„Er ist dicker geworden“, sagt die Frau neben mir im Kinosaal 6. Sie flüstert es ihrem Mann auf der anderen Seite zu. Der nickt gewissenhaft. Gemeint ist Simon Rattle, 60. Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker ist gerade dabei, dem Publikum von der Leinwand herunter sein Verhältnis zu Beethoven zu erklären. Es ist typisch Rattle, ein lächelnder Dirigent voller Ernsthaftigkeit. Sein Publikum hört ihm aufmerksam zu. In der Philharmonie findet dieser Tage der große Beethoven-Zyklus statt, in dem alle neun Sinfonien des Wiener Klassikers nacheinander aufgeführt werden. Eines der Konzerte wird live in 79 Kinos, darunter auch ins Cineplex Titania nach Steglitz, übertragen.

Klassikerfans treffen auf „Fack ju Göhte“-Anhänger

In der Philharmonie, dem Stammhaus, ist das Konzert für 20 Uhr angesetzt, im Kino beginnt der Besucherauflauf bereits gegen 19 Uhr, das Vorprogramm mit Rattle startet eine halbe Stunde später. Zunächst aber gibt es ein Glas Sekt für jeden. Hinterm Tresen stehend sagt Lisa Dirk, dass es schon ein ganz anderes Publikum ist als sonst. An den drei Philharmoniker-Kinotagen pro Jahr treffen die Klassikerfans auf die „Fack ju Göhte“-Anhänger. Die junge Angestellte meint, dass das Philharmoniker-Publikum besser gekleidet kommt. „Manche Damen tragen sogar richtig teuren Schmuck“, ist ihr aufgefallen. Und auch beim Service wird mehr vom Personal abverlangt. Man bestellt nicht einfach mal etwas, der Besucher möchte aus einem Angebot wählen können und beraten werden. Das ist im Popcorn-Kino doch ungewöhnlich.

Zwischendurch taucht Jörg Schöpke auf, Theaterleitung steht auf seiner Visitenkarte. Der 46-Jährige wirkt etwas gestresst, weil das Abendgeschäft gerade anläuft, und sich die Laufkundschaft ins Haus drängt. Dennoch macht der Kinochef eine schnelle Führung hinauf ins Dachgeschoss, wo eine riesige altertümliche Schalttafel angebracht ist. Auf die ist Schöpke stolz. Es ist das letzte sichtbare Überbleibsel der großen Tradition seines inzwischen modernisierten Hauses. Der Titania Palast in Steglitz war 1928 als einer der größten Kinopaläste Berlins mit einem Saal für 2000 Gäste eröffnet worden. Als erster Tonfilm wurde ein Jahr später „The Singing Fool“ gezeigt. „In dem Haus fand 1948 auch die Gründungsversammlung der Freien Universität statt“, sagt Schöpke. Er wirft noch ein paar große Namen hin, die zur Geschichte des Titania Palastes gehören. Er nennt Zarah Leander, Marlene Dietrich, Harry Belafonte, Max Schmeling hat hier geboxt. Bereits 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, fand hier die erste Berlinale statt. Auch heute kämen Künstler ins Haus, um ihre Filme zu promoten, sagt Schöpke. So stellte David Garrett seinen Film „Der Teufelsgeiger“ in Steglitz vor. Er gab ein kleines Konzert, erinnert sich Schöpke: „Das Publikum war völlig high.“ Nur eines hat den Kinochef zunächst verwundert. Garrett hatte einen Bodyguard bei, allerdings nicht für sich, sondern für seine Stradivari.

Im Foyer erinnert eine Besucherin an ein anderes Ereignis im Titania-Palast. Das Berliner Philharmonische Orchester gab hier bereits am 26. Mai 1945 unter Leo Borchard sein erstes Konzert nach Kriegsende. Zweifellos sind unter den philharmonischen Kinogängern viele Kenner. Es wird gefachsimpelt. Allerdings möchte man, wie eine Pianistin scherzhaft sagt, lieber inkognito den Abend verbringen. Keiner möchte seinen Namen nennen. Eine ältere Dame erzählt, dass sie nach langen Jahren im Ausland jetzt ihren Ruhestand in Berlin verbringt. Sie wohnt mehr oder weniger um die Ecke. Sie ist Abonnentin der Philharmoniker und hatte bereits die erste und dritte Sinfonie in der Philharmonie gehört. Für die Vierte und Siebte ist sie jetzt mit Freundinnen ins Kino gegangen. Dass der Kinoabend deutlich preiswerter ist als der Philharmonie-Besuch, das ist eigentlich kein Thema in dieser Runde. Es ist einfach nur schwer, Karten für exklusive Philharmoniker Konzerte zu bekommen.

Kinosaal 6 ist ausverkauft. Rund 180 Besucher seien da, sagt Schöpke. Er wirkt zufrieden. In seinem Haus finden die Konzerte seit drei Jahren statt. Anfänglich war er skeptisch. Mittlerweile ist das Kino-Hochkulturprogramm bunter denn je mit Oper, Theater, Konzert. Gleich nebenan in Kino 7 läuft „Hamlet“ live aus London. Ein Renner sind die Ballett-Übertragungen aus dem Bolschoi, so Schöpke. Für ihn ist es auch eine Frage der Zeitverschiebung. Die Premiere beginnt nach Moskauer Zeit um 19 Uhr, die Berliner Übertragung um 17 Uhr. Das reifere Publikum, das im Dunkeln nicht mehr auf die Straße will, sei dankbar dafür. Bei den Berliner Philharmonikern sind die Silvesterkonzerte am besten besucht, dann wird der Kinosaal 1 mit 400 Leuten bespielt.

Viele Junge in der Philharmonie, Ältere gehen gern auch ins Kino

An diesem Donnerstag beginnt das Konzert pünktlich um 20 Uhr. Als die Kamera wenige Minuten davor durch die Philharmonie schwenkt, gibt es eine kleine Überraschung auf der großen Leinwand zu sehen. Viele junge Leute sitzen schwatzend im Konzertsaal. Ist es etwa so, dass die Jüngeren lieber gleich in die Philharmonie, viele Ältere praktischerweise ins Kino um die Ecke gehen? Dann kommen die Philharmoniker auf die Bühne. „Wenig Musiker“, sagt meine Nachbarin zu Beginn der Vierten. Tatsächlich braucht die Sinfonie nur eine kleinere Besetzung. Nach dem schnellen Satz meint sie: „Hat viel zu tun.“ Simon Rattle ist gemeint. Applaus gibt es im Kino übrigens nicht. Das Publikum genießt und schweigt. Nach der Pause, als die siebte Sinfonie erklingt, hat ihr Mann, ein Handwerkermeister, wie sich am Ende herausstellt, der auch für einige Philharmoniker arbeitet, plötzlich ein Bier in der Hand.

Unter Besuchern ist man sich schon einig darüber, dass die Akustik im Kinosaal 6 besser sein könnte. „Aber die Übertragung ist so präzise, dass wir im zweiten Satz der Vierten sogar die Klappen der Klarinette gehört haben“, sagt eine junge Besucherin: „Die Mikros der Digital Concert Hall sind einfach toll.“ Und eine ältere Frau wirkt im Hinausgehen aus dem Cineplex richtig glücklich beschwingt. „Beethovens Musik ist ein Kosmos, in dem alles drin steckt, auch schwierige Konflikte“, sagt sie: „Aber die Klassik hat den Vorteil, das sie einen befreit entlässt.“