Wir hatten ihn schon aufgegeben. Seit seinem ersten „Fluch der Karibik“ hat Johnny Depp eigentlich nur noch diesen Käpt’n Sparrow gegeben, in den Fortsetzungen, aber auch in anderen Filmen, in denen diese Figur eigentlich nichts zu suchen hatte. Spillerig hampelte er sich durch diese Filme, als stünde er unter Dauerkoks. Depp, der Pausenclown.

Am schlimmsten war das in seinem letzten Film „Mortdecai“, einem millionenschweren Rohrkrepierer. Insofern war der „Fluch“ wirklich einer. Aber da sehen wir ihn nun in „Black Mass“, ab morgen im Kino, einmal ganz ohne Marotten und Manierismen, und dürfen erkennen: Johnny Depp kann es noch.

Kaum wiederzuerkennen: Johnny Depp mit Stirnglatze und Schmerbauch
Kaum wiederzuerkennen: Johnny Depp mit Stirnglatze und Schmerbauch © Courtesy of Warner Bros. Picture | © 2015 Warner Bros.

Das heißt: Das mit dem Erkennen ist gar nicht so einfach. Mit Schmerbauch und Stirnglatze ist er bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In dem Gangsterdrama – das dritte, in dem Depp einen realen Verbrecher spielt – sieht der Schauspieler ungefähr so aus wie Robert Duvall im ersten „Paten“-Film. Mit blauen Kontaktlinsen, aus denen er aasig-eisige Blicke wirft. Und einem blinden Zahn ganz vorn, der sein Lächeln noch aasiger, noch eisiger macht.

Aber „Black Mass“ ist nicht nur eine große Maskerade. Das wäre dann doch nur eine weitere Nummer in Depps bizarrer Typengalerie. Nein, der 52-Jährige spielt so zurückgenommen und reduziert, dass man ihn auch in diesem Sinne kaum wiedererkennen mag. Sein Whitey Bulger ist sozusagen der Anti-Sparrow. Und sein Comeback als ernst zu nehmender Schauspieler.

Alles Kino, möchte man glauben. Sind aber alles Fakten

Der irischstämmige James Joseph Bulger, Whitey genannt, war eigentlich ein mittelprächtiger Gangster in „Southie“, dem Süden von Boston. Bis das FBI ihn aufsuchte und als Informant anwarb. Um gegen die mächtigere italienische Mafia im Norden der Stadt zu kämpfen.

Bulger hasste Verräter. Und wurde doch selber einer. Wobei die Informationen, die er den Ordnungshütern gab, ziemlich mickrig waren. Sein Gewinn war der größere: Er sorgte dafür, dass die Staatsdiener den größten Konkurrenten in der Stadt unschädlich machten.

Zimperlich ist er nicht: Der Gangsterboss legt auch mal selbst Hand an.
Zimperlich ist er nicht: Der Gangsterboss legt auch mal selbst Hand an. © Courtesy of Warner Bros. Picture | © 2015 Warner Bros.

Nur so konnte Whitey Bulger selbst zum mächtigsten Mann der Stadt, zum Paten von Boston aufsteigen. Und ungeniert und ungehindert seine Dinger drehen, Drogenhandel, Geldwäsche, Erpressung. Und Morde. Das FBI hielt seine Hand immer schützend über ihn. Eine unheilige Allianz von Gesetzeshütern und Gangstern.

Alles Kino, möchte man glauben, so sehr an den Haaren herbeigezogen, so übertrieben scheint das. Aber nein: „Black Mass“ basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Dick Lehr und Gerard O’Neill, mit dem Untertitel: „The True Story of an Unholy Alliance Between the FBI and the Irish Mob“.

Auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher

1995 entzog sich Bulger, von einem FBI-Mann gewarnt, seiner Verhaftung, tauchte unter und stand jahrelang auf der Liste der zehn meistgesuchten Verdächtigen der USA, neben Osama bin Laden, bis er 2011 im Alter von 81 Jahren doch noch in Kalifornien gefasst wurde. Derzeit sitzt der heute 85-Jährige in Florida hinter Gittern.

Dort hat auch Johnny Depp mehrfach versucht, ihn zu besuchen. Es ist großartig, wie Depp sich diesen zutiefst ambivalenten Mann anverwandelt und spielt. Wie er mit älteren Damen auf der Straße ein Schwätzchen hält oder mit seiner greisen Mutti am Küchentisch Karten spielt. Aber in der nächsten Minute, ohne mit der Wimper zu zucken, einen alten Freund umlegt.

Unterschiedliche Brüder: Benedict Cumberbatch und Johnny Depp
Unterschiedliche Brüder: Benedict Cumberbatch und Johnny Depp © Courtesy of Warner Bros. Picture | © 2015 Warner Bros.

„Black Mass“ ist, wenn man so will, die Kehrseite von „Donnie Brasco“. Jenem Film, in dem Johnny Depp 1997 als FBI-Agent in die Mafia infiltriert wurde, um einen Paten zu Fall zu bringen.

Den spielte damals Al Pacino. Warum „Black Mass“ nicht ganz so gut wurde wie jener, liegt vornehmlich daran, dass Depp, diesmal in Pacinos Rolle, mit Joel Edgerton einfach keinen Gegenspieler von gleichem Format hat.

Viele Köche verderben den Brei

Und dann interessiert sich Scott Coopers Film überraschend gar nicht für all die machtpolitischen Abgründe, die sich da auftun. Dass die USA vermeintlich das Gute wollen, dafür aber mit dem kleineren Übel paktieren und es zum noch größeren aufbauen, dafür gäbe es innen- wie außenpolitisch genug Beispiele. Bulger hatte ja sogar einen Senator zum Bruder, der im Film mit Benedict Cumberbatch hochrangig besetzt ist, aber dennoch eine Nebenrolle bleibt.

Ursprünglich sollte Jim Sheridan („Im Namen des Vaters“) den Stoff verfilmen. Der hat sich aber nach ersten Einstellungen überraschend von dem Projekt zurückgezogen. Dann sollte Barry Levinson („Wag the Dog“) übernehmen.

Wieder im gewohnten Outfit: Johnny Depp bei der Premiere von „Black Mass“ auf den Filmfestspielen von Venedig
Wieder im gewohnten Outfit: Johnny Depp bei der Premiere von „Black Mass“ auf den Filmfestspielen von Venedig © picture alliance / AP Images | dpa Picture-Alliance / Joel Ryan

Was wären das für gesellschaftskritische Filme geworden. Cooper aber, deutlich jünger und noch nicht so erfahren wie die großen Regie-Kollegen, ist an einer radikalen Gesellschafts- und Institutionenkritik nicht wirklich interessiert. Bleibt immer ganz nah an der Biografie Bulgers und bildet sie brav ab.

Was Scott Cooper, selbst ein Schauspieler, allerdings wirklich kann, ist Schauspieler zu führen. Mit seinem Countrymusikdrama „Crazy Heart“ hat er Jeff Bridges zum Oscar-Segen verholfen. Mit „Black Mass“ betreibt er nun nichts weniger als das Comeback von Johnny Depp. Weg vom Scharlatan, zurück zum Charaktermimen. Das war vielleicht schon Mission genug. Diese zumindest ist voll aufgegangen.