Fernsehen

„Tatort“: Besoffene Kommissare in Frankfurt/Main

Der neue Frankfurter Fall steigt hinab in die Unterwelt des Rotlicht-Milieus. Der Sound der Story macht diese Folge so sehenswert.

Fallen aus dem Rahmen: Margarita Broich als Kommissarin Anna Janneke und Wolfram Koch als Kommissar Paul Brix in ihrem zweiten „Tatort“- Einsatz

Fallen aus dem Rahmen: Margarita Broich als Kommissarin Anna Janneke und Wolfram Koch als Kommissar Paul Brix in ihrem zweiten „Tatort“- Einsatz

Foto: HR/Degeto/Bettina Müller / dpa

Man hat den harten Mann zum Dienstboten degradiert. Kommissar Brix wurde in den Innendienst versetzt, er schiebt ein Aktenwägelchen durch die Gegend. Er hält seiner Kollegin einen Vortrag, dass sie sich gegenüber ihren Mitarbeitern durchsetzen müsse. „Sie müssen Eier zeigen“, ruft er und lässt noch das spanische Wort dafür folgen: „cojones!“ Gebeugt schiebt er sein Wägelchen weiter und lässt sich die Akten aus der Hand reißen. Er wirkt wie der Mann vom Pizza-Lieferservice.

Seine männliche Kraft lebt nur noch im schwachen Widerschein der Phrase. Mit solchen Kerlen hat man es im „Tatort“ ja oft zu tun: Fiftysomethings in der Sinnkrise, die ihre bröckelnde Lebensenergie gern mit Kraftausdrücken zurückhexen wollen. Ballauf und Schenk in Köln, Thiel in Münster, Batic und Leitmayr in München, Faber in Dortmund: lädierte Männer, wohin man nur schaut, und keiner nimmt ein Blatt vor den Mund.

Konstanz hinter der Kamera

In dieser Episode aus Frankfurt, „Hinter dem Spiegel“, der zweiten mit dem Ermittlerteam Anna Janneke und Paul Brix, ist das nicht anders. Zumal Drehbuchautor Erol Yesilkaya und Regisseur Sebastian Marka schon im letzten Jahr bewiesen haben, wie gut sie das heikle, weil immer klischeeverdächtige Thema beherrschen.

„Das Haus am Ende der Straße“ hieß die Folge. Es war der letzte Fall des Frankfurter Ermittlers Frank Steier (Joachim Król), den die Geschichte mit einem brutalen Hausbesitzer (Armin Rohde) zusammenpferchte. Zwischen den beiden entstand eine Chemie, wie man sie im deutschen Fernsehen selten findet.

Ein alter Kollege braucht Hilfe

Auch diesmal steht dem Ermittler ein namhafter Schauspieler gegenüber. Dominique Horwitz spielt Simon Finger, ehemals ein Kollege von Brix, als die beiden noch bei der Sitte waren. Er sucht Brix auf, er braucht dringend Hilfe, die Russenmafia ist hinter ihm her.

Brix’ Kollegin Janneke bekommt das Gespräch zufällig mit und wird für den Rest des Krimis den Verdacht nicht mehr los, dass Brix alle möglichen Geheimnisse vor ihr hat.

Nostalgische Ironie

Dann wird noch ein Politiker tot in seiner Wohnung aufgefunden, erhängt, aber an Selbstmord will niemand so recht glauben. Janneke und Brix verlieren sich im Morast des Rotlichtmilieus, wo die Zuhälter noch Kette rauchen und die Mädchen im fahlen Licht an Stangen tanzen, als wäre die Szene noch vital.

Und das macht diesen „Tatort“ so sehenswert: Der Sound seiner Geschichte ist selten milde, nostalgische Ironie. Mild ist sie, weil sie ihre Charaktere nicht karikiert, weil sie auch dann noch sympathisch bleiben, wenn sie stockbesoffen vor dem Spiegel posieren. Und nostalgisch ist sie, weil Yesilkaya und Marka mit dem gerade schwer modischen Synthiepop der Achtziger einen Abgesang anstimmen auf eine Zeit, die es nicht mehr gibt.

Tatort: Hinter dem Spiegel ARD, 13. September, 20.15 Uhr