Konzertkritik

Chanson-Diva Juliette Gréco nimmt Abschied in Berlin

Juliette Gréco wirft letzte Küsse in die Menge. Mit ihrem Auftritt im Friedrichstadt Palast geht das klassische Chanson in Rente.

Juliette Gréco.

Juliette Gréco.

Foto: dpa Picture-Alliance / Marechal Aurore / picture alliance / abaca

Am Ende kommt sie noch zwei Mal heraus. Nicht mehr bis zur Bühnenmitte, soweit nicht. Aber sie lässt sich bis zur Bühnenrampe geleiten, und dann winkt sie dem Publikum zu. Mit beiden Händen. Und wirft Küsschen. Ein bewegender Moment. Denn das ist ein Abschied. Ein Lebewohl. Juliette Gréco, die Muse, das Orakel, die letzte Instanz des klassischen Chanson, hat ihr letztes Konzert in Berlin gegeben. Sie ist auf ihrer Abschiedstournee, mit dem knappen Titel „Merci“. Damit tritt die große Dame, die inzwischen 88 Jahre alt ist, endgültig aus dem Rampenlicht. Und ihr Publikum ist gekommen, um sie ein letztes Mal zu erleben. Zu feiern. Um ihr zu huldigen.

Die Gréco ist eine, die schon immer da war. Für die Jungen wie die Älteren, die alle in den Friedrichstadt Palast gekommen sind. Seit über 70 Jahren steht sie auf der Bühne. Sie war die Muse des Existenzialismus, Sartre hat sie entdeckt, Sagan, Camus und Prévert haben ihr erste Chansons geschrieben. Dann hat sie sich das ganze Repertoire des französischen Chansons erobert, ersungen und zu eigen gemacht.

Sie ist keine Sängerin, sondern mehr, eine Interpretin. Und das auf immer gleiche Weise. Schwarze Gewänder. Schwarze Mähne. Dicke Wimpern. Und die tiefe Stimme. In ihren frühen Jahren war das ein starker Kontrast, die attraktive junge Frau mit der viel älter, reifer klingenden Stimme. Später haben sich Erscheinung und Stimme einander angepasst, auch wenn letztere noch etwas dunkler geworden ist.

Allein mit ihrer Aura füllt Gréco schon die Bühne

Der Friedrichstadt Palast ist nur zu zwei Dritteln gefüllt. Den größten Saal der Stadt zu füllen ist nicht leicht. Die größte Showbühne Europas dagegen füllt die Dame in Schwarz allein mit ihrer Aura mit links aus. Was wird sonst so aufgefahren an Massen und Kulissenbombast auf dieser Showbühne! Hier steht lediglich ein Klavier, an das sich ihr langjähriger Begleiter Gérard Jouannest setzt. Und ein Akkordeonist, Jean-Louis Matinier, der sich dahinter fast versteckt. Vorn in der Mitte ein Mikro. Und dahinter die Frau, die „schwarze Sonne von Paris“. Der Inbegriff eines Lebensgefühls, der Bohème. An diesem Abend ist sie noch mehr: Sie ist selbst Paris, die alte, unbeugsame Stadt.

Schon als sich ihre Silhouette am Rand abzeichnet, jubiliert das Publikum und erhebt sich. Standing Ovations. Die alte Dame muss gestützt werden, die letzten Schritte macht sie allein. Aber wenn sie erst mal am Mikro steht, scheint sie buchstäblich die Bühnenluft einzusaugen. Und aufzuleben. Keine Begrüßung. Kein Bon-soir. Eine Gréco grüßt nicht, sie lässt sich begrüßen. Es wird auch keine Anmoderationen geben. Das ist ganz alte Schule, auch wenn die ein wenig aus der Mode gekommen ist. Man stellt sich dar durch sein Programm. Und kündigt höchstens die Titel an und die Komponisten.

Musikalische Solidarität mit Paris

Zuerst singt sie „Sous le ciel des Paris“ (Unter dem Himmel von Paris). Auch ohne irgendwelche Zusatzworte ist dieser Piaf-Klassiker ihre Solidaritätsbekundung, ihr Beistand für ihre leidgeprüfte Stadt. Dann aber stimmt sie „Les vieux“ (Die Alten) von Jacques Brel an. Wie ironisch wirkte das, als sich der junge Brel über die alten Leute ein wenig lustig gemacht hat. Wie melancholisch klingt das aber, wenn die betagte Diva dies nun in Moll interpretiert.

Die ganz großen Bögen gelingen ihr stimmlich nicht mehr. Wie sollten sie auch. Aber wie man das vor allem von Operndiven kennt, weiß sie das manchmal fehlende Volumen durch noch mehr Sentiment wettzumachen. Und so zerbrechlich sie noch wirkte, als sie auf die Bühne kam, am Mikro steht sie wie ein Baum. Und lässt ihre Hände fließen.

Die Gréco zu hören, ist ja immer nur der halbe Spaß. Man muss sie sehen, oder, wie man jetzt sagen muss, gesehen haben. Wie sie sich dramatisch durch die Mähne fährt. Wie ihre Arme weit ausholen. Sich fast vom Körper lösen. Wie sie mimisch erzählt. So dass auch jeder, der des Französischen nicht mächtig ist, eine Ahnung bekommt, was sie da singt, was sie da erleidet. Juliette Gréco, das ist wie ein Stummfilm mit Ton. Pastös aufgetragene Gesten, die noch immer präzise sitzen. Und bis in die hintersten Reihen ankommen.

Sie singt Brel, singt Gainsbourg. Auch „Jolie mome“, eine ihrer ganz frühen Erfolge. Sie singt auch Jouannest. Und blickt dabei zum Piano. Jouannest war erst der Komponist und Arrangeur von Brel, dann der der Gréco, mit der er auch verheiratet ist. Beide sind so etwas wie die Nachlassverwalter einer Kunstform, die Letzten ihrer Art. Und so bekommt manch an diesem Abend gleich mehrfach Gänsehaut. Etwa wenn die Gréco dann doch einmal ein paar Worte vor dem nächsten Chansons verliert. Wie sie sich entschuldigt, sie dürfe dieses Lied wirklich, wirklich nicht mehr singen, und es dann natürlich doch tut: „Deshabillez-moi“ (Zieht mich aus).

Das ganz klassische Chanson geht in Rente

Sie singt es mit einer Verführungskunst, die über alle Koketterie hinausgewachsen ist. Den größten Schauer gibt es freilich bei Brels „J’arrive“. Da singt jemand von seinem baldigen Ende, er ruft dem Tod zu, dass er bereit sei, dass er komme. Um im selben Moment doch noch um Aufschub zu betteln. So wie die Gréco das interpretiert, bringt das die Abschiedstournee auf den Punkt. Noch einmal singen, noch einmal in der Menge baden. Aber sie ist bereit.

Danach kann eigentlich nichts mehr kommen. Erst eine Stunde ist vorüber. Mehr schafft die Große Dame wohl nicht mehr, auch wenn ihr kaum Erschöpfung anzumerken ist. Aber dann kommt noch ein Brel-Chanson, sein berühmtestes. „Ne me quitte pas.“ Verlass mich nicht. Und wieder muss man schlucken.

Es ist doch umgekehrt. Verlass uns nicht, möchte man rufen. Den Zuhörern bleiben ja die Alben zuhaus. Aber was bleibt der Dame, die sich da ein letztes Mal verbeugt? Sie wisse es nicht, hat sie dieser Zeitung vorab erklärt. Und sie habe Angst davor. Der Zuschauer geht beglückt nach Hause. Aber auch ein bisschen wehmütig. Irgendwie ist mit der Gréco das ganze klassische Chanson in Rente gegangen.