Konzertkritik

Bei Tedeschi Trucks Band zählt im Tempodrom nur die Musik

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Peter E. Müller
Sängerin Susan Tedeschi (r.) amit ihrem Ehemann Derek Trucks

Sängerin Susan Tedeschi (r.) amit ihrem Ehemann Derek Trucks

Foto: Jean-Christophe Bott / picture alliance / dpa

Wenn die Tedeschi Trucks Band im Berliner Tempodrom spielt, geht es nicht um Showeffekte - sondern um Musik.

Sie leisten sich den Luxus, nur die Musik zu spielen, die sie wirklich mögen. Sie scheren sich nicht um Trends. Sie verstehen Konzerte nicht als Shows, die mit möglichst viel Kulissen, Pyrotechnik und LED-Wänden aufgepeppt müssen. Bei der amerikanischen Tedeschi Trucks Band zählt nur eines: die Musik. Und die ersteht jeden Abend neu, ganz nach Stimmung und Laune der Musiker. So auch jetzt am Sonntagabend im gut zur Hälfte gefüllten Tempodrom.

Bis zu zwölf Musiker stehen auf der Bühne und servieren eine stilistisch vielfältige Mixtur aus treibendem Memphis-Soul, pumpendem Southern-Rock und wuchtigem Chicago-Blues. Die 45-jährige Sängerin und Bluesgitarristin Susan Tedeschi und der neun Jahre jüngere Gitarrist Derek Trucks waren jahrelang mit ihren eigenen Bands unterwegs, heirateten 2001 und beschlossen vor gut fünf Jahren, eine gemeinsame Formation zu gründen. Was das Familien- und Seelenleben offenbar erheblich vereinfacht.

Album „Revelator“ holte direkt einen Grammy

Im heimischen Studio in Jacksonville/Florida entstand das Debütalbum „Revelator“, das 2011 prompt mit einem Grammy-Musikpreis gekürt wurde. Nach einer Live-Platte und dem dritte Album „Made Up Mind“ soll im kommenden Jahr Album Nummer vier erscheinen, von dem es im Tempodrom bereits einige Kostproben wie die Ballade „Anyhow“ oder das treibende „Laugh About It“ zu hören gibt.

In den USA zählt die Tedeschi Trucks Band zu den Stars der sogenannten Jam-Band-Szene, als deren legendäre Vertreter Greatful Dead und die Allman Brothers Band gelten. Bands, die im Konzert ihre Songs nicht nur plattengetreu reproduzieren, sondern immer wieder ausgedehnte Sessions und Improvisationen einbauen. Wie Phish, die Black Crowes oder die Dave Matthews Band. Außerhalb der USA freilich ist die Fangemeinde zwar auch treu, aber eher überschaubar.

Immer wieder finden neben eigenen Stücken ausgewählte Coverversionen den Weg ins Repertoire. Dass sie nun aber gleich den Box-Tops-Song „The Letter“ in der Fassung von Joe Cocker an den Anfang gestellt haben, hat einen guten Grund. Im September hat die Tedeschi Trucks Band mit zahlreichen Gästen beim Lockn’Festival im US-Bundesstaat Virginia das 45. Jubiläum der legendären Tournee „Mad Dogs & Englishmen“ gefeiert.

Gemeinsam übers Land wie einst Joe Cocker

1970 zog Joe Cocker mit einem Tross von gut 25 Musikern und noch einmal so vielen Technikern in 56 Tagen durch 48 amerikanische Städte. Das Geld damit verdienten andere. Für Cocker endete das irrsinnige Unternehmen im finanziellen Fiasko und einem Nervenzusammenbruch. Doch die Hippie-Tour wurde in einem Film und auf einem exzellenten Live-Doppelalbum dokumentiert. Für Derek Trucks und Susan Tedeschi war diese Rock-Karawane 2010 nach eigenem Bekunden auch ein Grund, ihre Bands zusammenzuwerfen, um gemeinsam wie die „Mad Dogs“ über Land zu ziehen.

In Virginia spielten sie mit Musikern, die schon damals dabei waren, wie Pianist Leon Russell oder Sängerin Rita Coolidge, die Stücke nahezu im Originalarrangement, darunter eben auch „The Letter“. Und, so werden sie sich gesagt haben, es wäre doch schade, diese Klassiker der Rockgeschichte nur ein einziges Mal aufzuführen. Und so singt Susan Tedeschi nun mit voluminöser, soulgestählten Stimme „Gimme a ticket for an aeroplane…“. Später wird es von „Mad Dogs“ noch die Leonard-Cohen-Ballade „Bird On A Wire“ und als Zugabe „With A Little Help From My Friends“ geben. Susan Tedeschi singt auch sie bravourös.

Klassischer Slide-Blues mit Elementen indischer Musik

Derek Trucks, der in den vergangenen gut 20 Jahren auch als Gitarrist zur Allman Brothers Band gehört, ist ein phänomenaler Instrumentalist, der nahezu ohne Effektgeräte und großem Instrumentenpark auskommt. Er spielt mit den Fingern, ohne Plektrum. Grundlage ist der klassische Slide-Blues, angereichert mit Elementen indischer Musik. Die hat er beim Sarod-Spieler Ali Akhbar Khan in Kalifornien studiert.

Wie genial er den Blues mit weltmusikalischen Elementen verquickt, zeigt sich etwa in der langen Einleitung zu „Midnight In Harlem“, in der er in meditativen Melodien die Gesänge pakistanischer Sufisänger wie Nusrat Fateh Ali Khan auf der Gitarre nachempfindet. Dann wieder lässt er sich ganz in den Blues fallen wie bei Bobby „Blue“ Blands „I Pity The Fool“. Er lässt seine Gibson mit warmem Ton aufheulen, winseln, weinen und überfällt gleich darauf mit kantigen Riffs.

In Susan Tedeschi hat er einen adäquaten Gegenpart. Sie hat nicht nur eine kraftvolle Stimme, sie spielt auch einen eher harten, trockenen Sound auf ihrer Fender Stratocaster. Die beiden harmonieren prächtig im gemeinsamen Spiel. Rückendeckung bekommen sie von einer versierten Musiker-Crew. Mit Tyler Greenwell und J.J. Johnson sorgen gleich zwei Schlagzeuger im Verein mit Bassist Tim Levebvre für den pulsierenden Groove. Sie nutzten mit Band-Saxofonist Kebbi Williams diese Europatournee übrigens schon am vergangenen Donnerstag für ein eigenes Gastspiel im Berliner Jazzclub A-Trane.

Auf hochsympathische Weise altmodisch

Keyboarder Kofi Burbridge erweist sich als vielseitiger Tastenmann, holt aber die Querflöte dann doch einmal zu oft hervor. Neben Williams am Saxofon formen Trompeter Ephraim Owens und Posaunisten Elizabeth Lea die Bläsertruppe. Drei Chorsänger komplettieren die Großformation, die mit gewaltiger Lautstärke und etwas grellem Sound in der großen Vergangenheit von Soul und Blues wühlen.

Ja, diese Band ist auf eine hochsympathische Weise altmodisch. Da singt Susan Tedeschi etwa Bob Dylans „Don’t Think Twice, It’s Allright“, schabt sich Trucks durch das rockig-poppige „Made Up Mind“, bevor sich die Band ins geradezu hymnische „Idol Wind“ fallen lässt, das gleich noch von einem Doppel-Schlagzeugsolo veredelt wird. Als Finale gibt es nach gut zwei Stunden „The Storm“, das von einer langen Jazzimprovisation eingeleitet wird.

Da sind hochmusikalische Wächter der Tradition am Werk, die die Tugenden von Jazz, Blues und Soul pflegen. Und diese mit großem Herzen und Staunen machender Professionalität ins Heute holen. Der Applaus im Tempodrom ist so warm wie Derek Trucks’ Gitarrenspiel. Und draußen prasselt der Regen.