Konzertkritik

Cat Power balanciert sich durchs Berlin-Konzert

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Alexander Gumz
Berlin-Konzert: Sängerin Cat Power alias Chann Marshall (Archivbild)

Berlin-Konzert: Sängerin Cat Power alias Chann Marshall (Archivbild)

Foto: Getty Images / Redferns via Getty Images

Chan Marshall spielte im Columbia Theater. Sie ist Mutter geworden, das erdet sie. Dennoch: Es ist Ennui mit Stil.

Man hat es nicht ganz leicht mit Chan Marshall. Erst freut man sich auf sie, dann ist man genervt von ihr, im nächsten Moment hat man Angst um sie, dann lacht man über ihre Witze und am Ende liebt man sie wieder. Ziemliche Achterbahnfahrt, so ein Cat-Power-Konzert. Aber was soll man machen. Was soll sie machen.

Chan Marshall alias Cat Power ist ein unwahrscheinlicher Popstar. Jahrelang mit dunklen Songs das Patti-Smith-Erbe in die nächste Generation gerettet. Dann mit alten Memphis-Profis „The Greatest“, eine swingende Depression-meets-Soul-Platte, aufgenommen. Mit dem selbstproduzierten Album „Sun“ 2012 direkt in die US-Top Ten gesegelt.

Ein Role Model für Frauen, die einfordern, cool und trotzdem zerbrechlich sein zu dürfen. Aber auch: abgesagte Touren, Entziehungskuren, Krankheiten. Zerfressen von Selbstzweifeln. Bildschön. Und natürlich ist genau das ein Teil dessen, was Cat Power ausmacht: das Bild des Poète maudit ins 21. Jahrhundert zu tragen. Gute Musik machen allein kann schließlich jeder.

Erwartung hängt fast greifbar in der Luft

Vor kurzem wurde Chan Marshall Mutter. Das soll sie geerdet haben. Und so kommt sie mit nur milder Rock’n’Roll-Verspätung auf die Bühne – Solo-Tour, einziges Konzert in Deutschland, eher kleiner Club, restlos ausverkauft. Es ist eng. Erwartung hängt fast greifbar in der Luft. Mit „Old Detroit“ groovt sie sich ein: immer wieder derselbe Akkord, nur mit dem Daumen gespielt. Dieser hallige Gitarrensound, wie man ihn von ihren 90er-Jahre-Aufnahmen in Erinnerung hat, körperlich und gespenstisch zugleich.

Ohne Pause schließt sich eine zerlöcherte Version von „Satisfaction“ an, als wolle sie den Macho-Jungs um Mick Jagger ihren Song wegnehmen, ihn umwidmen. Mittendrin verspielt sie sich, stimmt eine Saite nach, spielt weiter. Werden wir also doch einen dieser nervenzehrenden Cat-Power-Abende erleben, von denen man immer wieder gehört hat? Leicht gehetzt reiht sie einen Song an den nächsten, als wolle sie möglichst schnell ins warme Hotelbett oder in eine Bar. Dem Publikum bleibt kaum Zeit, zu jubeln.

Dabei wollen das hier alle: jubeln. Da stört es wenig, dass Miss Marshall weder auf der Gitarre noch am Klavier besonders gut ist, dass sie fast jedes Lied in ähnlicher Tonlage singt. Man kann manchmal einen „Das kann meine kleine Tochter auch“-Moment nicht unterdrücken. Aber auch die alten Blueser im Mississippi Delta konnten kaum ihre Gitarren halten. Und mehr als zwei Akkorde, weiß man, braucht ein Pop-Song nicht. Er muss dabei nur sehr, sehr gut sein.

Cat Power klingt immer leicht narkotisiert

Ein paar von diesen Songs hat Cat Power geschrieben. „The Greatest“ ist so einer, oder das frühe „Nude as the News“. Das spielt sie leider nicht. Sie spielt eine Mischung aus Neuerem und Coverversionen – Dylans „Paths of Glory“, Bonnie Prince Billys „Wolf Among Wolves“. In den guten Momenten klingt sie wie eine verjüngte Marianne Faithful, in den schwierigen wie Nico kurz vor ihrem Tod. Immer leicht narkotisiert. Ennui mit Stil.

Doch je länger Cat Power spielt, desto besser wird sie. „I don’t blame you“, „Maybe not” sind konzentriert und fragil. Diese Confessional Songs, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man überhaupt das Recht hat, mitzuhören, so intim klingen sie. Für „Good Woman“ biegt sie lang den Mikroständer zurecht, fängt sogar an, so was wie Stand Up Comedy zu produzieren („Are you flirting with me, microphone?“). Dann singt sie, schlagartig ergreifend, dieses Lied vom Abschiednehmen, obwohl man lieber bleiben würde: „I want to be a good woman / and I want for you to be a good man. / This is why I will be leaving / and this is why I can’t see you no more.”

Plötzlich erzählt sie von ihrem Kind

Nachdem sie eine Stunde lang kaum einen Blick ins Publikum geworfen hat, fängt Marshall aus heiterem Himmel an zu erzählen, wie froh sie sei, ein Kind zu haben. Früher habe sie immer nur weglaufen wollen und sich umbringen. Heute sei alles anders. Sie entschuldigt sich für das im letzten Jahr abgesagte Berlin-Konzert. Und bedankt sich vielmals, für alles. Dabei wischt sie immer wieder über die Klaviatur, putzt imaginären Staub von ihrer Strickjacke. Und: sie lächelt. Volle 10 Sekunden lang. „We love you“ ruft jemand aus dem Saal. „I love you more“ antwortet Cat Power.