Regisseur beiläufig daran, dass „Aida“ eine alte Kolonialoper ist. Auch die Fotos werden ihm Buhs eingebracht haben.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343. Termine: 25. und 28.11.; 3., 6. und 10.12.