Theater

Georgette Dee legt sich selbst mit Zeus an

Sie ist Berlins große Diseuse. Jetzt ist Georgette Dee einmal in einem Bühnenmonolog zu erleben. Da fordert sie ein Schlampentribunal.

Georgette Dee in HELENA. Plädoyer für eine Schlampe (Pressefoto)

Georgette Dee in HELENA. Plädoyer für eine Schlampe (Pressefoto)

Foto: Uwe Neumann

Diesmal will sie nicht singen. Anfangs hockt sie mit dem Rücken zum Publikum und summt vor sich hin. Später setzt Musik ein, und sie spielt mit einem Mikro, als ob sie jeden Moment singen würde. Tut sie aber nicht. Und das ist gar nicht so schlimm.

Georgette Dee ist zwar Berlins größte Diseuse, nun aber mal in ganz einer anderen Rolle zu erleben. In einem Bühnenmonolog am Renaissance-Theater. Ihr Dauerbegleiter Terry Truck sitzt denn auch nicht am Piano auf der Bühne, sondern im Publikum in Reihe fünf.

Ein einziger Stilbruch

Georgette Dee ist Helena. Jawohl, die von Troja, die schönste Frau der Antike. Klingt erst mal komisch, denn die Dee ist ja, pardon, ein wenig alt und füllig geworden. Das Stück heißt aber „Helena. Plädoyer für eine Schlampe“.

Und das passt wieder ganz gut zu ihr. Bei ihren eigenen Programmen setzt sie, in ihren Liedern wie in ihren Moderationen, stets harte Brüche zwischen Melodram-Pathos und ordinärem Witz. Ein einziger Stilbruch.

Völlig anverwandelt

Deshalb passt diese Rolle zu ihr, als sei sie ihr auf den Leib geschrieben. Auch wenn das Stück von dem spanischen Bühnenautor Miguel del Arco stammt und von der Almodóvar-Schauspielerin Carmen Machi uraufgeführt wurde. Aber auch wenn sie keine Bühnenmimin ist, die Dee wäre nicht die Dee, wenn sie sich die Helena nicht völlig angeeignet, ja anverwandelt hätte.

So ist Helena in der deutschen Erstaufführung nicht nur die Schöne, die zum Schicksal ganzer Heerscharen wurde, sie ist auch so was wie ein Sangesstar gewesen. Wie Paris auch, der Jüngling, Sie wissen schon, der sie Menelaos entriss und so den Trojanischen Krieg erst heraufbeschwor. Zwar unsterblich, aber doch alt geworden und mit ewiger Hässlichkeit gestraft, ist es Helena leid, immer nur die Klischees von ihr zu hören.

Eine Frau begehrt auf

Die frühen Hymnen auf ihre Schönheit wie die späten Schmähungen als Verräterin. Was, natürlich, alles Begriffe sind, die ihr die Männer aufgedrückt haben. Nun fordert sie ein „Schlampentribunal“. Nun sagt sie mal selber, wie es wirklich war. Gegen die Herren Geschichtsdeuter, auch gegen ihren Vater Zeus, der sich mit lautem Theaterdonner vernehmlich, aber vergeblich einmischt.

Es kann nicht schaden, wenn man schon mal in Homers „Ilias“ geblättert oder zumindest Petersens „Troja“-Film gesehen hat. Sonst könnte man ob der ganzen Sagenanspielungen etwas die Orientierung verlieren.

Wie sich die Dee, der Mann im wallenden Jessye-Norman-Gewand, dabei mehr und mehr in Rage redet und mit kräftigen Zügen aus diversen Flaschen beruhigt, das ist aber auch für den lustig, der die Dee nur als Diseuse kennt.

Eine authentische Kunstfigur

Elias Perrig hat die Schauspielerin in ihr entdeckt. Und sie vor 15 Jahren in „Bullets over Broadway“ besetzt, damals in Konstanz. Der Regisseur hat dann auch „Wie es euch gefällt“ und zuletzt „Das weite Land“ in Basel mit ihr einstudiert.

Und macht ihr das vielleicht schönste Kompliment, wenn er sagt, sie sei, so paradox das auch klinge, eine „authentische Kunstfigur“. Jetzt ist Georgette Dee, spät, aber doch auch mal in der eigenen Stadt auf der Bühne zu erleben, bevor die Inszenierung auf Tournee geht.

Überraschendes Ende

Del Arcos „Helena“ wurde während der Probenarbeit so stark umgearbeitet, dass es wirklich ein Dee-Programm geworden ist, am Ende auch mit ein bisschen, aber eben nur ein bisschen Gesang. Ein großer Abend für die Kleinkunstikone.

Nur das Ende kommt überraschend abrupt. Da hat wohl auch der Stückautor, der bei der Premiere anwesend war, ein wenig gestutzt. Wenn er so viel Deutsch versteht.

Renaissance-Theater Knesebeckstr. 100, Charlottenburg. Tel.: 315 97 30. Nächste Termine: 15.–17.10., 20 Uhr.