Swetlana Alexijewitsch, die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin, gibt am Sonnabend in Berlin eine Pressekonferenz. Die Frau vorn auf dem Podium gehört zu jenen, die auf alles eine Antwort wissen. Und wenn nicht, dann sagt sie es ebenso frei heraus. Die meiste Zeit ist sie sachlich freundlich. Nur einmal reagiert die weißrussische Preisträgerin ein wenig trotzig, nämlich auf die Frage, ob sie nicht in Wahrheit Journalistin sei und eben nicht Schriftstellerin. „Das stimmt überhaupt nicht“, sagt die Gewinnerin des elitärsten Literaturpreises der Welt.

Nach der Bekanntgabe ihres Namens gab es sofort kritische Stimmen, die keine Vermischung von Journalismus und Literatur wollen. Iris Radisch, Feuilleton-Chefin der „Zeit“, gehört zu den Kritikern an der Vergabe des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch. Literatur müsse eine eigene Erfindung sein, eine besondere Sprachqualität und „weltverwandelnde Kraft“ haben, sagte Radisch. Das sei bei Alexijewitsch nicht der Fall. Sie bearbeite Interviews und O-Töne. Man dürfe Literatur und Journalismus nicht gleichsetzen. Literatur dürfe, so Radisch, nicht zum Themenlieferanten degradiert werden.

Solche Einwände hört Swetlana Alexijewitsch gar nicht gern. Sie verstehe sich nicht als Journalistin, erklärt sie, weil sie keine journalistische, sondern eine literarische Aufarbeitung betreibe. Tatsächlich hat Swetlana Alexijewitsch in Minsk, damals Hauptstadt der weißrussischen Sowjetrepublik, Journalistik studiert. Sie begann für Lokalzeitungen zu arbeiten, wechselte zu einem Literaturmagazin. Das ebnete ihr den Weg, die Seiten zu wechseln.

Die Erzählungen der Frauenin einem kleinen Dorf

Die Denkweise und der Arbeitsstil der neuen Literaturnobelpreisträgerin sind schnell erklärt. Sie erzählt dafür in der Bundespressekonferenz eine knappe Kindheitsgeschichte. Geboren worden war sie 1948 im Westen der Sowjetrepublik Ukraine. Ihre Mutter war eine Ukrainerin, der Vater ein Weißrusse. Als sie auf die Welt kam, diente er gerade in der Sowjetarmee. Als er zurückkam, siedelte die Familie über in die Sowjetrepublik Weißrussland. In einem kleinen Dorf arbeiteten ihre Eltern als Lehrer. Es war ein Dorf kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt sie. Und zögerlich fügt sich um das Dorf herum ein Zeitbild zusammen, wenn sie anmerkt, dass die Deutschen auf dem Weg nach Moskau zuerst durch Weißrussland zogen und jeder vierte Weißrusse dabei ums Leben kam. Vor allem auch die Männer waren als Soldaten oder Partisanen gefallen. In der Nachkriegszeit saßen abends die Frauen zusammen und erzählten die Geschichten. Das fand sie als Mädchen spannender als die offizielle Kriegsliteratur, die ja immer von Helden und Heldenmut berichtet.

Die tausend kleinen Geschichten haben ihr Literaturbild geprägt. Es ist Zeitgeschichte aus Frauensicht. Es geht bei ihr immer wieder um Krieg, den Stalinismus und das schwere Erbe des Homo sovieticus, des sozialistischen Menschen sowjetischer Prägung. Das Nobelkomitee würdigte am Donnerstag ihr „vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Für ihre Bücher würde sie rund 350 Interviews führen, sagt sie, an einem Buch arbeitet sie fünf bis zehn Jahre.

Als Schriftstellerin, die letztlich immer das Leben in Diktaturen dokumentiert, hat sie einen steinigen Weg gewählt. Ihr 1983 vollendetes Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, in dem es um Schicksale sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg geht, geriet sofort ins Kreuzfeuer der Zensur. Sie verlor ihren Job. Das Buch erschien erst in Zeiten der Perestroika. In Weißrussland werde sie nicht gedruckt, ist überall zu lesen. Das ist nicht ganz die Wahrheit, erfährt man. Swetlana Alexijewitsch ist Teil des russischen Buchbetriebs, und natürlich sind ihre Bücher auch in Weißrussland erhältlich. Mittlerweile sogar offen auf dem Ladentisch, wie sie sagt.

Als kritische Stimme hatte sie Weißrussland verlassen. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Paris, Stockholm und Berlin war sie aber nach Minsk zurückgezogen. Es werde von einem Schriftsteller verlangt, „unter den Menschen zu leben“, über die man schreibt. Es gäbe immer neue Wörter und neue Gefühle. Das kann man von Ferne am Computer nicht mitbekommen. Und außerdem versteht sie sich in der russischen Tradition, in der Schriftsteller Verantwortung übernehmen In Berlin war sie ab Januar 2011 für ein Jahr auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. In der Zeit hatte sie ihren Roman „Second-Hand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ vollendet. Über Berlin spricht sie kaum. Leider spreche sie kein Deutsch, sagt sie. Und es klingt so, als bedauere sie, dass ihr dadurch einiges verschlossen blieb. Aber sie hat Erfahrungen gesammelt. „Die Welt ist bunter, farbiger“, sagt sie, „aber unverständlicher geworden.“ Im Ausland habe „sie sogar begriffen, was Demokratie ist“. Es hat nichts von der Romantik der 90er-Jahre, Demokratie „ist nicht so leicht wie Schweizer Schokolade einzuführen“.

Der Literaturnobelpreis bedeute ihr natürlich viel, sagt sie. „Der Preis ist ein Schutz für mich“. Als Kritikerin des autoritären Regimes unter Alexander Lukaschenko gerät sie immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit und den Zensurbehörden in Weißrussland. Es habe sie überrascht, dass der Diktator ihr überhaupt zu der Auszeichnung gratulierte: „Er hat die Kraft gefunden, sich zu überwinden, obwohl er ein negatives Verhältnis zu mir hat.“ Dass Lukaschenko ihr Werk würdige, sei aber nur ein Teil seiner Politik. Immer wenn die Beziehung zwischen Weißrussland und Russland abkühlt, suche Lukaschenko die Nähe zu Europa. Dann gewähre er auch Künstlern mehr Freiraum.

In der Bundespressekonferenz gibt es viele Fragen rund um Russland, Putin, Ukraine und zumal Lukaschenko. In Weißrussland ist am heutigen Sonntag wieder Wahl. Swetlana Alexijewitsch glaubt wie die meisten Beobachter, dass Lukaschenko wieder gewählt wird. Und schüttelt den Kopf. Sie erinnert beiläufig an Stalins Wort, wonach es unwichtig sei, wer abstimmt, sondern wichtiger, wer es auszählt. Als Literatin hat sie überraschend viel zum Tagesgeschehen zu sagen. Und so wird schnell deutlich, dass der diesjährige Literaturnobelpreis auch ein politischer Preis ist.