Altmeister

Woody Allen: „Ich drehe so lange, wie man mich noch lässt“

In drei Wochen wird derGroßstadtneurotiker 80 Jahre alt, jetzt startet sein 45. Film. Ein Gespräch über Bewerbungsgespräche, das Alter und letzte Ziele.

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Es ist ein doppeltes Jubiläum, das Woody Allen in diesen Wochen begeht. Heute startet der neue Film des bekanntesten Kinoneurotikers: „Irrational Man“ über einen mordlustigen Philosophieprofessor ist Allens 45. Regiearbeit. Und am 1. Dezember wird der New Yorker Filmemacher 80 Jahre alt. Wir haben mit dem Altmeister über Moral, Angewohnheiten und das Alter gesprochen.

Berliner Morgenpost: Mr. Allen, Hollywoodstars stehen seit Jahren Schlange, um mit Ihnen drehen zu dürfen. Sie haben sich dabei eine nicht ganz unberüchtigte Art angewöhnt, Rollen zu besetzen. Sind Sie Ihrem Ruf auch diesmal treu geblieben?

Woody Allen: Oh, ich hasse diese Termine, bei denen Dutzende Schauspieler vorsprechen, und ich soll mich dann entscheiden. Ich fühle mich immer schrecklich unwohl dabei. Ich will immer, dass jeder möglichst schnell wieder draußen ist. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll, sie sind nervös, ich bin nervös, es ist eine furchtbare Situation.

Was ist denn daran so schlimm?

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Vorstellungsgespräch für einen Job, den Sie unbedingt haben wollen, und draußen sitzen noch 15 andere Leute, die genauso qualifiziert sind. Im konkreten Fall des Vorsprechens müssen Sie für eine Rolle eine Szene spielen, und da vorn sitzen drei Menschen, die Sie anstarren. Ich hasse all das. Mir tun die Schauspieler leid. Ich versuche, dass sie nichts lesen müssen und ich sie schnell wieder draußen habe.

Was machen Sie stattdessen, wie sieht es konkret aus, wenn man bei einem Woody-Allen-Film mitspielen will?

Nehmen wir Parker Posey für diesen Film. Sie kam rein, wir redeten kurz, sie war die übliche Hektik in Person und zwei Minuten später war ich sie wieder los. Aber sie hatte die Rolle, weil wir einfach wussten, dass sie wahnsinnig gut sein wird. Ich muss meine Darsteller meist nicht vorspielen sehen, weil ich ihre Filme kenne und weiß, was sie können. Ich würde es vorziehen, sie einfach blind zu buchen, aber meine Besetzungsagentin Juliette sagt dann immer, ich könne diese oder jene Schauspielerin nicht engagieren, bevor ich sie nicht wenigstens mal kurz persönlich getroffen habe. Also tue ich ihr den Gefallen. Auch wenn ich es für ein sinnloses Ritual halte. Wozu soll es gut sein? Ich sage Hallo, die Schauspielerin sagt Hallo, ansonsten haben wir uns nichts zu sagen. Und danach muss Juliette sie meistens trösten und ihnen versichern, dass es nichts zu bedeuten habe, alle Treffen mit mir seien so kurz.

Ihrem Hauptdarsteller Joaquin Phoenix dürfte das sehr entgegengekommen sein. Er gilt als unnahbar und schwierig.

Alles Quatsch! Es gibt kaum jemanden, der liebenswürdiger wäre. Aber er hat ein ganz besonderes Talent, sich selbst zu quälen. Alles läuft wie am Schnürchen, nur etwas geht in ihm vor, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Wenn er hier mit uns säße und ich ihn bäte, mir ein Glas Wasser zu geben, würde es ihn ungeheure Kraft kosten und ewig dauern. Hamlet wäre nichts dagegen! Und genau deshalb war er perfekt für die Rolle. Ich musste ihm keine einzige Regieanweisung geben. Er kam an den Set und sah schon aus wie ein ausgebrannter Philosophieprofessor, der an sich und der Existenz leidet.

Warum ziehen Sie selbst diese Grenze zwischen sich und Ihren Darstellern? Ihre weibliche Hauptdarstellerin Emma Stone scheint ein reizender Mensch zu sein.

Aber darum geht es nicht. Emma Stone hat ihr Leben, und ich habe meins. Sie kommt ans Set, macht ihr Ding, und ich gebe ihr manchmal kleine Anweisungen: Sprich hier ein bisschen schneller oder dort weniger verärgert. Aber ich würde sie nie fragen: Hast du Lust auf ein Dinner? Was machst du am Wochenende?

Die Hauptfigur scheint diesmal kein Alter Ego von Woody Allen zu sein wie in so vielen Ihrer anderen Filme ...

Na, hoffentlich wirke ich nicht so gepeinigt wie dieser Professor! Ich verspüre auch nicht eine solche Mordlust wie er. Also zumindest praktisch nicht. Natürlich habe ich solche Gedanken, jeder fantasiert doch mal darüber, Leute umzubringen. Sie etwa nicht?

Können Sie Namen nennen?

Sagen wir einmal so: Wenn ich jeden umgebracht hätte, von dem ich mir das irgendwann einmal vorgestellt habe, dann wäre ich ziemlich allein auf dieser Welt.

Gibt es denn moralisch legitimierbare Gründe für Mord?

Aber sicher! Wenn Sie wüssten, jemand will in einer Schule eine Bombe hochgehen lassen und damit 500 Kinder töten, und Sie könnten ihn vorher ausschalten, würden Sie das tun. Und es wäre moralisch vertretbar, weil Sie den Tod 500 unschuldiger Kinder verhindert haben. Oder Hitler, den immer jeder heranzieht bei solcher Gelegenheit. Aber zu Recht: Wäre Hitler ermordet worden, wäre der Welt einiges erspart geblieben. Ein extremes Beispiel, gewiss.

Nicht extremer als die Frage in Ihrem Film, ob man die Wahrheit über Anne Franks Aufenthaltsort sagen müsse.

Weil es Kants kategorischem Imperativ widerspricht. Bei all seiner Brillanz gibt es doch Momente, in denen eine Lüge moralisch richtiger ist als die Wahrheit. Wenn man sagt, dass eine einzige Lüge das Lügen an sich legitimiert, kann man so nicht leben. Es ist eine philosophische Diktion, aber sie ist sinnentleert.

Sie werden im Dezember 80 Jahre alt, das hier ist Ihr 45. Film. Jedes Jahr kommt ein neuer „Woody Allen“ ins Kino. Haben Sie noch Ziele? Die 50 noch vollbekommen?

Ich will einfach weiterarbeiten. So lange ich gesund bleibe und mir Leute Geld geben, Filme zu drehen, mache ich weiter. Eines Tages wird mir keiner mehr Geld geben wollen oder ich habe einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall und dann war’s das. Aber bis dahin ...

Darüber muss man sich wohl nicht sorgen. Sie sagten mal, Sie hätten gute Gene.

Mein Vater wurde 100, meine Mutter 95. Aber angeblich hat ein langes Leben nicht viel mit Genetik zu tun, man kriegt immer nur das schlechte Zeug, ein schwaches Herz oder Diabetes.

Wenn Sie auf Ihr Leben und Ihre Karriere zurückblicken, wie sehr haben Sie sich verändert?

Ich baue körperlich ab, meine Haare werden grauer und weniger, ich habe ein Hörgerät, äußerlich bin ich nicht mehr derselbe wie vor 20, 30 Jahren. Aber sonst hab ich mich gar nicht besonders viel verändert, fürchte ich. Pessimistisch war ich schon immer. Und reifer bin ich sicherlich auch nicht geworden.