Berlin-Konzert

Heino und die ewig schwarz-braune Haselnuss

Heino ist wieder auf Tour. Der Abend im Berliner Huxleys steht unter dem Motto "Schwarz blüht der Enzian" - Karneval mit Totenkopfring.

Sie sind zu sechst, im mittleren Alter. Jeder von ihnen trägt eine schlecht sitzende, gelbe Billigperücke Fabrikat „Heino“. Der Türsteher kontrolliert, ob sie vorhaben, in den Jackentaschen Sekt ins Huxleys zu schmuggeln. Quatsch, ordnungsgemäß wurden die Pullen schon vor der Halle geleert. „Wir sind Hardcore-Fans“ stellen sich die Perückenträger vor. „Na dann singt mal was“ befiehlt der Türsteher. Mit Hängen und Würgen wird „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ intoniert. „Das war aber nix“ urteilt der Türsteher. Rein dürfen die sechs trotzdem. Es ist kurz nach acht und im Huxleys ist die Show schon in vollem Gange. Nach 50 Jahren im Volksmusik-Business weiß Heino, was sich gehört. Wenn auf dem Ticket der Show als Beginn 20 Uhr vermerkt ist, hat die Show auch um 20 Uhr zu beginnen.


Drei Background-Sänger mimen einen Shanti-Chor. Heino zielt mit dem Finger auf den Horizont, der im Huylexs vom Merchandise-Stand begrenzt wird. Er singt über in Seenot geratene Männer vor Madagaskar. „ Ahoi! Kameraden. Ahoi, ahoi. Leb' wohl kleines Mädel, leb' wohl, leb' wohl.“ Auf der Publikums-Tribüne sitzt ein junger Mann und singt ergriffen mit.


Wer Heino zuletzt im Fernsehen gesehen hat, dem hätten Zweifel kommen können, ob der Alt-Volksmusiker seine 50-Jahre-Jubiläumstour wirklich durchstehen kann. In der DSDS-Jury wirkte er neben dem mallorcagegerbten Bohlen gleichzeitig beängstigend käsig und bräsig. Letzteres muss glücklicherweise am ermüdend langweiligen Format gelegen haben, denn an diesem Abend macht Heino einen vergleichsweise fitten Eindruck. Er singt live, führt routiniert durchs Programm. Ihn kümmert nicht, dass bierseliges Publikums-Geschwafel seine Zwischenmoderationen übertüncht.


Der Abend mag zwar unter dem Motto „Schwarz blüht der Enzian“ stehen, düster sind aber nicht die Songs, sondern vor allem Heinos Outfit. Die schwarze Kombination hat mit Hard & Heavy ungefähr so viel zu tun, wie Harald Glööckler mit der Vogue. Um den Hals des Sängers hängt ein dickes Kreuz, der lange Ledermantel ist mit Ed-Hardy-Nieten bestückt. Wenn sich Heino zu seiner Band umdreht (auf der Bühne tummeln sich stets mindestens zwölf Musiker), offenbart sich das volle Ausmaß der glitzernden Katastrophe. Auf seinem großen Comeback-Album von 2013 wurden Cover-Songs erfolgreich zu einem Volksmusik-Rock-Mash verarbeitet. Nun hat der Mann ein Best-Of-Album herausgebracht. Krachen oder dröhnen tut seine aufgefrischte Volksmusik allerdings fast gar nicht mehr. Klassiker wie „Sierra Madre “ oder „La Paloma“ peppt Heinos Band mit Swing auf. Traumschiffatmosphäre im Huxleys.


90 Prozent derjenigen, die heute gekommen sind, sind erheblich jünger als Heinos Stammpublikum. Woher kennen die Jugendlichen denn bloß Schinken wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“? Läuft das in den Festzelten beim Oktoberfest? Oder nach DJ Ötzi beim Aprés-Ski? Haben die Großeltern beim Besuch die alten Platten aufgelegt? Und wo sind überhaupt die Damen und Herren, die den Mann schon vor seinem Comeback gut fanden? Wahrscheinlich sitzen sie lieber nachmittags in Badmünster-Eifel herum und essen eine Portion vom legendären Haselnusskuchen mit Schlag.


Heino schraubt das Mikro vom Ständer und schunkelt zu „Ja, ja die Katja, die hat ja Wodka im Blut, Feuer im Herzen und die Augen voll Glut“. Jetzt sind wir endgültig im Karneval angekommen. Galant streut Heino einen seiner Aufsager ein: „Liebe Freunde. Die Stimmung in Berlin ist ja schlimmer als an Rosenmontag bei uns in Köln.“ Das meint Heino natürlich als Kompliment. Verkleiden scheint bei seinen Konzerten Pflicht: von dödeligen Riesenhüten in Deutschlandfarben bis zum Papp-Trachtenhut, peinlich ist hier gar nichts. Wer in zivil gekommen ist, kann sich am Merch-Stand eindecken. Immerhin werden Protz-Totenkopfringe verkauft. Auch Heinos Biographie „Mein Weg“ liegt aus. Nach der Hälfte der Show leert sich das Huxleys merklich, dabei ist es gerade einmal neun Uhr. Gegangen sind die Fans allerdings nicht. Sie stehen vor der Halle. "Solange man lebt, soll man rauchen", wusste schließlich schon Helmut Körschgen in 00 Schneider.