Kultur

„Vielleicht bin ich unerlöst“

Mehr als zwölf Töne: Wolfgang Rihm wird mit Schönberg beim Musikfest aufgeführt. Ein Gespräch

Wolfgang Rihm gilt als diesseitiger, ja genussfreudiger Komponist, der gern eine Zigarre raucht, über Wein und Musik redet und einen ganz eigenen Humor hat. Beim Musikfest wird am Sonntag um 17 Uhr seine Musik für 3 Streicher nach Schönbergs Streichtrio aufgeführt. Beim Gespräch im Kammermusiksaal, wo das Konzert stattfindet, spricht Rihm über sein Verhältnis zu Schönberg, zu Berlin und über sein Leben als angefeindeter Komponist.

Berliner Morgenpost: Sie leben in Karlsruhe und Berlin. Was heißt das konkret?

Wolfgang Rihm: Ich habe in Karlsruhe meinen Lebensmittelpunkt und in Charlottenburg eine Wohnung gemietet. Wenn gerade viel von mir gespielt wird, bin ich oft hier. Sorgen Sie dafür, dass ich viel gespielt werde, dann gehöre ich zum Berliner Stadtbild.

Interviews führen Sie normalerweise immer per Fax?

Interviews unterbrechen den Arbeitsstrom. Der Tag ist dann für mich gelaufen.

Wer hat denn heute noch ein Faxgerät?

Das Faxgerät hat einen technischen Grund. Ich schreibe grundsätzlich alles mit der Hand. Der Dialog geht dadurch schneller. Das Tippen würde bei mir 14 Jahre oder so dauern.

Sie komponieren auch per Hand?

Wie denn sonst? Der Computer kann das nicht, das muss ich schon selber machen. Ich schreibe meine Noten selbst und bin unabhängig von einer vorgefertigten Notenschrift. Aber ich mache daraus keine Ideologie. Aber das Schreiben ist für mich ein lustvoller Moment.

Wenn Sie etwas komponieren, träumen Sie nachts davon?

Das mit dem Träumen ist so eine feuilletonistische Wolke, in die kann man hineingreifen. (stöhnt) Wenn ich an einem Stück arbeite, dann gehe ich natürlich mit Gedanken daran schlafen. Und wache damit auf. Aber ob ich dazwischen davon träume, das weiß ich nicht.

Beim Musikfest steht gerade Arnold Schönberg im Mittelpunkt. Man kann sich kaum vorstellen, dass er morgens mit einer sperrigen Zwölftonreihe im Kopf aufgewacht ist?

Kann doch sein. Gerade bei Schönberg, wo sich jeder beim Begriff „Zwölfton“ etwas vorstellt, was gleich explodiert, ging es immer um Musik. Schönberg hat die Zwölfordnung seiner Töne thematisch empfunden. Es war keine Reihenordnung, wo dann ein Musiklehrer kam, um es abzuhaken. Schönberg hatte eine tief verwurzelte Abneigung gegen alle theoretischen Basteleien einer Musikproduktion.

Wann haben Sie sich innerlich von Schönberg gelöst?

Ach, hab ich mich gelöst? Wer hat das herausgefunden? Vielleicht bin ich unerlöst. Ich fühle mich mit Schönberg eng verbunden. Er hat keine sterile Kunstmachanleitung hinterlassen, sondern uns vorgelebt, wie man mit glühender Materie umgeht. Schönberg komponierte in einer Zeit, als viele dachten, Musik sei ein Ergebnis von Musiktheorie. Wenn man ein Foto von Wien um 1910 anschaut, dann laufen 85 Leute auf der Straße, davon sind 79 Musiktheoretiker. Und die glaubten, Mozart, Mendelssohn und Brahms hätten mit einer Art Kompositionslehre in der Hand komponiert.

Von 1984 bis 1990 waren Sie musikalischer Berater der Deutschen Oper Berlin. Was genau haben Sie gemacht?

Das Ganze ging auf meine gute Beziehung zu Götz Friedrich zurück. Er wollte mich an sein Haus binden und einen Kompositionsauftrag ermöglichen. Ich war also da, wenn man mich gefragt hat. Aber ich habe mich nicht vorgedrängt.

Wer in die Mitgliederliste des Deutschen Komponistenverbandes schaut, wird feststellen, die große Mehrheit kommt aus der U-Musik, und die klassisch Ausgebildeten leben eher von Filmmusik. Eigentlich gibt es nur zehn, vielleicht 15 traditionelle Komponisten, die davon leben können.

Ja, das war eigentlich immer so. Wobei man sagen muss, dass heute viel mehr Menschen zeitgenössische Kunstmusik hören als noch vor 100 Jahren.

Was sagen Sie jungen Leute, die zu Ihnen kommen, um Komponist zu werden?

Ich sage, versuch es. Ich kann deine Sachen anschauen und Tipps geben, aber ich kann dir kein Erfolgsrezept geben.

Viele glauben, dass Filmmusik die eigentliche zeitgenössische Musik des 20. Jahrhunderts ist?

Filmmusik kann sehr produktiv sein. Aber meistens besteht sie doch darin, ehemals erfolgreiche Klangbilder des klassischen Repertoires zu repetieren. Und das in einer vergröbernden Art und Weise. Die altvertraute deutsch-österreichische Sinfonik beherrscht nach wie vor die Filmmusik. Man muss sich schon fragen, ob das die nächsten 300 Jahre so bleiben soll?

Sie sind der größte lebende deutsche Komponist.

Der schwerste!?

Bleiben wir beim größten. Wie lebt es sich damit?

Ich lebe doch nicht in diesem Bewusstsein. Richtig ist, es hat sich ein kontinuierliches Interesse an meiner Arbeit ergeben. Auch, weil ich von Anfang an eine profunde Gegnerschaft hatte, was aber die öffentliche Wahrnehmung gesteigert hat. Trotzdem war das eigentlich nie meine Absicht. Ich habe eher wie ein Kind angefangen, etwas schaffen und geben zu wollen.

Fühlen Sie sich heute noch angefeindet?

Ich hoffe doch.