Wer in Barrie Koskys Büro kommt, stutzt einen Moment. Zwei lebensgroße Puppen aus seiner „Moses und Aron“-Inszenierung sitzen auf der Couch. Die eine, ein Schtetl-Jude, erinnere ihn an seinen Großvater, sagt Kosky. Jetzt bereitet der eigenwillige Regieintendant Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ vor. Am Freitag findet in der Komischen Oper die erste große Opernpremiere der neuen Saison statt.

Berliner Morgenpost: Wenn man sich Ihren Premierenplan anschaut, dann hat man den Eindruck, wir starten in eine Saison der Leichteren Muse?

Barrie Kosky: Aber nein. „Eugen Onegin“, „Hoffmanns Erzählungen“, „Vampyr“ und „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sind doch keine Leichte Muse. Nehmen wir das Beispiel „Hoffmann“. Ist das eine Oper mit der Fassade einer Operette oder umgekehrt? Wir haben versucht, in dieser Spielzeit Stücke zu finden, die zwischen den Schubladen liegen. Marschners „Vampyr“ ist ein Singspiel, aber ohne das Stück hätte es Wagners „Fliegenden Holländer“ nicht gegeben. Was den in Deutschland gern verwendeten Begriff Leichte Muse angeht, kann ich nur sagen, das ist ein furchtbarer Begriff. Und außerdem, wo es eine Leichte Muse gibt, muss es auch eine schwere Muse geben.

Es steht kein Wagner, kein Mozart, kein Verdi auf Ihrem Premierenplan?

Es ist meine Pflicht, andere Sachen zu machen. Unser Spielplan steht bereits bis 2019 fest, und ich kann nur versichern, dass es einige Überraschungen geben wird. Aber wir basteln unseren Plan aus anderen Widersprüchen heraus. Welcher Regisseur will unbedingt dieses oder jenes Stück machen? Passt es zur Komischen Oper Berlin? Was wurde lange nicht mehr gezeigt? Aber der Begriff Leichte Muse kommt in unseren Gesprächen wirklich nicht vor.

Welches Recht hat ein Komponist auf sein Original? Wieviel darf von Regisseuren verändert werden?

Ich verstehe den Fundamentalismus bei der Oper überhaupt nicht. Oper sollte immer interpretiert werden, deswegen gibt es ja unterschiedliche Inszenierung. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Oper und Sinfonik. In der Oper gibt es viel Text, ein Bühnenbild, Licht und ein völlig anderes Setting. Regisseure müssen die Stücke nehmen und etwas daraus machen. Und Striche wurden schon immer gemacht, gerade auch bei Dialogen.

An der Komischen Oper gibt es eine beachtliche Tradition, auch Opern für Kinder zu entwickeln. Für November ist die Premiere von „Schneewittchen und die 77 Zwerge“ angekündigt. Lassen wir einmal beiseite, dass Sie schon im Titel die Zahl der Zwerge toppen müssen und manche Kinder verwirren werden – was sind die Mythen, die hierzulande jedes Kind, egal, aus welcher Kultur es stammt, verstehen kann?

Die berühmtesten Märchen des 19. Jahrhunderts von den Gebrüdern Grimm oder von Hans Christian Andersen sind heute vielen Kindern durch den Hollywood-Glamour vertraut. Auch ich liebe Märchen. Da gibt es einfache Figuren, die zu einer unglaublichen Tiefe finden. Mit denen sich jeder identifizieren oder sie zumindest verstehen kann. Wenn man sich allerdings die Originale anschaut, dann sind die viel düsterer, schräger und grotesker als bei Disney und Hollywood. Was ich darüber hinaus spannend finde: Im 21. Jahrhundert kann man die Märchen auch aus der Sicht von Frauen interpretieren. Früher wurden die Frauen eher passiv oder als Opfer dargestellt. Unser „Schneewittchen“ wird eine viel stärkere Figur sein.

Märchen werden doch meist von Müttern erzählt?

Ja und nein, denn sie wurden von Männern aufgeschrieben. Wenn eine Großmutter also „Schneewittchen“ vorgelesen hat, dann aus dem Buch der Gebrüder Grimm. Für mich gibt es eine Verbindung zur Oper, die ja auch immer etwas Märchenhaftes in sich trägt.

Sie sind in Australien aufgewachsen. Was waren Ihre ersten Märchen?

Meine Großmutter hat mir am Bett Grimms Märchen vorgelesen. Sie hat Englisch mit ungarischem Akzent gesprochen, sie hat all diese Märchen in ihrer ganzen Dunkelheit erzählt. Sie hatte eine tiefe, rauchige Stimme. Es hatte etwas Theatralisches. Ich konnte kaum schlafen. Gleichzeitig hörte ich in Australien von meiner anderen Großmutter, die aus Polen stammte, die ganze englische Literatur. „Peter Pan“, „Alice im Wunderland“ oder „The Water-Babies“. In der englischen Tradition gibt es mehr Humor, mehr Surreales. Die Märchen, die Geschichten finden nicht wie in Deutschland oft im Wald, dem Ort der Ängste, statt, sondern in einer fantasievollen Parallelwelt. Dieses Wunderland reicht bis zu „Harry Potter“.

In Ihrem Opernhaus gibt es seit Jahren auch türkische Übertitel für die Berliner Community. Ihre eigene Familie hat es einst bis nach Australien verschlagen. Was denken Sie über die neue Flüchtlingswelle?

Es ist alles voller Widersprüche. Man muss aufpassen, denn es ist eine heikle Situation. Ich war kürzlich in Hamburg und saß auf dem Bahnhof neben Flüchtlingen mit ihren Schlafsäcken, die ihr Essen auspackten. Das hat mich besonders berührt, weil es mich an die eigene Familie erinnerte. Mein Großvater und seine drei Brüder waren 1904 nach einem Pogrom in ihrem weißrussischen Städtchen durch Deutschland gewandert. Aber sie durften nicht hier bleiben. In Hamburg fanden sie dann ein Schiff nach Australien. Ich bin sehr beeindruckt, dass die meisten deutschen Menschen sich so offen zeigen. Das ist großzügig. Ich bin schon stolz darauf, hier zu leben.

Was ist heikel an der Situation?

Es kann schnell politisch heikel werden, das sehen wir an Ungarn oder auch an den Anschlägen in Deutschland. Aber es ist absurd zu denken, dass alle Flüchtlinge Terroristen sein könnten. Viele haben einfach alles verloren. Deutschland ist im Moment reich. Ich hoffe, dass Programme da sind, um vielen eine Integration zu ermöglichen. Und dass man in Deutschland aus den Fehlern der 50er- und 60er Jahre gelernt hat. Was in zehn Jahren sein soll, das muss die Gesellschaft jetzt diskutieren. Ich frage mich manchmal, was passiert wäre, wenn meine Familie damals hätte in Deutschland bleiben können? Wären wir im Holocaust umgekommen, hätten wir hier überlebt oder einen ganz anderen Exilort gefunden?

Wie helfen Sie in dieser Situation?

Wir haben eine Kooperation mit den Stadtteilmüttern Neukölln. Sie sagen uns, was gebraucht wird. Danach richten wir uns und sammeln Sachspenden – oder eben Spendengelder.

Früher sagte man, in der Kunst gibt es eigentlich nur zwei existentielle Themen. Jemand geht in die Fremde oder ein Fremder kommt in die Stadt. Irgendwann haben sich die Wohlstandsthemen der Generationen XYZ dazwischen geschoben. Kann man angesichts der Krisen überhaupt noch leichte Themen machen?

Man muss! Bei uns sollen die Menschen große Kunst erfahren und darin ihr Leben reflektieren. Es geht um verschiedenste Emotionen zwischen Lächeln und Melancholie. Wir laden seit der vergangenen Spielzeit regelmäßig Flüchtlinge in unsere Vorstellungen ein. Ich denke, sie wollen vieles lieber vergessen und unterhalten werden. Ich weiß das von meiner Familie. Das Letzte, was ein Holocaust-Überlebender im Theater haben will, ist es, immer drei Stunden lang etwas über Auschwitz zu erfahren.

Die Opernstiftung steckt gerade in einer Krise, weil die Tänzer des Staatsballetts streiken.

Die Lösung, die jetzt gefunden wurde, ist die richtige. Ich fände es fatal, wenn Verdi in den Theaterbereich käme. Die Gewerkschaft hat keine Erfahrung im künstlerischen Bereich. Wir brauchen eine besondere Flexibilität. Ich weiß, dass die Tänzer hart arbeiten und sie brauchen einige bessere Konditionen. Ein Problem ist sicherlich, dass das Staatsballett die drei Opernhäuser bespielen muss. Das ist auf Dauer für die Tänzer unbefriedigend. Deswegen bin ich dafür, dass das Staatsballett ab 2017, wenn die Staatsoper wieder in ihr saniertes Haus nach Mitte zieht, ins Schiller-Theater geht. Ein Tanzhaus stände Berlin wunderbar: 70 Prozent Staatsballett, 30 Prozent Sasha Waltz.

Ursprünglich sollten Sie doch mit der Komischen Oper ins Schiller-Theater ziehen, solange Ihr Stammhaus saniert wird?

Ich hoffe sehr, dass das vom Tisch ist. Wir führen gerade Gespräche, was bei uns an Sanierung nötig und möglich ist und wie man das umsetzen kann, ohne das Stammhaus zu verlassen. Ursprünglich sollten wir für fünf Jahre ins Schiller-Theater einziehen. Ich halte das aber für eine Katastrophe. Wir haben 80 Millionen Euro für die Sanierung zur Verfügung. Was passiert, wenn wie bei der Staatsoper die Kosten steigen und die Sanierungszeit länger wird? Die Staatsoper ist kein gutes Bespiel, um sich auf so eine Sanierung einzulassen. Wir wollen einen anderen Weg versuchen.