Kultur

Händchenhalten mit Tänzern

Im „Kulturpolitischen Salon“ kommt es zum Schlagabtausch zwischen den Gewerkschaften

Vorn auf der Bühne sitzt die Verdi-Vertreterin, sie hat an jeder Seite einen jungen Balletttänzer. Während des Podiumsgesprächs fassen sich die drei an den Händen. Es ist ein Bild voller Innigkeit, weniger des Kampfeswillens. Vor wem sie sich an diesem Montagabend schützen wollen, ist schnell ausgemacht. Hinten im Saal sitzt ein Vertreter der Konkurrenzgewerkschaft. Er versucht mehrfach, etwas zu sagen. Irgendwann hat er begriffen, dass ihn in dieser Runde eigentlich keiner hören will. So kauert er nur noch auf seinem Sessel. Es ist ein trauriges Bild.

Keine Namen, keine Fotos

Eigentlich wäre damit alles gesagt über diesen ersten „Kulturpolitischen Salon“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung, den Wolfgang Brauer, der Kultursprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, leitet. Brauer ist in diesen Wochen der hartnäckige Chefermittler des Untersuchungsausschusses Staatsoper. An diesem Abend aber geht es um das Ballett in Berlin. „Warum streiken die denn eigentlich?“, lautet das Thema. Brauer bittet darum, keine Fotos zu machen und auch keine Namen der anwesenden Tänzer zu nennen. Sie hätten Einzelverträge, die einer rigiden Befristung unterliegen. Der Abgeordnete weiß, dass man sich „auf sehr dünnem Eis bewegt“. Das Staatsballett hat bereits acht Vorstellungen ausfallen lassen, und die Situation ist für alle Beteiligten verfahrener denn je. Die Mehrheit der Tänzer gehört Verdi an, aber die Opernstiftung, zu der das Staatsballett gehört, will mit der Dienstleistungsgewerkschaft nicht verhandeln, sondern nur mit den kleineren Künstlergewerkschaften. Brauer will sichergehen, dass der Abend keine Streikversammlung des Staatsballetts wird, sondern nur „ein Gespräch, um sich gegenseitig zu informieren“. Dieser gute Vorsatz hält immerhin einige Minuten.

Zunächst sprechen einige Tänzer über ihre Sechstage-Woche. Und vor allem, was sie frustriert. Manche Details sind mit Blick auf die harten Streiks nicht leicht nachzuvollziehen. Etwa der Hinweis, dass die Schminkzeiten vor den Vorstellungen als Freizeit gelten. Und irgendwann sei das Staatsballett nach einer Vorstellung sofort nach Bangkok gereist, habe dort sofort eine Generalprobe gehabt und nach Rückkehr sofort wieder eine Vorstellung. Und warum? Weil Reisezeiten nicht als Arbeitszeiten gelten. Man lebe für seinen Beruf, sagt ein Tänzer, aber das werde zu oft ausgenutzt.

Der Frust wurde über die Jahre immer größer. Man sei zur Staatsballettleitung gegangen und hätte nur den Tarifvertrag vor die Nase gehalten bekommen. Erst mit Verdi sei etwas passiert. „Verdi gibt uns Hoffnung“, sagt einer der Tänzer. Von den dafür verantwortlichen Künstlergewerkschaften „wusste man überhaupt nichts“. Diese Behauptung scheint Heiner Boßmeyer hinten im Saal aufzustacheln. Der Berliner Sänger, der zum Chor der Deutschen Oper gehört, und Landesvorsitzende der Vereinigung der Deutscher Opernchöre und Balletttänzer (VDO) will einiges gerade stellen. Es lässt sich kurz zusammenfassen: „Die Tänzer verweigern das Gespräch.“ Das mit den Reisezeiten ist „völlig inakzeptabel“. Und man sollte „fair miteinander umgehen“.

Schließlich geraten Boßmeyer und die Verdi-Vertreterin Sabine Schöneburg aneinander. Boßmeyer wirft ihr etwa vor, die VDO als Zwerggewerkschaft bezeichnet zu haben. Die streitet es heftig ab. Obwohl das mit der Zwerggewerkschaft die Wahrheit ist. Boßmeyer meint, das Verdi-Engagement sei für „Schöneburg ein persönliches Projekt“, sie würde sich in einen Bereich drängen, in den sie nicht gehört. Dann geht es um das neue Tarifeinheitsgesetz, das man eher mit Lokführern als Tänzern verbindet. Das Gesetz soll klare Regeln schaffen, die an diesem Abend aber von den beiden Gewerkschaftsvertretern unterschiedlich ausgelegt werden.

Es geht um das Vertretungsrecht. Schöneburg begründet ihr Vorrecht damit, dass Verdi in der Opernstiftung die meisten Mitglieder hätte. Es beträfe das nicht künstlerische Personal sowie das Staatsballett. Boßmeyer hingegen betont, dass man das künstlerische und nicht künstlerische Personal sehr wohl unterscheiden muss. Der VDO-Mann hatte zuvor auch erklärt, dass man für den neuen Haustarifvertrag einstehen würde. Am gestrigen Dienstag hat die Künstlergewerkschaft wieder mit dem Deutschen Bühnenverein darüber verhandelt. Aber die anwesenden Tänzer wollen davon nichts hören. Erst in der vergangenen Woche hatten die Tänzer eine Informationsveranstaltung der beiden Künstlergewerkschaften bestreikt.

Das Ego der Diskutanten

Das Salongespräch mündet in die Phase, wo einer den anderen auffordert, ihn doch auch einmal ausreden zu lassen. Als dem Gastgeber der verbale Schlagabtausch zu laut wird, geht Wolfgang Brauer dazwischen. Er verweist auf das Ego der Diskutanten und betont: „Das ist unser Privileg als Politiker.“ Damit hat er die Lacher auf seiner Seite. Von den Tänzern möchte er noch wissen, was sie von der Berliner Politik erwarten? „Wir sind wie ein Fußball“, meint der eine Tänzer, „wie eine Spielmasse“. Der andere sagt nur ein Wort: „Demokratie“.