Klassik

Sol Gabetta: Musik ist eine Frage der Seele

Cellistin Sol Gabetta gastiert in Berlin und hat eine neue CD mit Werke von Vasks vorgestellt. Ein Treffen in der Philharmonie

Cellistin Sol Gabetta in der Berliner Philharmonie

Cellistin Sol Gabetta in der Berliner Philharmonie

Foto: Amin Akhtar

Sol Gabetta fühlt sich ertappt und lächelt alle Einwände weg. Die Cello-Prinzessin hat plötzlich keine Lust, von der Philharmonie hinüber zum Potsdamer Platz zu schlendern. „Ich spaziere gerne, aber eher im Sommer“, sagt sie. Außerdem sei der Cellokoffer schwer, was eine Ausrede ist. Also geht es treppauf, treppab – und beiläufig posiert sie routiniert gelassen für die Fotos – durch die Philharmonie ins Künstlerzimmer, wo sich die Virtuosin sichtlich wohl fühlt.

Bei den Philharmonikern hat sie im vergangenen Jahr ihr Debüt gegeben. Am Dienstag ist sie wieder als Solistin mit dem Orchestre de Paris unter Paavo Järvi im Haus zu erleben. Dann wird sie Camille Saint-Saens’ erstes Cellokonzert spielen. „Ich glaube, die französische Musik ist immer unglaublich raffiniert, sie ist überaus komplex, obwohl sie gar nicht danach klingt“, sagt Sol Gabetta: „In ihrer Raffinesse ist die Musiksprache gar nicht leicht. Und entweder findet man als Interpret in diese Sprache hinein oder man läuft immer irgendwie daneben her.“

Unterwegs mit dem Orchestre de Paris

Bald schon nach unserem Gespräch muss sie erst einmal zum Flughafen: Ein Konzert in Budapest steht an, tags darauf eines in Wien. Beide unter Järvis Leitung. Dann kommt sie zurück nach Berlin, wo sie auch eine Wohnung hat. Als Künstlerin, die in Argentinien geboren wurde, und die es nach dem Studium an der Berliner Eisler-Hochschule in die Schweiz verschlagen hat, führt sie ein Leben auf Koffern. Irgendwie ist es verständlich, dass sie wenig Lust verspürt, mal schnell durchs Stadtzentrum zu laufen, um die Welt neu zu entdecken. Bloß weil das ihre Agentur so vereinbart hat.

Künstlerzimmer sind hermetisch abgeschlossene und meist spartanisch eingerichtete Räume, in denen der Künstler auf sich selbst zurückfallen kann. Sol Gabetta wirkt diesmal etwas ernsthafter als in früheren Gesprächen. Sie trägt immer etwas leicht Melancholisches in sich, das überdeckt wird von ihrer Lust, nach dem Leben zu greifen. Die 34-Jährige trägt auch gern ihr Herz auf der Zunge. Und wenn sie mal etwas nicht beantworten will, dann sagt sie das unmissverständlich. Aber sie gehört zu den exklusiven Künstlern, mit denen man nicht nur über ihre Kunst reden muss. Davor schützt sie ihr Humor.

In fremden Städten geht sie lieber in eine Galerie

Natürlich gehen modebewusste Starkünstlerinnen in fremden Städten immer nur shoppen? Ja, ja, meint sie und lacht das Klischee weg. Und dann kommt doch wieder eine Antwort, die für sie typisch ist. „Das Shoppen befreit einen von den Gedanken, die man in der Musik immer mit sich trägt“, sagt sie: „Aber ich bevorzuge es, in eine Galerie zu gehen.“ Und dann kommt doch noch die Flaneurin zum Vorschein. „Je mehr man durch eine Stadt läuft“, fügt sie hinzu, „desto mehr lernt man sie und die Menschen kennen.“

Und dann erzählt sie von Paris, wo doch jeder denke, die Stadt sei riesengroß. „Aber das Stadtzentrum lässt sich schnell durchlaufen“, sagt sie. Irgendwo in der Metro hat sie beobachtet, wie ein kleines Kind seine Mutter bedrängt. „Schau mal Mama, da ist ein Fraumann.“ Die Mutter: „Nein, das ist ein Mann.“ Aber das Kind besteht darauf, dass es beides in einem ist. Dann habe sie, sagt Sol Gabetta, diese Person gesehen. „Er war angezogen wie ein Mann, hatte aber ganz langes Haar. Das hat nicht in das Konzept des Kindes gepasst. Der Mann hat sich nicht wohl gefühlt, aber dann mitgelacht. Das ist Ehrlichkeit. Kinder sagen, was sie denken.“ Mehrfach geht es in diesem Gespräch um Kinder. Sie selber hat noch keine. „Es geht nicht in meinem Leben“, sagt die weltweit gefragte Solistin. Irgendwann später im Gespräch sagt sie: „Wahrscheinlich bin ich selber noch ein Kind.“

Mit dem Komponisten Peteris Vasks ist sie befreundet

Das mag auch ein künstlerisches Bekenntnis sein. Gerade in der ungreifbaren Musik gibt es viele, die sich verstellen, um klüger, größer, schöner zu wirken. „Es gibt viele“, sagt Sol Gabetta, „die noch expressiver spielen als ich und eigentlich nichts sagen wollen. Ich glaube, ich bin im Reinen mit mir. Ich habe eine starke Persönlichkeit. Und ich würde nie etwas spielen, weil es gerade so angesagt ist.“ Überhaupt verstehe sie sich auf der Bühne nicht als Revolutionärin. „Wozu? Es gibt natürlich junge Leute, die mit allen Mitteln versuchen, auf sich aufmerksam zu machen. Etwa durch Aufnahmen. Ich sage immer: Es gab gute Leute vor uns, und die wird es auch nach uns geben.“

In Berlin hat Sol Gabetta gerade den lettischen Komponisten Peteris Vasks getroffen und ihm ihre neue Sony-CD in die Hand gegeben. Sie ist voller Vasks-Werke. Beide sind befreundet. „Er ist ein spiritueller Mensch“, sagt sie: „Seine Musik kann Menschen Größe eröffnen, sie berühren. Aber es ist nicht einfach, seine Musik zu interpretieren. Das ist keine Frage des Materials, sondern der Seele. Manchmal ist die Seele leer, manchmal vollständig.“