Berlin-Konzert

Marius Müller-Westernhagen liefert in Berlin harten Stoff

Die Show in der ausverkauften Mercedes-Arena ist ein Wechselbad der Gefühle. Im Vorprogramm: Die Berliner Straßenmusikerin Elen Wendt.

Marius Müller-Westernhagen ist wieder voll da

Marius Müller-Westernhagen ist wieder voll da

Foto: dpa

Da muss man erst mal drauf kommen. Als Marius Müller-Westernhagen am Sonnabend „Es geht mir gut" in der mit 12.000 Besuchern nahezu ausverkauften Mercedes-Arena singt, sind wir schon im Zugabenteil. Und zur Illustration, quasi als Bühnenbild auf der riesigen Breitleinwand im Hintergrund, laufen rot eingefärbte, digitale Schnittbilder eines menschlichen Kopfes, das Ergebnis einer Magnetresonanztomografie, von vorn, von der Seite, von oben. Ob das wabernde Gewusel das Ergebnis einer Untersuchung des Musikers ist, lässt er uns nicht wissen. Sieht aber auf jeden Fall imposant aus.

Und ja, es geht ihm gut. Seit Westernhagen 2009 mit dem in New York eingespielten Album „Williamsburg" und einer neuen, exzellenten Band englischer und amerikanischer Musiker auf die Bühnen der Republik zurückgekehrt ist, scheint der 66-Jährige in einen Jungbrunnen gefallen zu sein. Er hat wieder Lust am Auftritt. Er hat wieder Lust an der Musik. Auch wenn er mit den gigantischen Stadion-Shows wie zuletzt „Radio Maria" Ende der Neunziger, abgeschlossen hat.

Mit „Williamsburg" ist er zurückgekehrt an die Wurzeln jener amerikanischen Musik, die ihn schon zu Anfang seiner Karriere in den 70er-Jahren geprägt hat: Blues, Soul, Rhythm 'n' Blues und Rock 'n' Roll. Mit „Alphatier" hat er im vergangenen Jahr ein neues Album mit seiner geliebten Musikercrew aufgenommen, das nun im Mittelpunkt dieses Konzertes steht. Ja, es gibt viel Neues zu hören, doch natürlich weiß der gewiefte Entertainer genau so gut, was es seinem Publikum schuldig ist.

Berliner Straßenmusikerin Elen Wendt im Vorprogramm

Gleich zwei Vorgruppen hat er mitgebracht. Die patente Kölner Rockband Benjrose muss bereits kurz nach 19 Uhr vor noch nicht mal zur Hälfte gefüllter Halle auf die Bühne, damit Zeit bleibt für die Berliner Straßenmusikerin Elen Wendt und ihre Band. Westernhagen hat sie auf der Straße gehört und zu seinem Konzert eingeladen. Mit ihrer wandelbaren Altstimme und einfallsreich arrangierten Songs schlägt Elen eine Schneise von Buffy Sainte-Marie über Alanis Morissette bis zu Adele, bleibt dabei aber höchst eigenständig.

Velvet Undergrounds „I'm Waiting For The Man" schallt als Ouvertüre aus den Boxen, als sich ein kantiges Gitarren-Riff einmischt und der gewaltige Vorhang fällt. Westernhagen stakst und stelzt zum rüden Rocksound über die Bühne und röhrt „Die Welt ist schlecht" ins Mikrofon: „Alphatier", der Titelsong der neuen Platte, steht am Anfang dieser abwechslungsreichen zwei Stunden, in denen Westernhagen anfangs mit erschütternden, brutalen Bildcollagen verstört.

Es sind Arbeiten des amerikanischen Fotografen Peter Beard, der vor allem durch seine Afrikabilderserien bekannt wurde, Collagen aus Fotos, Zeitungsausschnitten, Tagebucheintragungen, teils mit Tierblut verschmiert. Zu „Alphatier" sieht man Knochenberge, Elefantenkadaver, ausgeweidete Zebras. Danach gibt es Klassiker wie „Fertig" und „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" zum Luftholen, bevor es bei „Liebe (Um der Freiheit Willen)" erneut zur Sache geht auf der Leinwand.

"Habt ihr Spaß?"

Kindersoldaten, die lachend mit abgetrennten Köpfen posieren, geschundene Menschenleichen, zerfledderte Tiere neben Pin-Ups und posierenden Models. Harter Stoff für eine Rock-'n'-Roll-Show. Als Westernhagen dann „Habt ihr Spaß?" in die Menge ruft, dauert es eine Schrecksekunde lang, bis nach diesen Bildern des Grauens dann doch Applaus losbricht. Und die Bilderflut im weiteren Verlauf etwas gemäßigter wird.

Die Show wird zu einem Wechselbad der Gefühle. Neue Stücke wie das intensive, von Todesangst getriebene „Oh, Herr" wechseln mit 70er-Jahre-Krachern Marke „Taximann" und „Willenlos". Und beim neuen „Engel, ich weiß…" macht Westernhagen keinen Hehl daraus, dass Chorsängerin Lindiwe Suttle seine neue große Liebe und Lebenspartnerin ist. Kitschige Rosen und Herzen auf der Leinwand inklusive.

Er macht wenig Worte. Er reiht Song an Song. Die Lichtgestaltung ist von erster Güte und der Sound von bester Qualität. Dennoch ist nicht immer alles zu verstehen, was Westernhagen da ins Mikrofon singt, grunzt, grollt und greint. Locker und gut gelaunt wirkt er. Und mutig hat er gleich acht neue Stücke im Repertoire, doch sein treues Publikum kennt längst Lieder wie „Ich bin besessen", „Clown" oder „Was ich will bist du". Mitsingen erweist sich jedenfalls als kein Problem.

Westernhagen ist keiner, der einfach stehen bleiben will. Er könnte sich längst auf seinen vielen Hits ausruhen und mit einer Best-of-Revue durch die Lande ziehen. Aber er sucht die Herausforderung. Und er hat eine Band, die ihn antreibt. Stilistisch bleibt er sich auch mit den neuen Stücken treu und setzt auf bodenständige Rock- und Bluesmuster mit Texten die mal engagiert, mal provokant und manchmal auch poetisch sind. Die Marschrichtung hat er schon 1978 im Song „Mit 18" vorgegeben: „Jetzt sitz ich hier, bin etabliert, und schreib auf teurem Papier ein Lied über meine Vergangenheit, damit ich den Frust verlier" heißt es da, und: „Ich möcht zurück auf die Straße, möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut."

Mit „Sexy" ins furiose Finale

Mit einem aufreizend-auftrumpfenden „Sexy" gehen Westernhagen und seine Musiker geil und laut in ein furioses Finale, doch der Applaus holt sie schnell zurück auf die Bühne. Dann lässt sich der Sänger doch noch zu einer längeren Danksagung hinreißen, an seine Band, an seine Techniker, an seine Roadies und natürlich an sein Publikum, das ihm über Jahrzehnter die Treue hält. Er lebe ja nun seit fünf Jahren in Berlin, sagt er, und „ich habe jedes Mal so ein Heimatgefühl, ich komm zurück und fühl mich als Berliner." Und er kokettiert noch ein wenig mit dem Alter: „In meinem Alter weiß man ja nie, ob es die letzte Tour ist."

Sie spielen „Wieder hier", das Lied von seinem Revier, das inzwischen an der Spree liegt. Und nach dem rauen Rocker „Wir haben die Schnauze voll" vom „Williamsburg"-Album kommt das Unvermeidliche, das Stück, das noch fast jedes Westernhagen-Konzert beschlossen hat. Und ohne das kein Fan nach Hause gehen will. Stühle werden auf die Bühne getragen. Flankiert von seinen beiden Gitarristen Brad Rice und Kevin Bents singt Westernhagen die folkbeseelte Trinkerballade von „Johnny W.". Die ganze Arena singt mit.