Im Orchestergraben der Deutschen Oper Berlin hat sich eine Rockband breit gemacht. Ganze sieben Musiker stemmen ein Musical, das Anfang der 70er-Jahre die Bühnenwelt zwischen New Yorker Broadway und Londoner West-End aus den Angeln gehoben hatte. Das von den letzten sieben Tagen im Leben des Jesus Christus erzählt und das in Judas nicht den überlieferten Verräter, sondern den kritischen Mahner sieht, den Jünger, der seinen Anführer liebt, der ihn zu seinem eigenen Schutz aus dem Verkehr ziehen will, ihn dadurch ungewollt ans Messer liefert und daran zerbricht.
An der Bismarckstraße erlebte am Dienstagabend eine britische Neuinszenierung von „Jesus Christ Superstar" ihre Berlin-Premiere. Eine hochkarätig besetzte Tourneeproduktion, die zunächst über die britische Insel zog und nun für drei Gastspielstationen in Deutschland Station macht. Und der alte Stoff, der den damals gerade mal 21-jährigen Komponisten Andrew Lloyd Webber und seinen Librettisten Tim Rice berühmt gemacht hatte, funktioniert tatsächlich noch immer.
Werktreue und Qualität
Diese von Lloyd Webber und Rice abgesegnete Inszenierung setzt auf Werktreue und Qualität, nicht auf Neuauslegung oder Experiment. Man spielt das Stück wie einen gut gehüteten Schatz aus dem Musicalmuseum. Der aber hat kein bisschen Patina angesetzt. Das liegt zu allererst an der Musik, die zum Besten gehört, was Lloyd Webber je zustande gebracht hat. Man könnte auch sagen, er hat sich mit „Jesus Christ Superstar" die kompositorischen Hörner abgestoßen, um sich schon bei „Evita" dem Mainstream zuzuwenden.
Das Bühnenbild ist düster und in klassischem Tourneetheater-Pragmatismus gehalten. Ein Brückenpodest im Hintergrund. Eine variable Treppe im Zentrum. Mächtige Säulen begrenzen die Spielfläche zu beiden Seiten. Über der Szenerie schwebt eine gigantische Dornenkrone. Den Rest besorgt das dramatische Lichtdesign. Übertitel werden eingeblendet. Es sind keine Übersetzungen der englischen Liedtexte, sondern lediglich kurze Beschreibungen der einzelnen Szenen. „Jesus Christ Superstar" ist ein durchkomponiertes Werk. Es gibt keinen gesprochenen Text.
Seit 20 Jahren Jesus
Es gibt auch keine richtige Ouvertüre. Dafür verfügt diese Inszenierung über einen kräftig gebauten und mit 51 Jahren etwas zu alten Jesus-Darsteller, der ein bisschen wirkt wie eine Mischung aus Comedian Eddie Izzard und Chansonette Georgette Dee. Und der dennoch jeden Vorbehalt von Anbeginn an bei Seite wischt. Kein Wunder. Denn Glenn Carter hat sich diese Rolle bereits vor nahezu 20 Jahren zu Eigen gemacht. Er spielte Jesus im West-End, er sang ihn am New Yorker Broadway, er wirkte auch 2000 in einer Neuverfilmung des Bühnenstücks mit.
Zuletzt war er 2005 mit „Jesus Christ Superstar" auf Tournee. Carter hat die Rolle über die Jahre verinnerlicht. Er spielt sie souverän mit Gutmenschen-Lächeln und gütigen Gesten ebenso wie im zweiten Teil mit märtyrerhafter Leidensmiene. Er meistert den schwierigen Gesangspart noch immer mühelos, brilliert beim bewegenden Song „Gethsemane (I Only Want To Say)" und lässt Auspeitschung und Kreuzigung mit peinigendem Stöhnen und Schluchzen über sich ergehen.
Als sein Gegenpart Judas Ischariot legt sich der Australier Tim Rogers stimmstark ins Zeug. Man merkt dem Bariton aber die Anstrengungen an, auch die höheren Tonlagen zu meistern. Die hübsche „X Factor"-Gewinnerin Rachel Adedeji ist Maria Magdalena. Sie hat eine große Soulstimme, die sie aber bei Balladen wie „I Don't Know How To Love Him" gehörig zähmen muss. Große umjubelte Auftritte haben der Bass Cavin Cornwall als finsterer Hohepriester Kaiphas und Tom Gilling in der einzigen, komödiantisch überdrehten Revue-Nummer „Herod's Song" als König Herodes.
Voluminöser Sound, mitunter etwas schwammig
Regisseur Bob Tomson und Produzent Bill Kenwright haben das gute Stück straff und mit viel Tempo inszeniert. Die Kostüme erinnern ein wenig an heimische Mittelaltermärkte, die Choreographien sind gediegen, die Chorgesänge großartig. Für Klassiker wie „Superstar" und „Hosanna" hat man den Chor durch Berliner Kinder erweitert. Die Musiker machen ihre Sache bestens, auch wenn der voluminöse Sound im Opernhaus mitunter etwas schwammig klingt.
„Jesus Christ Superstar" gibt es in drei Versionen. Einer nur mit Rockband. Einer mit Rockband und Kammerensemble. Und einer eher selten aufgeführten Fassung für Rockband und großes Orchester. Die konnte man 1984 in einer legendären Inszenierung des Theaters des Westens unter Regie von Helmut Baumann in einer Messehalle unterm Funkturm erleben. Jazzmusiker Rolf Kühn hatte damals die musikalische Leitung. Er sitzt auch jetzt bei der neuerlichen Premiere des „Jesus"-Musicals im Publikum.
Abgesehen von der Neudeutung der Figur des Judas und eines Jesus, der sich zu sehr im eigenen Ruhm gefällt und zu einer Art Popstar zu werden droht, hält sich das Stück an die Überlieferung der Bibel. Einzug in Jerusalem, Vertreibung der Händler und Huren aus dem Tempel, Todesurteil der Priester, Abendmahl, Verhaftung im Garten Gethsemane, Jesus vor Pontius Pilatus, Folter und Kreuzigung.
Imposant, kraftvoll, spektakulär
Gnadenlos donnern die Hammerschläge durch das Theater, als Jesus schreiend ans Kreuz genagelt wird. Schier unerträglich lang dauert der quälende Todeskampf am Kreuz. Es gibt wohl kaum ein Musical, das mit solch einem tragischen Finale in Dunkelheit versinkt wie dieses. Regisseur Bob Tomson hat dem Stück aber dann doch so etwas wie ein kurzes, neues Ende verpasst. Jesus ersteht in gleißendem Licht wieder auf und trifft all seine Gefährten. Und das Ensemble verneigt sich beim langen Schlussapplaus an der Rampe.
Eine imposante, kraftvolle, spektakuläre Inszenierung, die noch bis zum 2. August als Sommer-Gastspiel an der Deutschen Oper gespielt wird.
Deutsche Oper Berlin, Bismarckstraße 110, Charlottenburg, Tel. 34 38 43 43, tägl. 20 Uhr, Sbd. auch 15 Uhr, So. 14 und 19 Uhr



