Berlin-Konzert

Unheilig auf Abschiedstour - Der Graf lässt sich feiern

Unheilig hat seine Abschiedstournee in der Berliner Mercedes Benz Arena gestartet. Der Graf verabschiedet sich und die Fans weinen.

Der Graf: "Es ist Zeit zu gehen, wir danken Euch für all die Jahre" (Archivbild)

Der Graf: "Es ist Zeit zu gehen, wir danken Euch für all die Jahre" (Archivbild)

Foto: Herbert Oczeret / picture alliance / Herbert Oczer

Vor dem Konzert zeigen zwei große Bühnenleinwände in scheinbarer Endlosschleife alle Unheilig-Fanartikel, die gerade draußen auf den Gängen am Merchandise-Stand erhältlich sind. T-Shirts, Schlüsselanhänger, Blechschilder, Tassen, Badetücher, Kissen, herzförmige Freundschaftsketten, mit Strasssteinen bestickte Army-Kappen, Silikonarmbänder und das Soloalbum des Unheilig-Gitarristen Licky, heute "für nur fünf Euro statt 16,99".

Bei Unheilig ist Schlussverkauf. Nach 15 Jahren beginnt die Band um den Sänger, der sich nur „Der Graf“ nennt, in der Berliner Mercedes Benz Arena ihre Abschiedstournee. Zwischen den Warenangeboten flimmern die letzten Tourdaten über die Leinwand, 18 Städte und unzählige Open-Air-Termine an Orten wie Straubing und Ochtrup vermitteln den Eindruck, dass der glatzköpfige Goth-Pop-Sänger es vielleicht doch nicht allzu eilig hat mit dem Aufhören.

Auch an diesem Abend zelebriert der Graf die Kunst des Hinauszögerns. Erst wird seine Ankunft von tiefer Grabesstimme und unter lautem Applaus von 20 heruntergezählt, dann muss sich das Publikum doch noch zwei Schlagersongs („Sag mir, wo die Blumen sind“ und „Für mich soll’s rote Rosen regnen“) vom Band lang gedulden, bis der bodenständige Star zur Tagesschau-Zeit auf die mit dicken Kerzen dekorierte Bühne springt.

Zum Klang bombastischer Gitarren eröffnet das Intro vom Album „Gipfelstürmer“ den Auftritt, brachial und gefühlvoll knödelt der ehemalige Zeitsoldat und Hörgeräteakustiker die Hymne ans Durchhalten, die in knapp vier Minuten seine Erfolgsformel auf den Punkt bringt. Wie kein anderer Vertreter der „Neuen Deutschen Härte“ (und lange vor Heino) hat der Graf früh erkannt, wie nah das Pathos von Gothic-Rock, Rammstein und Schlager beieinander liegen und es konsequent miteinander gepaart.

Viele seiner Lieder handeln vom Ankommen in der Liebe, aber auch vom Abschiednehmen und vom Tod. Mit seinem schwarzen Anzug und der schwarzen Krawatte sieht er selber wie ein Bestattungsunternehmer aus, der den Beruf zwar nur von seinem Vater geerbt hat, mit positiver Energie und guten Ideen aber frischen Wind in den Betrieb bringt. Der Graf ist von Natur aus dankbar, zumindest strahlt er das in jedem Moment aus. Immer wieder schaut er mit bewegter Miene zu den Menschen auf den nicht ganz ausverkauften Rängen und hebt den Daumen, „ihr seid Wahnsinn“, was immer wieder eine schöne Kettenreaktion auslöst: Die Menge feiert, das der Graf die Menge feiert. Dann sagt er „Dankeschön!“ und das Publikum ruft im Chor „Bitteschön!!“ zurück, das hat sich irgendwann auf seinen Konzerten so eingebürgert, ein Grundkurs in guten Manieren, gekräht aus tausend Kehlen.

Neben Bühnen-Standards wie „Hammer!“, „Singt mit so laut ihr könnt“, „Habt ihr noch Energie?“ und „Wollt ihr noch einen?“ kommuniziert der Sänger ansonsten aber recht wenig mit seinem Publikum. Die Lieder sollen für sich sprechen, das hat er oft betont. Dennoch hätte man bei einem Abschied mehr Sentimentalität erwartet. Die Fans sehen über den routinierten Ablauf hinweg. Jeder Song wird euphorisch mitgesungen und mitgeklatscht, besonders „Weisheiten des Lebens“ mit seinen vertonten Kalendersprüchen bringt alle, die sonst nicht ganz textsicher sind, auf einen Nenner.

Der Graf singt „Ohne Fleiß“, woraufhin die Menge antwortet „Kein Preis!!!“ Er fragt: „Kommt Zeit?“, woraufhin die Menge donnert: „Kommt Rat!!!!!“ und so weiter. Zwischen den Songs lässt sich der nette Schwiegersohn mit der Gruftie-Vergangenheit immer wieder auf alle Viere niedersinken um zu zeigen, wie K.O. er ist und auch, wie bereit, noch ein Opfer zu bringen. Als Zugaben folgen die großen Hits in einer Tour: „Große Freiheit“, „Geboren um zu leben“, „Zeit zu gehen“.

Im Publikum liegen sich Menschen weinend in den Armen. Vielleicht haben sie gerade erst begriffen, dass er nun wirklich geht, ihr Graf. Wer soll ihn ersetzen? Die Vorband Bollmer, die ebenfalls von Unendlichkeit, von Träumen und weiten Horizonten zu singen versteht? Oder Gitarrist Licky, der gleich noch am Merchandise-Stand seine CD signieren wird? Nein, den Graf muss keiner ersetzen. Seine Lieder werden als im Internet geteilte Kalendersprüche auch in Zukunft trösten und beflügeln. Und ewiglich bestehen.