Noch 20 Minuten bis zur Präsentation. Da könnte man schon so nervös sein, wenn man der Welt sein neues Produkt vorstellt. Aber dann fällt eine Kleinigkeit aus: Der Computer sagt nicht „Hallo“, wenn der User ihn anschaltet. Und das ist nur das erste Malheur, das Steve Jobs passiert.
Da ist auch noch sein alter Mitstreiter Steve Wozniak, der ihn beschwört, sich beim alten Team von Apple II zu bedanken, das doch den Mythos der Firma begründete, auch wenn Jobs inzwischen ein geschlossenes System entwickeln und von dem alten nichts mehr wissen will.
Da ist sein alter Mentor John Sculley, der ihn mal kurz sprechen muss. Und dann stürmt auch noch die Ex-Freundin ins Büro, die es nicht fassen kann, dass er die Vaterschaft ihrer Tochter nicht anerkennen will.
Ein Leben, radikal in drei Akten erzählt
20 Minuten, in denen alles in Auflösung ist. 20 Minuten, die der Kinozuschauer backstage bei Steve Jobs erlebt, während im Film die Zuschauer im Saal auf die Einweihung seines neuen Produkts warten. 20 Minuten, in denen wir die ganze Ambivalenz dieses Mannes gebündelt erfahren: ein genialer Schöpfer, ein Pionier der Computertechnologie, aber menschlich eine einzige Katastrophe.
„Ich bin“, wird er dazu einmal schlicht sagen, „schlecht programmiert“. Ein Mann, der alles von seinen Mitstreitern fordert, aber nicht ein gutes Wort für sie übrig hat. Einer, der unter Kontrollzwang leidet und unter dem Trauma, als Kind zur Adoption freigegeben worden zu sein.

Und diese 20 Minuten, das ist der Clou von Danny Boyles neuem Film „Steve Jobs“, werden sich zwei Mal wiederholen. Drei Präsentationen erleben wir so, die des Macintosh 128 im Jahr 1984, die des Next-Computers 1988 und die des iMac 1998. Drei Nervenkitzel. Drei Selbstinszenierungen. Drei Stationen, die die Karriere des Apple-Gründers schlaglichtartig beleuchten.
Die Pleite mit dem Macintosh, der darauf folgende Rausschmiss aus der eigenen Firma, der Aufbau einer Konkurrenzfirma und der umso erfolgreichere Wiedereinstieg ins Apfel-Universum, wobei der undurchschaubare Jobs von Anfang an einen kühnen Plan durchzuziehen scheint.
Klassischer amerikanischer Aufstiegstraum
Filmbiografien sind gewöhnlich eine starre, eine vorhersehbare Sache. Sie beginnen in der Kindheit, die immer eine schwierige ist, sie zeigen die ersten Strahlen des Genies, aber auch die ersten Widerstände, die es überwinden muss, um schließlich umso mehr strahlen zu können. Filmbiografien haken Fakten um Fakten ab, springen durch die Zeit und die Wirkstätten.
So könnte man auch das Leben von Steve Jobs als archetypischen amerikanischen Aufsteiger-Mustertraum von der kleinen Garage zum Multikonzern erzählen. Und ein anderes Biopic hat das auch schon getan, vor zwei Jahren erst, „Jobs“ hieß es schlicht, und Ashton Kutcher versuchte in der Titelrolle tapfer, aber vergeblich, dieses Genie fassbar zu machen.

„Steve Jobs“ ist kein Biopic. Oder doch eines mit ganz anderer, radikaler Struktur. Weil sich Regisseur Boyle und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin – der mit „The Social Network“ schon eine andere Lieblingshassfigur unter den Computergöttern, Mark Zuckerberg, filmisch bearbeitete – hier auf wenige, aber umso prägendere Momente beschränken. Die Selbstinszenierungen von Steve Jobs werden zum dramaturgischen Prinzip.
Alles Weitere wird in diesen Momenten mitverhandelt. Indem immer wieder dieselben Mitstreiter und Gegner auftauchen. Das meiste wird in den vorzüglichen Dialogen verarbeitet, manches auch in Rückblenden gezeigt.
Niederlage auf Niederlage
Die ironische Pointe aber ist, dass immer dann, wenn die Präsentation endlich beginnt, die Episode endet. Und man über den Erfolg oder – was in den ersten Fällen eher zutrifft – die Niederlage des jeweiligen Produkts nur aus nachgeschobenen Nachrichtenbildern erfährt.
„Steve Jobs“ verfährt also wie ein Dreiakter im Theater. Mit dem Vorteil, dass die Kulisse hier nicht statisch beschränkt bleibt, sondern die Kamera in langen Einstellungen mit seinem Protagonisten durch die ganzen Eingeweide der jeweiligen Gebäude folgt, was den Schauspielern ein Höchstmaß an Disziplin abverlangt haben muss.

Dabei wurden die drei Zeitebenen auch in ganz anderen Filmstilen gedreht: die erste Präsentation noch in grobkörnigem 16-mm-Material, die zweite im schon höherwertigen 35 mm, das letzte schließlich in gestochen scharfem HD. Auch optisch geht der Weg hier nur langsam nach oben.
Und es ist amüsant zu erleben, wie Seth Rogen als Steve Wozniak im Grunde immer derselbe Nerd bleibt, während Kate Winslet als Jobs’ engste Vertraute Joanna Hoffman stets neue Brillen, Frisuren und Outfits trägt. Eine Zeitreise in Sprüngen, die auch viel über die Zeit dazwischen aussagen.
2015 ist das Jahr von Michael Fassbender
Und zwischen all diesen aufgeregten Menschen Michael Fassbender als Jobs, der den armen Ashton Kutcher von der ersten Sekunde an verblassen und vergessen lässt. 2015 ist das Jahr für Fassbender. Gleich in vier Filmen war der irische Schauspieler mit deutschen Wurzeln in den letzten Monaten zu sehen.
Von dem charmanten Neo-Western „Slow West“ über das bizarre Künstlerporträt „Frank“, in dem er größtenteils unter einem überdimensionalen Plastikkopf steckte, bis zur grandiosen Shakespeare-Verfilmung „Macbeth“, die erst vor zwei Wochen anlief.
Der Job lautet: drei Jobs’
Allein in diesem Direktvergleich, dem archaischen Königsmörder hier und dem hypermodernen Computermogul da, zeigt sich die ganze Palette von Fassbenders Schauspielkunst. Und er spielt ja nicht nur einen Steve Jobs, sondern gleichsam drei.
Jobs hat nicht nur seinen Produkte prägnante Designs verpasst, er hat sich, das manifestiert sich in den Zeitsprüngen umso deutlicher, auch in seinem Erscheinungsbild immer wieder selbst neu erfunden wie sonst vielleicht nur Madonna. Steve Jobs war also wirklich drei Jobs für den Schauspieler. Dem jetzt dafür schon große Oscar-Chancen prophezeit werden. An der Zeit wäre es.




