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„Tatort“ – Wenn Schweizer zu Serienmördern werden

Die „Tatort“-Saison beginnt endlich wieder: Den Auftakt macht eine starke Folge aus Luzern

Von Felix Müller
Liz Ritschard (Delia Mayer, M.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, r.) mit der neuen kriminaltechnischen Leiterin Corinna Haas (Fabienne Hadorn, li.)

Liz Ritschard (Delia Mayer, M.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, r.) mit der neuen kriminaltechnischen Leiterin Corinna Haas (Fabienne Hadorn, li.)

Foto: ARD / ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Oh du beschauliches Luzern. Die Einheimischen grüßen einander höflich und stellen sich morgens beim Bäcker an, um sich ihr Gipfeli zu kaufen. Die Sonne erklettert behäbig die Alpengipfel der Zentralschweiz, während irgendwo ein dicker, gemütlicher Luzerner sein Gewehr zusammenschraubt und zwei albanischen Autohändlern die Schädeldecken wegbläst. Von der Wucht der Geschosse werden die Opfer fort- ge­schleudert, als wären sie von einer Abrissbirne getroffen worden.

So beginnt also die „Tatort“-Saison 2015/16: mit einem Ausrufezeichen. Es mag manche enttäuschen, dass die erste Folge aus der Schweiz kommt. Das deutsche Publikum fremdelt mit den Kommissaren Liz Ritschard und Reto Flückiger. Die letzte Folge im Juli erreichte gerade mal sechs Millionen Zuschauer. Das ist nicht nur der schwächste Wert seit fünf Jahren, es ist auch Lichtjahre entfernt von der Popularität der Ermittler aus Münster, München oder Köln.

Augenringe, Nervensägen und Sätze wie von Aufziehpuppen

Woran liegt das? Am Auslandsfaktor? Das wäre eine zu simple Erklärung, denn schließlich kommt auch der Wiener „Tatort“ mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser auf deutlich bessere Werte. Ritschard und Flückiger sind eigentümlich profillose Kommissare. Jede Folge erfindet sie neu, eine Entwicklung gibt es nicht. Das einzig Verlässliche sind ihre müden Gesichter, in die sich Augenringe eingesenkt haben wie Fußstapfen im grauen Schnee der Berge.

Dazwischen springt eine grässliche Nervensäge herum, der Vorgesetzte Mettmann, dem die Drehbücher meist nur Aufziehpuppensätze und sinnlose Belehrungen vorbehalten. Aber es ist diesmal etwas anders im beschaulichen Luzern, man merkt es gleich in den ersten Sekunden. Die gesprengten Köpfe der Albaner werden ausgestellt, als würde sich dort ein Geheimnis entziffern lassen, während der Mörder in aller Ruhe sein Gewehr zusammenschraubt und im dunklen Lieferwagen den Tatort verlässt, langsam anfahrend, um keine Reifenspuren zu hinterlassen.

Der Einsatz mitunter irritierender Gewaltausbrüche hat sich schon in der vergangenen „Tatort“-Saison als verlässlicher Erfolgsfaktor erwiesen. Aber das ist es nicht, was diese Folge zu einem besonderen Auftakt macht. Regisseur Florian Froschmayer und Autor Urs Bühler weichen ab von der klassischen Kriminaldramaturgie, wonach der Zuschauer genauso viel weiß wie die Ermittler und raten soll, wer es denn nun gewesen ist. Wir kennen den Täter von Anfang an.

Er heißt Simon Amstad und wird gespielt von Antoine Monot jr., den die meisten vielleicht als „Tech-Nick“ aus den Werbespots eines deutschlandweit aktiven Elektronik-Großhändlers kennen. Er spielt dort den freundlichen Schmunzelbär, der auch die bizarrsten Wünsche seiner Kunden gutmütig erfüllt.

Paragrafenzeichen in Dumdum-Geschossen

Dass Monot viel mehr kann und auch das Abgründige und Tieftraurige beherrscht, beweist er in diesem Film mit Nachdruck. Denn Simon Amstadt, der tiefes Unglück erfahren hat, befindet sich auf einem Rachefeldzug mit alttestamentarischer Wucht. Er erschießt Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, aber von der Justiz nicht zur Rechenschaft gezogen werden. In seiner Werkstatt fräst er Paragrafenzeichen in die abgesägten Dumdum-Geschosse.

„Ihr werdet gerichtet“ heißt diese Episode, und nicht ganz zufällig zitiert ein Profiler die alte Geschichte des Michael Kohlhaas – eines redlichen Pferdehändlers aus dem 16. Jahrhundert, dem Unrecht geschah und der darauf zum Mordbrenner wurde. Wie ist so einer und warum ist er so geworden? Kann Rache Trost spenden, kann sie etwas heilen? Das sind die Fragen, um die es hier geht, und sie bleiben die gesamten anderthalb Stunden spannend.

Das ist natürlich manchmal etwas überkonstruiert, und wirklichkeitsfern ist es sowieso. Aber nach mancher gelungenen, aber eben auch komplett märchenhaften Episode der vergangenen Saison – man denke an Ulrich Tukurs Auftritt im Wiesbadener Massaker namens „Im Schmerz geboren“ – ist die Forderung nach Realismus im „Tatort“ zur Phrase geworden. Diese Folge riskiert viel, sie ist ein gelungener Auftakt. Und das Beste ist: Selbst der furchtbare Mettmann lässt den Zuschauer diesmal weitgehend in Frieden.

Einige Überraschungen in den kommenden Wochen

Wie geht es weiter in der Reihe? Die „Tatort“-Folgen der nächsten Wochen halten einige Überraschungen bereit. So wird in diesem Jahr nicht nur der bereits beim Publikum bekannte Wotan Wilke Möhring zu sehen sein, sondern auch sein Bruder Sönke („Inglorious Basterds“). Er tritt freilich nicht als Polizeibeamter auf, sondern einmalig als Vater eines Mädchens, das auf einem Spielplatz ums Leben kommt (18. Oktober).

Und wer sich schweren Herzens schon vom Leipziger Ermittler Andreas Keppler alias Martin Wuttke getrennt hatte, der kann sich mit einem Gastspiel Wuttkes im Wiesbadener „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot trösten. Auch Wuttkes Ehefrau Margarita Broich wird darin eine Rolle spielen. Der Sendetermin ist noch unklar.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr