Protestkunst

Pjotr Pawlenskis Kunst endet, wenn die Polizei kommt

Der russische Protestkünstler Pjotr Pawlenski ist wieder verhaftet worden. Es ist unklar, ob er im November nach Berlin kommen kann.

Ein Bild, das um die Welt ging: 2012 hatte sich Pjotr Pawlenski aus Solidarität für die regierungskritischen Punk-Aktivistinnen Pussy Riot den Mund zugenäht

Ein Bild, das um die Welt ging: 2012 hatte sich Pjotr Pawlenski aus Solidarität für die regierungskritischen Punk-Aktivistinnen Pussy Riot den Mund zugenäht

Foto: imago/Eastnews / IMAGO

Pjotr Pawlenski ist ein Performance-Künstler, der Bilder in die Welt bringt, die man eigentlich nicht sehen möchte. Vor drei Jahren hat sich der Russe den Mund zugenäht und damit die regierungskritischen Punk-Aktivistinnen Pussy Riot unterstützt. Sein Schmerzensbild ging rund um die Welt. Normalerweise endet seine Kunst, wenn die Polizei kommt. Das geht meistens sehr schnell. Am vergangenen Sonntag hat es etwa eine Minute gedauert, bis Pawlenski verhaftet wurde. Er hatte in Moskau die Tür des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand gesetzt, um gegen den staatlichen Terror zu protestieren.

Der Künstler sei in Untersuchungshaft, sagt Jens Dietrich, der ihn in Deutschland betreut und normalerweise zwei bis drei Mal die Woche mit ihm Kontakt hat. Pawlenski wollte eigentlich am 22. November nach Hamburg kommen, um dort einige Tage später auf Kampnagel seine erste Retrospektive in Westeuropa zu eröffnen und am 28. November in Berlin bei einem Podiumsgespräch im Rahmen des „Nordwind“-Festivals teilzunehmen. Dietrich hofft, dass der Untersuchungsrichter ihn im Laufe der Woche wieder freilässt.

Es läuft noch ein anderes Verfahren

Das Ganze ist umso problematischer, weil noch ein anderes Verfahren gegen Pawlenski läuft, nachdem er in St. Petersburg im Februar 2014 Reifen verbrannte und die ukrainische Flagge schwenkte. Falls Pawlenski längere Zeit in Haft bleiben muss, dann wird seine Mitarbeiterin Oxana Schalygina, die selbst eine Protestkünstlerin ist, an der Diskussion in der Volksbühne teilnehmen. Oxana Schalygina ist Pawlenskis Lebensgefährtin, die beiden haben zwei Kinder.

„Nein, er ist nicht verrückt“, betont Jens Dietrich angesichts der selbstzerstörerischen Aktionen Pawlenskis. Seine Aktionen seien zwar sehr drastisch, so Dietrich, „aber er ist sehr überlegt“. Er spielt bewusst mit politischen Kontexten. Zumal es in Russland das „Phänomen gäbe, dass Künstler immer mehr Selbstzensur betreiben, allein aus der Angst heraus, sie könnten Gesetze übertreten“. Der 1984 in Leningrad geborene Pawlenski hatte die Kunsthochschule verlassen, weil das Diplom der erste Schritt gewesen wäre, ein Diener des Regimes zu werden. Er plane seine Aktionen im engsten Kreis, sagt Dietrich, damit sie nicht gefährdet werden. Für seine letzte Aktion hat er sich ein Gebäude ausgesucht, das in Russland als Lubjanka bekannt ist. Es ist seit Sowjetzeiten ein Synonym für staatliche Unterdrückung. Es war der Hauptsitz des früheren KGB, in den Gefängniskellern wurden einst Menschen exe­kutiert. Ein Video der Aktion, die den Titel „Bedrohung“ trägt, wurde auf der Plattform Vimeo veröffentlicht. Der Inlandsgeheimdienst setze „unbegrenzten Terror“ ein, um 146 Millionen Menschen „unter seiner Gewalt zu halten“, heißt es im Text zum Video.

Zur Theorie seiner Kunstaktionen gehört, dass er sich niemals gegen eine Verhaftung wehrt. Er bleibt immer passiv, das Opfer. Damit werde, so Pawlenski, der Machthaber zum Akteur. „Ich versuche die Formen politischer Kunst weiterzuentwickeln, um die Mechanismen der Macht immer besser zu verstehen“, sagte er dieser Tage in einem Arte-Porträt. Nach einem seiner Projekte war er verhaftet und innerhalb eines Tages von drei Psychiatern begutachtet worden. Zwei erklärten ihn für krank, einer für gesund.

Pawlenski hat auf seine Weise darauf reagiert. Im Oktober 2014 schnitt er sich auf dem Dach des Moskauer Serbski-Instituts nackt sitzend ein Ohrläppchen ab. Die Psychiatrie spielte zu Sowjetzeiten eine düstere Rolle. Die 2006 in Moskau ermordete Journalistin Anna Politkowskaja bezeichnete sie als einen Ort, an dem Dissidenten, die sich „gegen totalitäre Lüge und politische Unfreiheit auflehnten, für verrückt erklärt“ wurden. Pawlenski spielt mit der Parallele zum Maler van Gogh, der sich nach einem Streit mit Gauguin einen Teil seines linken Ohres abschnitt.

Pawlenski nagelt seinen Hodensack an den Roten Platz

Aber nicht jede Aktion ist so leicht zu erklären. Ende 2013 nagelte Pawlenski seinen Hodensack an den Roten Platz in Moskau, um gegen Gleichgültigkeit und korrupte Polizisten zu protestieren. Das klingt nicht nach Kunst, sondern zunächst nur widerlich. Dazu muss man wissen, dass es im Russischen eine Redewendung gibt, die jemandem androht, ihn an den eigenen Hoden aufzuhängen. Im Deutschen werden Kastrationsängste sprachlich eher tabuisiert, im Russischen ist es eine gängige Androhung von brutaler Gewalt. „Es ist Gefängnissprache“, sagt sein Kurator Dietrich. Die Metaebene der Kunstaktion muss erfragt werden: Wenn Pawlenski sich stets als Opfer inszeniert, wer ist dann der Täter?

„Ein Gerichtsprozess ist wie ein Opfertanz von Kannibalen“, sagt Pawlenski im TV-Porträt: „Jeder hat seine rituelle Rolle und führt zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Handlung aus.“ In einem Prozess hat sich etwas Überraschendes ergeben. Pawel Jasman, der Ermittler, hat die Seiten gewechselt und wurde sein Verteidiger. Und in der Hamburger Ausstellung wird auch eine offizielle Vorladung nach einer „Stacheldraht-Aktion“ gezeigt. Die Unterschrift des Richters gleicht seiner Stacheldrahtrolle. Manchmal findet sich Zuspruch in winzigen Details. Das Faszinierende an Pawlenski sei, sagt Dietrich, „dass er vollkommen furchtlos großartige Bilder schafft.“

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