Symphonie-Orchester

Dirigent Ticciati: "Ein großer Moment in meinem Leben"

Der Brite Robin Ticciati hat seinen Chefvertrag beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unterzeichnet. Ein charismatischer Auftritt.

Robin Ticciati, 32, wird Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters ab 2017

Robin Ticciati, 32, wird Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters ab 2017

Foto: Reto Klar

Bei der öffentlichen Vorstellung des neuen Chefdirigenten spricht das Berliner Führungsteam seinen Nachnamen konsequent italienisch aus. Das ist bemerkenswert, denn Robin Ticciati ist ein waschechter Londoner. Der 32-Jährige ist ein Einwanderer-Nachfahre. Sein Großvater Niso Ticciati, ein gebürtiger Römer, war Komponist und Arrangeur. Enkel Robin gibt sich aber very british. In gewisser Weise hat sich am Donnerstag ein neuer, junger Simon Rattle in Berlin vorgestellt. Die Ähnlichkeiten sind verblüffend, weniger wegen des Lockenkopfes und der Jungenhaftigkeit, sondern vor allem wegen der offenen Art und des britischen Humors.

Unterschrieben wurde ein Fünfjahresvertrag

In der Villa Elisabeth stellt Ticciati sich erstmals in Berlin vor, nachdem gerade erst bekannt geworden ist, dass er ab der Saison 2017/18 die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin übernimmt. Bei der gestrigen Pressekonferenz wird um 14.30 Uhr auch der Fünfjahresvertrag unterzeichnet. Das Ganze ist eher wie ein Fest- oder Staatsakt inszeniert. Es geht um die Zukunft eines wichtigen Orchesters. Pressechef Benjamin Dries bittet das Podium, sich zu erheben. Im Parkett ist man gar nahe dran, es mitzutun. Thomas Kipp, der Geschäftsführer der Rundfunk Orchester und Chöre GmbH, versichert, dass er „gerne unter Zeugen“ unterschreibt. Was bei ihm aber nicht nach einer Straftat klingt.

Ticciati wartet derweil und unterschreibt anschließend. Er tut das mit der linken Hand. Auch das ist bemerkenswert. Den Taktstock führt Ticciati rechts. Er ist also ein umgelernter Linkshänder, was ihn etwa mit Siegfried Wagner verbindet. Das Umlernen ist heute bei Dirigenten eher unüblich. Es erklärt, warum Ticciati am Pult so ausschweifende und zugleich prägnante Bewegungen hinbekommt. Seine Dirigiersprache ist in ihrer Gleichrangigkeit eigentümlich, vor allem auch sanft und hingebungsvoll. Davon zehrte sein Berliner Debüt mit Bruckners Vierter im vergangenen Herbst.

Symphonie-Brocken normalerweise für alte Hasen

Solche Symphonie-Brocken vertraue man normalerweise nur den alten Hasen an, erklärt Orchesterdirektor Alexander Steinbeis. Der Name von Kent Nagano, einem der prägenden Amtsvorgänger von Ticciati, fällt. Aber Ticciati, der sein Berlin-Debüt lange hinauszögerte, hat sich letztlich durchgesetzt. Nach nur einem einzigen Konzert hat sich das Orchester und dessen Leitung für ihn entschieden. Robin Ticciati zeigt sich berührt an diesem Donnerstag. „Es ist ein großer Moment in meinem Leben“, sagt er. Und das auf Deutsch. Er wisse, dass er Deutsch sprechen muss. „Ich habe jetzt zwei Jahre Zeit, es zu üben“, fügt er hinzu, um dann wieder ins vertraute Englisch zu wechseln. Ticciati meint es ernst mit Berlin. Nicht nur weil er das sagt, sondern weil man es ihm abnimmt. Er wird nach Berlin ziehen, und er wird sich dem Orchester hingeben.

Es ist so wunderbar, dass Ticciati mit den Händen nicht nur dirigieren, sondern auch sprechen kann. Seine Hände begleiten seine Ausführungen über Musik, Feeling, Intellekt und Herz. Er zeigt ein spitzbübisches Lächeln, wenn ihm etwas zu schwer, zu pathetisch wird. Er hat etwas Charismatisches. Brav bedankt er sich auch bei den Gesellschaftern. Es holpert ein wenig, und so endet er radebrechend „and Rundfunk Berlin“. Dann lacht er wieder schelmisch, und alle sind hin und weg. Und was Brandenburg ist, muss man ihm noch erklären, wenn er erst in Berlin ist.

Er bleibt Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera

In der kommenden Saison wird der designierte Chefdirigent bereits ein Programm dirigieren, in der Saison 2016/17 sind es schon zwei Projekte. Dann tritt er bereits an. Ticciati ist heiß begehrt in seiner Generation. Heutzutage gibt es weltweit mehr gute Orchester als gute Dirigenten. Auf die Frage, ob er denn gleich drei Chefpositionen ausfüllen will, versichert er am Donnerstag, bei Amtsantritt nur noch zwei Chefpositionen zu haben. Das Scottish Chamber Orchestra gibt er auf. Er bleibt aber weiterhin Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera. Das sei seine musikalische Familie. Mit der deutschen Musiktradition kennt er sich bereits gut aus. Nicht zuletzt auch, weil er einige Jahre lang Erster Gastdirigent der Bamberger Symphoniker war.

Ursprünglich war Ticciati als Geiger, Pianist und Schlagzeuger ausgebildet worden. Er spielte im National Youth Orchestra, als 15-Jähriger wandte er sich dem Dirigieren zu. Zu seinen Mentoren und Förderern gehören Sir Colin Davis und – was kaum überrascht – Sir Simon Rattle. Der wechselt zeitgleich nach London. Seine Berliner Philharmoniker haben sich mit Kirill Petrenko kürzlich einen künstlerisch besessenen, aber nach innen gekehrten Nachfolger gewählt. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat sich diesmal einen besessenen, nach außen strahlenden Chefdirigenten ausgesucht. Zweifellos stehen dem Berliner Klassikbetrieb spannende Zeiten bevor.