Theater des Westens

Karriere und Knast - "Chicago" ist nach Berlin zurückgekehrt

Zwei mörderische Showgirls und der Glamour der 20er-Jahre - Das Musical "Chicago" hat im Stage Theater des Westens Premiere gefeiert.

Möderisch: Carien Keizer als durchtriebene Roxie Hart

Möderisch: Carien Keizer als durchtriebene Roxie Hart

Foto: Brinkhoff/Moegenburg

Das laszive Showgirl am linken Bühnenrand macht gleich zu Beginn klar, wo es lang gehen wird an diesem Abend. Wir werden, so prophezeit sie, eine Geschichte erleben „über Mord, Habgier, Korruption, Gewalt, Ausbeutung, Ehebruch und Untreue – eben all die Dinge, die wir tief in unserem Herzen tragen." Das Musical „Chicago" ist zurückgekehrt nach Berlin, dieses Prachtstück von einer Broadway-Show, das nahezu ohne Bühnenbild auskommt, in der das Orchester auf der Bühne sitzt und in der uns die Akteure, alle ganz in Schwarz, die verruchte Mär zweier mörderischer Showgirls vorspielen, die selbst hinter Gittern nur an das eine denken: ihre Karriere.

Am Sonntagabend feierte „Chicago" seine umjubelte Berlin-Premiere im Stage Theater des Westens. Zum dritten Mal. Schon 1988 hatte der damalige Intendant des Hauses, Helmut Baumann, „Chicago" in der frühen New Yorker Originalfassung mit Katja Ebstein und Gaye MacFarlane in den Hauptrollen inszeniert. 1999 kehrte das Stück mit Frederike Haas und Anna Montanaro zurück an die Kantstraße in einer neuen Version, die am New Yorker Broadway für Furore gesorgt hatte und dort bis heute gespielt wird. Nun hat der Musicalkonzern Stage Entertainment „Chicago" in seinem Portfolio und bringt den Dauerbrenner nach einer ersten Spielzeit im Stage Palladium in Stuttgart nach Berlin.

Die Inszenierung ist perfekt und routiniert, hält sich korrekt an das New Yorker Vorbild, ohne sich freilich damit messen zu können. Gespielt wird auf Deutsch. Erika Gesell und Helmut Baumann haben das Libretto einst übersetzt, Stage hat die Songtexte nun von Kevin Schroeder noch einmal überarbeiten lassen. Doch nicht immer werden Text und Musik zu einem Guss, nicht immer harmoniert das Deutsche mit diesem uramerikanischen, quirligen Gebräu aus Hot Jazz und Swing, Ragtime und Charleston.

Satirische Boshaftigkeit in schickem Schwarz-Weiß

Die Mörderinnen-Mär aus den 20er-Jahren geht mit satirischer Boshaftigkeit und in schick schwarzweißem, knappem Edel-Outfit über die goldgerahmte Bühne. Mit „Chicago" landete das Komponistengespann John Kander und Fred Ebb nach „Cabaret" seinen zweiten großen Broadway-Hit. In „Cabaret" singt Sally Bowles: „Life is a Cabaret". In „Chicago" nun ist das Leben gleich eine einzige große Vaudeville-Bühne, ein irrwitziger Medienrummelplatz, ein Tingeltangel der Verruchtheit, in dem jeder versucht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Gleich der Eröffnungssong „All that Jazz" ist ein Klassiker des Genres. Caroline Frank spielt Velma Kelly, die ihren Gatten gemeuchelt hat. Sie singt „All der Jazz" und tanzt mit dem exzellenten Ensemble die pointierten, extrovertierten Choreografien von Bob Fosse. Sie hat bedrohlichen Charme, sie gibt sich ihrer vorbelasteten Rolle, die am Broadway von Bebe Newirth geprägt und von Ute Lemper noch verfeinert wurde, ganz hin.

Die holländische Musicaldarstellerin Carien Keizer ist eine herrlich zickige, durchtriebene Roxie Hart, die ihren Liebhaber abknallt und hinter Gittern landet. Dort trifft sie nicht nur auf Velma Kelly, sondern findet in „Mama" Morton (großartig ruppig: Isabel Dörfler) eine korrupte Gefängnisaufseherin, die sie mit Rechtsanwalt Billy Flynn (Nigel Casey) verbandelt. Der hat für 5000 Dollar Cash und tatkräftige Yellow-Press-Unterstützung bisher noch für jeden einen Freispruch herausgeschlagen. Genau darauf setzen Roxie und Velma. Es entspinnt sich eine intrigante Ménage-a-trois, aus der aber allein Billy Flynn als Sieger hervorgeht.

„Chicago", 1975 zunächst ein großes Ausstattungsmusical, wurde erst 1996 in der abgespeckten Neuinszenierung von Regisseur Walter Bobbie zum großen Erfolg. Was gedacht war als konzertante Aufführung in der „Encore"-Reihe des New Yorker Lincoln Center avancierte zu einem Publikumshit. Bobbie hat durch seine auf das Wesentliche beschränkte Auslegung die Entertainment-Wucht des Stückes komprimiert. Die 14 Orchestermusiker dominieren das Bühnenbild. Ensemblemitglieder und Dirigent Jochen Kilian sagen zwischendurch die Songs an mit Sätzen wie: „Hören sie nun ein Lied von wilder Entschlossenheit und grenzenlosem Selbstvertrauen".

Es gibt einige Höhepunkte in dieser formidablen Nummernrevue, sei es Isabel Dörfler mit „Bist Du gut zu Mama", sei es der Klassiker „Mister Zellophan", den Volker Metzger als Roxies tumber Ehemann Amos lamentiert, sei es die Bauchredner-Szene bei einer Pressekonferenz, bei der Anwalt Billy Flynn seiner Mandantin Roxie die vorgefertigte Aussage buchstäblich in den Mund legt. Oder die Koloraturen schmetternde Gossip-Queen Mary Sunshine, die Martin Schäffler stimmstark verkörpert.

Und doch bleibt diese neuerliche Aufführung bei aller Perfektion schablonenhaft, gewinnt trotz stetem Zwischenapplaus nur langsam an Tempo. Diese verkommene Rotlicht-Atmosphäre, dieser Abgrund menschlicher Verwerflichkeiten, diese geharnischte Kritik an der Sensationslust der Medien und dem amerikanischen Rechtssystem, die „Chicago" in sich birgt, kommt stellenweise etwas bemüht über die Rampe. Aber das mag sich in den kommenden Wochen und Monaten ja noch einspielen. „Chicago" steht bis zum 17. Januar im Stage Theater des Westens auf dem Programm.

Stage Theater des Westens, Kantstraße 12, Charlottenburg, Ticket-Hotline 01805 44 44, Di., Do., Fr. 19.30 Uhr, Mi. 18.30 Uhr, Sbd./So. 14.30 und 19.30 Uhr, Karten ab 44,83 Euro