Popmusik

Die Berliner Band Frittenbude hat Angst vor dem Stillstand

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Julia Friese
Lässig: Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger (v.l.) von Frittenbude. Das etwas abgerissene Ambiente haben sie sich natürlich extra ausgesucht

Lässig: Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger (v.l.) von Frittenbude. Das etwas abgerissene Ambiente haben sie sich natürlich extra ausgesucht

Foto: Paul Aidan Perry

Auch Electropunks werden älter: Die drei Berliner schlagen ganz neue Töne an. Das neue Album "Küken des Orion" klingt nach Spätsommer.

Drei Freunde, Johannes, Jakob und Martin, fuhren gemeinsam zu einem Musikfestival nach Passau, als ihr Radio kaputt ging. Einer von ihnen, das machte man damals noch so, hatte eine CD dabei. Da waren aber nur Beats drauf, also Bumm, Bumm, Bumm, und wie sie so fuhren, mit diesem Bumm, Bumm, Bumm durch Bayern, da ergab es sich, dass sie dazu sangen.

Und es machte ihnen Spaß. So viel Spaß, dass aus Freunden eine Band wurde. „Frittenbude“. Musik, die man gut mal so wegessen kann. „Electrofikkkke“ im Stehen, mit den Fingern, mit viel Schweiß und Salz. Elektronischer Bass mit Spaß.

Kirmes, Konfetti, Remmi Demmi

Die Jungs waren jung, kreativ, machten und mochten elektronische Musik, als sie von der Band leben konnten, schmissen sie ihre Praktika in der Musikbranche und ihre Jobs beim Regionalfernsehen und machten das, was alle Jungs machen, die jung und kreativ sind und elektronische Musik mögen – sie zogen nach Berlin.

Hier machten sie weiter Musik, mischten Rave mit Rap zu Pop. Mit ihren musikalischen Geschwistern von Bratze und Egotronic stampften sie auf dem Label Audiolith fade von Deichkind und der Mediengruppe Telekommander aus. Es war Kirmes, Konfetti, Remmi Demmi, alles bunt betrunken. Electropunk nannte man das.

„Küken des Orion“ erscheint am 21. August

Jetzt ist 2015. Die drei Freunde sind nun alle mehr oder weniger 30. Und aus ihrer jungen bajuwarischen Frittenbude ist ein gesetzterer Berliner Ketwurst-stand geworden. Ihr viertes Album „Küken des Orion“ – es erscheint in wenigen Tagen – klingt nur noch vom Titel her sinnvergessen nach Party und ewigem Frühling. Nein, etwas ist anders, als noch beim Vorgängeralbum „Delfinarium“, sie sind älter und das sagen sie auch, ihr neuestes Werk, es klingt nach Spätsommer.

Berlin, das ist diese Stadt, in der man niemals richtig erwachsen wird. Es ist heiß, der Asphalt ist vom Bass versengt, immer noch kommen alle hierher, tanzen frisch der Provinz entschlüpfte, berollkofferte Menschen, überall, und die Bude steht da, kennt das alles schon, steht in Mitte, mit ihrer Skepsis gewordenen Erfahrung, umbraust von veganen Rennrädern und Mädchen, die ihre Pferdeschwänze durch Hasskappen stecken.

Jeder ist irgendeine Generation

Keine Sorge. Es gibt nichts zu klären. „Wir alle verbringen zu wenig Zeit auf der Straße mit einem Transparent in der Hand. Wir alle verbringen zuviel Zeit in einer Bar mit einem Getränk in der Hand.“ („The Striz“) Oder „wir alle“ sind halt im Urlaub, strecken die Zunge raus. Party und eine Pille. So wird der Bass besser. Und endlich ist man unendlich. (Lied 4).

Man muss viel mehr im Heute leben, sagt der Sänger Johannes. Er ist sehr nachdenklich, er schreibt die Texte. Auf dem vierten Album klingen sie wie eine große Collage, Copy and Paste, abgelesen von den bemalten und bestickerten Stromkästen der Stadt. „Wir brauchen den Auftrieb.“ „Du bist nicht wie du aussiehst.“ Und abgeschaut aus der Jugend, damals als man noch einen Fernseher hatte. Viva. MTV. „Michael Jackson hatte Recht, du bist nicht allein.“ (Lied 13)

Alles nur Befindlichkeiten

Nein, niemand ist wirklich allein. Jeder ist irgendeine Generation. Hat einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Generation Frittenbude, die 30-Jährigen, die Provinzkinder in der Hauptstadt, sie wissen wichtige Dinge. Zum Beispiel, dass auch YouTube lügt, oder dass auch große Lieben enden, dass alles vorbei, das Leben insgesamt aber ganz gut geht, wenn es einem, so wie hier, jung in Berlin, zu gut geht.

„Küken des Orion“ klingt wie eine Musik gewordene Ausgabe der Zeitschrift „Neon“: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Politische Inhalte werden kurz touchiert, eigentlich aber dreht sich alles nur um Befindlichkeiten, die eigene Befindlichkeit, es geht um einen selbst – oder den Ex. „Ich treib dich tapfer vor mir her. Dein Name wird mein Schlachtruf sein“. Wir, so singen Frittenbude über sich und ihre Generation, sind eine große „Army of Küken“. Kuschelbedürftig, aber eben auch ziemlich weich.

Den Staub zum Glitzern bringen

Die größte Angst gilt dem Stillstand. Auch als Band. Sie wollen sich nicht wiederholen, wollen immer was anders machen. Noch dieses Jahr gehen sie auf Tour. Zum ersten Mal mit einer Band, einem Schlagzeuger und einem Keyboarder. Ihre alten Songs wollen sie in neuem Gewand vortragen. Lieber noch mal was anders machen. Denn nächstes Jahr, das können sie eigentlich gar nicht so recht glauben, feiern sie schon ihr zehnjähriges Bandbestehen.

Während man Frittenbudes neuestes Album hört, ist man animiert, die Arme hochzureißen und mit dem Kopf zu wippen, der daraus resultierende Schwindel lässt einen die leicht melancholischen Texte überhören. Nur auf „Alles wird Staub“ sackt man in den Bürostuhl zurück. Hier lässt man den Gesang mit einer Gitarre allein.

Euphorie statt Agonie

In einer ihrer ersten Singles forderten sie noch „Straßen voller Zucker“, nun sagen sie, wir müssen Zucker verschütten. Selber aktiv werden. Den Staub zum Glitzern bringen. Es ist die Angst vor Vergänglichkeit, die überall durch die Bassberge glitzert.

„Was am Ende bleibt“ heißt ihr Trennungssong, den sie gemeinsam mit Dirk von Lowtzow aufgenommen haben. Ein Hauch Diskurspop weht durch die Frittenbude. Sänger Johannes sagt, weil sie Phantom Ghost mögen, fast mehr noch als Tocotronic. Martin sagt, das hat er jetzt erst entdeckt.

Der Abspannsong zur Jugend

Auf dem letzten Lied, der neuen, putzig mit einem Lama dekorierten Platte, kann man seinen erschöpften „Ich hab alles schon gesehen und keine Lust mehr“-Coupon dann gegen Euphorie einlösen. „Michael Jackson hatte Recht“ klingt wie der Abspannsong zur Jugend. „Wir müssen nur wollen“ von Wir Sind Helden haben sie herein gecovert.

Der Song, er ist 13, geht also nun in die achte Klasse. Aber lebt noch, fühlt sich frisch und jung an und auch vor den 30-Jährigen liegt noch etwas Leben. Das ist cool. Fehlt jetzt also nur noch eine heiße Alternative zu Berlin. Die Band kennt sie. Besingt sie. Es ist die Provinz, aus der sie kamen. „Urlaub in Bayern.“ So wohltuend langweilig. Machen wir das jetzt? Für immer.

"Küken des Orion“ erscheint am 21. August (bei Audiolith)