Normale Konzerte sind das nicht. Die Abende des Vereins „musica reanimata“ sind eher die Ergebnisse von spannenden Forschungsprojekten. Im Vorfeld werden Komponisten recherchiert, Zeitzeugen befragt, Manuskripte gesichtet, Noten editiert und analysiert. Was das Publikum in den Gesprächskonzerten „Verfolgung und Wiederentdeckung“ erleben, ist immer aufregend, einzigartig und fernab der ausgetretenen Konzertpfade. Mit drei Festkonzerten feiert der Verein, der in der Nazizeit verschüttete Schätze wieder ans Licht holt, sein 25-jähriges Jubiläum.

Der Prager Erwin Schulhoff gehört zu den ersten und wichtigsten Entdeckungen von musica reanimata. Er wurde gleich aus drei Gründen von den Nazis verfolgt: als Jude, Kommunist und Avantgardist. Mit 48 Jahren starb er im Internierungslager Wülzburg. Vor allem in den 20er-Jahren hat er als radikaler Experimentator in Berlin, Dresden und Prag eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt. Er setzte sich für die Wiener Schule, Vierteltonmusik, Jazz und Dada ein und schrieb lange vor John Cage mit „In Futurum“ ein Stück, das nur aus Pausen besteht. Der Verein musica reanimata hat ihm schon viele Gesprächskonzerte und vier Bücher gewidmet.

„Meister aller Stile. Der unerschöpfliche Erwin Schulhoff“ heißt das Festkonzert. Der Verein könnte es sich leicht machen und ein Porträt mit den eindrucksvollsten Kompositionen präsentieren. Stattdessen starten die Schatzgräber eine Lieder-Offensive, denn von Erwin Schulhoffs 80 Liedern sind die meisten noch zu entdecken. Bariton Hans Christoph Begemann zeichnet mit Liedern, die zwischen 1910 und 1918 entstanden sind, die frühe Entwicklung des Komponisten nach. Viele der expressiven Lieder erklingen als Uraufführung. Schulhoffs frühe, durch die Tonarten schweifende Zigeunerlieder verraten den Einfluss seines Lehrers Max Reger. Mit den vier Liedern op. 9 verlässt er Romantik und Impressionismus und begibt sich auf den eigenen Weg der Atonalität.

Die Texte der Lieder stammen von Hans Steiger, den Erwin Schulhoff besonders gern vertont hat. Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass Schulhoffs Lieblingsdichter schon früh zum Nazi wurde und „Hitlerlieder“ veröffentlichte. Vom zarten Stimmungsbild bis zum expressiven Drama reichen die Emotionen, die Hans Christoph Begemann auch in den „Fünf Gesängen“ lebendig werden lässt. Sein sensibler Klavierpartner Klaus Simon bereitet gerade eine Gesamtausgabe von Schulhoffs Liedern vor. Musikwissenschaftler Gottfried Eberle, der den Abend moderiert, hat ein Buch über die Lieder veröffentlicht. Die vier jungen Japanerinnen des Klee Quartet London spielen zwei Werke für Streichquartett aus den 20er-Jahren. Mit ihren ungewöhnlichen Spieltechniken und der avantgardistischen Kühnheit sind die Stücke im Werner-Otto-Saal eine ideale Ergänzung zu dem Liederbogen. Am 24. und 25. November kann man in zwei weiteren Jubiläumskonzerten Kompositionen des Pianisten Artur Schnabel entdecken.

Martina Helmig