Oper

Gustavo Dudamel erklärt seine Botschaft in der Musik

| Lesedauer: 11 Minuten
Volker Blech
Dirigent Gustavo Dudamel nach einer Probe im Foyer des Schiller-Theaters

Dirigent Gustavo Dudamel nach einer Probe im Foyer des Schiller-Theaters

Foto: Reto Klar

Gustavo Dudamel dirigiert an der Berliner Staatsoper Mozarts „Figaros Hochzeit“. Ein Gespräch über die Zukunft der klassischen Musik

Beschwingt stürmt Gustavo Dudamel von der Bühne zum Dirigentenzimmer. Dort im Schiller-Theater findet das Treffen mit dem venezolanischen Dirigenten statt. Es geht um seine heutige erste Opernpremiere in Berlin. Gemeinsam mit Regie-Intendant Jürgen Flimm hat er an der Staatsoper Mozarts „Hochzeit des Figaro“ vorbereitet. Er habe sich verändert, sagt der 34-Jährige, der vor allem in Los Angeles und in seinem Heimatland Venezuela dirigiert, im Interview.

Berliner Morgenpost: Herr Dudamel, Sie dirigieren regelmäßig die Philharmoniker, an der Staatsoper, auch in der Waldbühne. Sie haben viele Fans in der Stadt. Was bedeutet Berlin für Sie?

Gustavo Dudamel: Für einen venezolanischen Dirigenten sind viele wichtige und witzige Dinge in Berlin passiert. Sich die Karajan-Videos mit den Philharmonikern anzugucken, das war schon ein Teil unserer Schule für sinfonische Musik. Das erste Mal kam ich 1999 mit dem venezolanischen Nationalorchester nach Berlin. Da war ich gerade 17 Jahre alt. Es war mein erstes Konzert in der Philharmonie. Später kam ich, um viele Dinge zu lernen von Simon und mit Maestro Barenboim in der Staatsoper.

Was haben Sie von den beiden Dirigenten gelernt?

Beide sind sehr verschieden. Und ich möchte Claudio Abbado nicht vergessen. Das war der erste, der mich nach Berlin eingeladen hat mit dem Orchester aus Venezuela. Zu ihm hatte ich eine enge Verbindung. Ich habe seine demütige Haltung der Musik gegenüber bewundert. Abbado war für mich zuerst Eleganz. Daniel Barenboim ist voller Kraft, Simon Rattle ist Energie. Die Drei haben eine so verschiedene Weise, sich der Musik zu nähern, das es für mich ein Segen war. Ich bin dem Leben gegenüber sehr dankbar, dass ich diese drei Dirigenten als Lehrer hatte.

Viele haben bei der philharmonischen Wahl Anfang Mai gehofft, dass Sie Nachfolger von Sir Simon werden?

Die Philharmoniker haben ihre eigenen Regeln. Ich finde es wunderbar, wenn Musiker ihre eigene Wahl treffen können. Für mich ist es eine Ehre, unter den gehandelten Namen gewesen zu sein. Aber ich bin glücklich mit dem, was ich habe. Ich habe eine gute Beziehung zu den Philharmonikern, komme regelmäßig als Gast und habe immer eine gute Zeit. Es ist so ein wundervolles Team. Meine Verpflichtungen in Los Angelos und Venezuela sind für mich auch ein wichtiger Prozess, aber hier in Berlin oder in Wien zu sein, das ist wie ein Traum für mich.

Haben Sie selber am Wahltag am Telefon gesessen und auf den Anruf aus Berlin gewartet?

Nein, ich habe in Los Angeles geprobt. Ich war sehr beschäftigt. Aber ich bin sehr glücklich für die Berliner Philharmoniker. Die Chefdirigentenwahl ist eine Entscheidung, die sie als Team treffen. Das gibt dem Orchester einen perfekten Zustand.

Sie selbst sind aus dem venezolanischen Musikerziehungssystem El Sistema hervorgegangen. Systeme fördern und umklammern. War es schwer für Sie, sich daraus zu befreien?

Nein, es war für mich überhaupt nicht schwierig, in die Welt hinauszugehen. Wir haben in Venezuela ein sehr hohes Niveau der Ausbildung. Als ich als Student nach Berlin kam, war meine Basis schon sehr stark. Ich dirigiere bereits seit meinem elften Lebensjahr. Und ich konnte seitdem jeden Tag Kinder-, Jugend- und später dann professionelle Orchester leiten. Ich hatte immer die Chance zu dirigieren. Das ist Luxus für einen Dirigenten. Normalerweise ist es schwierig, überhaupt ein Orchester zum Üben zu finden. Maestro Abreu, der Gründer von El Sistema, hat diese Möglichkeit eröffnet, nicht nur mir, sondern allen Dirigenten und Musikern. Für mich ist El Sistema eine große Familie voller Möglichkeiten.

Wie nehmen Sie den internationalen Musikbetrieb wahr, eher kapitalistisch, sozialistisch, religiös oder doch als Gegenwelt?

Es gibt so viele tolle junge Dirigenten. Wir haben eine große Verantwortung als die neuen Führer in der klassischen Musik. Wir müssen die Aufmerksamkeit der nächsten Generation gewinnen. Dazu gehört, dass man die klassische Musik ein bisschen vom Elitären befreit. Der Zugang zur klassischen Musik darf nicht nur einem kleinen Kreis erlaubt sein. Wir müssen viele Türen öffnen, um junge Leute an die Musik heranzuführen. Dazu gehört auch, dass man der Community, wenn sie kein Geld für die Tickets hat, ihnen hilft, welche zu bekommen. Und sie umarmt, weil das Orchester ein Teil ihres Lebens werden sollte. In Venezuela sind Konzerte kostenlos, genauso wie die Musikausbildung. Aber natürlich muss man das System beibehalten, in dem Tickets bezahlt werden, allein um überall den Konzertbetrieb aufrecht zu erhalten. Aber wir müssen den Zugang zu klassischen Musik besser strukturieren.

Alte Dirigenten gelten meist als konservativ. Sind junge Dirigenten offener, ja linker?

Ich glaube nicht. Aber es ist notwendig, Dinge anzugehen und manches zu ergänzen. Wir können das Konzept der klassischen Musik nicht zerstören oder verschwinden lassen. Es ist eine anspruchsvolle Kunst. Dabei geht es nicht um Politik, sondern um Bedürfnisse. Wir leben in einer Welt, in der viele Dinge sehr schnell passieren, und man keine Chance hat darüber nachzudenken. Im Konzert kann Musik die Zeit anhalten. Und die Gefühle, die in dir geweckt werden, die kannst du mit nach Hause nehmen. Ich glaube, es ist eine Notwendigkeit für Menschlichkeit, einen Zugang zur Schönheit zu haben. Und das ist in der bestmöglichen Qualität. Was gerade für unsere Kinder wichtig ist.

Das Youth Orchestra Los Angeles, kurz das Yola-Projekt, ist eine Variante von El Sistema?

Jede Gesellschaft, jedes Land hat seine eigenen Probleme und seine eigene Struktur. Yola haben wir jetzt seit sieben Jahren, und wir eröffnen gerade unser viertes Schulorchester. Es ist faszinierend zu erleben, wie sich das Leben der Kinder dadurch verändert. Natürlich liegt der Fokus auf unterprivilegierten Schichten, wo es viele Probleme mit Armut und Kriminalität gibt. Aber das Hauptproblem ist immer das Ausgeschlossensein von der Kunst.

Daniel Barenboim vereint in seinem West-Eastern Divan Orchestra junge Israelis und Araber. Glauben Sie, das solche Projekte Frieden bringen können?

Absolut. Wir leben in einer Welt, in der wir oft auch zu ängstlich sind. Chaotische Dinge passieren und wir müssen dagegen arbeiten. Wenn man ein Sinfonie, also Musik ohne Worte, spielt, dann verstehen die Menschen das. Musik hat eine universale Sprache, die jeder auf seine individuelle Weise versteht. Wenn du ein Publikum vor dir hast, dann haben sie alle verschiedene politische Ansichten, unterschiedliche Religionen und Positionen in der Gesellschaft. Aber wenn sie zusammen ein Konzert hören, dann sind eine Stunde lang miteinander in Frieden. Ohne jeden Kampf genießen sie gemeinsam die Musik. Das ist ein mächtiges Phänomen, das man nutzen muss. In der Gesellschaft errichten wir immer mehr Grenzen und reißen Brücken ein. In der Musik können wir dagegen unglaubliche Dinge tun.

Verstehen Sie sich als politischen Dirigenten?

Nein. Wenn wir über die Konzeption von Politik reden, dann sind wir natürlich alle Politiker. Wir sind die Polis. Aber Berufspolitiker zu sein, das ist schon etwas anderes. Als Dirigent ist man auch ein Führer und hat in der Musik eine Verantwortung, weil man ja eine Botschaft überreicht. Für mich heißt diese Botschaft Frieden und Verständigung. Aber das ist etwas, was die Gesellschaft betrifft und weit von der Politik entfernt ist.

Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero wirft Ihnen vor, zu systemnah und politisch unkritisch zu sein?

Ich stehe tatsächlich dem Orchester von El Sistema sehr nah. Wir leben in einer freien Welt und Frau Montero darf sagen, was sie will. Aber ich weiß, was ich tue. Ich weiß, dass wir viele Probleme in Venezuela haben, ökonomische wie soziale. Es ist ein Prozess, der sich über viele Jahre hinzieht. Aber man darf nicht verzweifeln, den 700.000 Kinder in El Sistema gehört die Zukunft. Abreu hat sein Leben dafür gegeben, das Projekt ins Leben zu bringen. Es ist auch mein Leben, weil ich sein Schüler bin.

Was bedeutet das praktisch?

Ich bin fünfeinhalb Monate pro Jahr in Venezuela, gehe in die Armenviertel und gebe dort Gratiskonzerte. El Sistema ist ein Symbol der Einheit in meinem Land. Es gibt Menschen, die eine andere Meinung darüber haben. Aber ich weiß, wofür ich arbeite. Ich komme aus einer sehr demütigen Familie, die immer nur gekämpft, aber nie die Hoffnung verloren hat. Wenn man einmal die globale Perspektive einnimmt, dann gibt es überall schwierige Situationen. Wir brauchen mehr Brücken und weniger Grenzen.

Mit Intendant Jürgen Flimm bringen Sie jetzt Mozarts „Hochzeit des Figaro“ an der Staatsoper zur Premiere. Es ist Ihre erste richtige Opern-Neueinstudierung?

In Berlin ist es meine erste. An der Scala habe ich bereits 2010 die Premiere von „Don Giovanni“ in der Regie von Peter Mussbach gemacht. Und der „Da Ponte“-Zyklus in LA war auch eine Mozart-Neuproduktion. An der Staatsoper habe ich aber schon einiges dirigiert, darüber hinaus manches gesehen und mir beispielsweise alle „Parsifal“-Proben von Maestro Barenboim angesehen. Ich liebe die Opernwelt, die ganz anders als die Konzertwelt ist. Die Oper ist langsamer, es gibt mehr Elemente. Es ist wunderbar zu erleben, wie eine Inszenierung voran geht.

Alle bewundern immer den Gustavo Dudamel, der so voller Energie steckt. Was tun Sie eigentlich, wenn Sie mal keine Energie haben?

Ich werde ihnen das Geheimnis verraten, aber sie dürfen es nicht weitererzählen. Mein Geheimnis ist die Musik. Sie ist wie ein Schatz in meinen Händen, den man behüten muss wie sein eigenes Baby. Es ist eine reine Liebe ohne Bedingungen. Daher kommt meine Energie. Aber ich habe mich auch sehr verändert, es gab eine Evolution in meiner Gestik. Früher bin ich mehr gesprungen, heute deutlich fokussierter. Aber die Liebe ist immer dieselbe geblieben.

Staatsoper im Schiller-Theater. Gustavo Dudamel dirigiert Mozarts „Le Nozze di Figaro“ am 7., 9., 11., 13., 15. November