Staatsoper

Figaro macht Hochzeit im Seebad

Sehnsuchtsort für Affären: An der Berliner Staatsoper verlegt Jürgen Flimm Mozarts „Le nozze di Figaro“ in ein Seebad der 20er-Jahre

Begrüßung der Gäste im Seebad: Graf Almaviva und seine Entourage machen in Jürgen Flimms Inszenierung von Mozarts „Le nozze di Figaro“ einen Sommerausflug

Begrüßung der Gäste im Seebad: Graf Almaviva und seine Entourage machen in Jürgen Flimms Inszenierung von Mozarts „Le nozze di Figaro“ einen Sommerausflug

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Im Schiller Theater erinnert gleich die erste Szene daran, wie komisch es ist, ein Möbelstück von Ikea aufzubauen. Figaro hantiert mit Einzelteilen eines alten Betts und einem Zollstock herum. Es ist kaum zu glauben, dass bei Mozart darin eine Utopie verborgen ist. Der Diener freut sich auf seine Hochzeit, der Graf hat auf sein Standesrecht der ersten Nacht mit der Braut verzichtet. Aber die „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“-Revolution verläuft natürlich komplizierter. Beaumarchais’ Skandalstück, das als Vorlage zur Oper diente, hatte Kaiser Joseph II. verboten. Schließlich sind mächtige Männer doch niemals so sittenlos.

Das findet auch Regisseur Jürgen Flimm, der in „Le nozze di Figaro“ von 1786 lieber etwas anderes entdeckt: die Sehnsüchte. Als Susanna erscheint, wird sofort ihr Körper von Figaro vermessen. Das weckt Sehnsüchte. In gewisser Weise werden in dieser Neuinszenierung an der Staatsoper dreieinhalb Stunden lang die Frauen vermessen. Alle sind willig, die Männer auch. Alle sind gleich.

Viel Slapstick zwischen Koffern und Liegestühlen

Für seine heile Weltsicht muss Flimm erst einmal dem Mozart den Rokokozopf abschneiden. Der Regisseur verlegt die Handlung in die goldigen 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es geht hinaus in die Sommerfrische. Graf Almaviva und seine kleine Entourage drängen sich mit Koffern beladen rechter Hand durchs Parkett die Bühne hinauf. Dort hat ihnen Bühnenbildnerin Magdalena Gut eine riesige Villa in einem schon etwas heruntergekommenen Seebadambiente

errichtet. Der Lack bröckelt bereits vom Lamellenholz ab, es gibt überall die für eine Komödie wichtigen Türen. Alle Beteiligten tragen bezaubernde, zeittypische Kostüme von Ursula Kudrna. Die Inszenierung ist einfach schön anzuschauen. In dieser Kulisse will sich der lüsterne Graf seiner Susanna nähern. Staatsopern-Intendant Flimm macht es ihm gar leicht. Er ist ein alterfahrener Theaterregisseur, bei dem sogar gestandene Opernsänger zu Komödianten werden. Man ist es schon fast gar nicht mehr gewohnt, auf einer Berliner Bühne eine derart ausgefeilte Personenregie zu sehen. Alles macht Sinn, selbst der Unsinn. Zwischen Koffern und Liegestühlen kann viel Slapstick stattfinden. Flimm greift tief in die Trickkiste, vieles hat man schon oft gesehen, etwa, wenn an der Sängerin die Koloraturen durch das Begrabbeln ausgelöst werden. Ildebrando D’Arcangelo, der Graf, stolpert sogar noch zu seinem Schlussapplaus herein. Eine vorzügliche Solistenschar adelt diese „Figaro“-Premiere. Es sind durchweg charakterstarke, tragfähige Stimmen zu hören. Und es gibt eine atemberaubende Entdeckung in dieser Aufführung: Die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa lässt den Cherubino zum Motor dieser Verführungsoper werden, bei ihm ist der Eros bereits erwacht. Die schlanke Sängerin ist androgyn in schwarzen Samt gekleidet und eine Art Puck in diesem Sommernachtstraum. Sie singt ihre Partie in unbestechlicher Geradlinigkeit und kann virtuos mit dem Vibrato und allen Schattierungen der Stimme spielen.

Sie sieht sich am Ende vom Publikum bejubelt, ebenso wie Anna Prohaska als Susanna. Die Sopranistin ist ein Star des Hausensembles. In ihr schlummert auch eine Schauspielerin, und die drängt sich just in dieser Inszenierung mächtig an die Rampe. Prohaskas rothaarige Susanna ist ein kokettes Mädchen mit undurchschaubar dämonischen Zügen. Die dritte starke Frauenfigur ist die Gräfin der Dorothea Röschmann, die nicht nur eine bezaubernd wehmutsvolle Kantabilität vorzeigen, sondern auch Lust aufs Leben offenbaren kann.

Dieser Figaro macht lieber ein paar Stepschritte

Der dunkeltönige Figaro von Lauri Vasar steht mitten im Leben, einer, der den Tanz mit dem Herrn Grafen wagen würde, wenn es denn wirklich nötig ist. Ist es bei Flimm aber nicht, irgendwann macht Vasar dafür ein paar Stepschritte. Der Graf, den D’Arcangelo singt und spielt, ist eine virtuose Mischung aus Liebhaber und Clown. Überhaupt hat Flimm, wofür ihn das Publikum feiert, alle Figuren so angelegt, dass man sie herzen möchte. Und den Sängern ist anzumerken, dass sie Spaß an ihren Rollen haben. Bemerkenswert ist auch Sónia Grané als Barbarina, eigentlich eine Nebenrolle, hier die Lolita zu Diensten. Die Sopranistin gibt der Verzweiflung unerwartete Tiefe, und die Staatskapelle folgt ihr.

Gustavo Dudamel wird für seine erste Opern-Neueinstudierung in Berlin bejubelt. Unter der souveränen Leitung des Stardirigenten können sich die Sänger sicher entfalten. Aber er vermeidet eine aufsässige Gegenwelt im Orchestergraben, wo auch mal gezittert, geschnauft und gelacht wird über das, was die Sänger auf der Bühne behaupten. Dudamel ist den Sängern hörig, leider weniger Mozart.