Kultur

Zeig mir die 80er-Jahre

So wahr wie mit Bov Bjergs „Auerhaus“ fühlte sich Jugend lange nicht mehr an

Höppner erzählt seine Geschichte: Wie sein bester Freund Frieder Schlafta­bletten schluckt, mit 17. Wie Frieders Vater im Keller, in den sein Freund sich zum Sterben gelegt hat, nach einer Axt sucht und ihn vor dem Tod, nicht vor dem Leben rettet. Wie Frieder in der Klapse untergebracht wird: Medikamente, Beobachtung, sinnlose Beschäftigungstherapie.

Einmal darf er raus, in Begleitung Höppners und eigentlich nur in den Park. Sie überqueren einen Fluss und landen in einer Fußgängerzone. Hässliche Nachkriegsbauten, hässliche Schaufenster mit hässlichen Sachen drin, die Sitzbänke, auf denen Höppner seinen ersten Kuss von seiner Freundin Vera bekommen hat, ersetzt durch Sitzschalen, damit die Penner nicht mehr darauf liegen können. So ist die Welt, man erkennt sie sofort wieder.

Autonome Zone

Nach ein paar Monaten heißt es, Frieder dürfe wieder ins Leben zurück, allerdings wäre es besser, er würde nicht mehr bei seinen Eltern wohnen. Also zieht er ins Haus, in dem bis zu seinem Tod sein Großvater gelebt hat, zusammen mit Höppner, mit Vera, die mit muss, weil Höppner sich nicht zutraut, allein auf einen Deprimierten aufzupassen, und mit Cäcilia, die dabei sein soll, damit Vera nicht das einzige Mädchen bleibt. Jeder bekommt ein Zimmer. Sie spielen ein Mixtape ab, das aus einem Umzugskarton fällt, es läuft „Our House“ von Madness. Der Bauer von gegenüber versteht „Auerhaus“; der Name bleibt.

Nachdem man Bov Bjergs gleichnamigen Roman gelesen hat, wird man den Song immerzu singen wollen. „Our house in the middle of the street“. Das Haus, das Bjerg baut, liegt mitten in der Seele; ein Trost ist das nicht.

Das Auerhaus ist eine temporär autonome Zone, eine WG von 17-, 18-Jährigen in einem Dorf am Rand der Stadt, im Jahr vor dem Abi. Ehe die Jugendverschlingungsfallen Bundeswehr, Studium, Beruf zuschnappen, haben sie ein paar Monate. Sie sitzen herum, trinken, spielen Federball, kochen sich was. Oder sie setzen sich auf die Räder und heizen los, einer im Windschatten des anderen, Belgischer Kreisel. Eigentlich reden sie nur, über alles und nichts, doch zum ersten Mal im Leben fließen die Worte panikfrei, und wenn einer schweigt, macht es auch nichts.

Vera sagt zu Höppner, seit er im Auerhaus wohne, habe sich seine Körperhaltung verändert: Du bist nicht mehr so krumm. Irgendwann zieht auch Harry ein, ein Elektrikerlehrling auf dem Weg zum Schwulsein, ein Kiffer, Dealer und Stricher. Und Pauline, die Frieder in der Psychiatrie kennengelernt hat, eine Brandstifterin. Sie passen nicht zusammen, aber dann doch, ohne dass sie sich Mühe geben müssten. Das Leben auszuhalten, aus dem sie kommen, hat sie mehr Mühe gekostet.

Was sie wollen, wissen sie nicht. Vielleicht eine Pause von der Welt, in der sie wollen sollen, was sie werden müssen, wie die, mit denen sie in der Klasse sitzen: „Sie verpuppten sich, machten Abi und studierten, und wenn der Kokon platzte, sahen sie aus wie ihre Eltern. Sie übernahmen die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie erbten von ihren Eltern das Abitur und das Leben.“ Doch vor allem wollen sie Frieder davon abhalten, noch einmal Schlaftabletten zu schlucken.

Sie machen das gut, obwohl sie fern von elterlicher Obhut und institutioneller Betreuung keinen Scheiß auslassen. Sein Auskommen sichert sich das Auerhaus auch durch Ladendiebstahl. Als Frieder beim Klauen erwischt wird, biegt es der Dorfpolizist ab, weil er Frieder mag und nicht will, dass er noch mehr Probleme bekommt.

Sie feiern eine Silvesterparty, die größer und ausufernder ist als jede Facebook-Party im 21. Jahrhundert: alle Schwulen zwischen Stuttgart und Paris, alle Insassen der Psychiatrie, die an diesem Tag Ausgang bekommen, die Oberstufe ihres Gymnasiums. Sie trauen sich mehr zu, als sie ertragen können: Vera vögelt mit dem schwulen Harry, weil sie endlich wissen will, wie das Vögeln ist. Höppner dreht dennoch nicht durch, nur innerlich ein wenig. Aber sie reden, reden, reden, einander durch Anwesenheit und Worte behütend. Sie schaffen es, dass in Pauline das Feuerlegenwollen nicht mehr rumort und in Frieder nicht mehr ständig der Todeswunsch. So müsste es immer sein, das ganze Leben lang.

Klare, emphatische Prosa

„Auerhaus“ ist ein auf stille Weise bockiges Buch. Das liegt an der Stimme des Ich-Erzählers, ein Inhibitionist, oft eher Beobachter als Akteur. Höppners Stimme, die Prosa des Berliner Schriftstellers Bov Bjerg also, will keinen überzeugen, nicht mal sich selbst. Sie erzählt nur ohne Pirouetten einer Geschichte hinterher, in einem Ton, der sich von Rhetorik fernhält, es gibt kein Gepose, kein juveniles Prahlen, kein Schlaumeiertum. Das hier ist nicht Pop. Aber in Wahrheit ist „Auerhaus“ viel mehr Pop als die Literatur, die so heißt: Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle, alles, was falsch, überflüssig, bloßer Künstlerquatsch wäre, ist raus. Klare warme empathische und emphatische Prosa, die sich einerseits anstrengungslos weg liest und die andererseits nicht mehr weggehen will. Den Unterschied zwischen einem guten und einem anspruchsvollen Buch versteht man sofort, sobald man ein gutes in die Hände bekommt. Hier ist eines.

Falls man sich vor „Auerhaus“ schützen wollte, könnte man ihm nachsagen, es sei für junge Erwachsene geschrieben worden. Das ist ein Missverständnis, obwohl die jungen Erwachsenen es sicher mögen werden. Eher ist Bjergs Roman eine Geschichte für jene, die das Erwachsenwerden schon hinter sich haben. Seine Methode und sein Effekt ist die ganz und gar unnostalgische Erinnerung. Das ist beim Lesen möglicherweise schmerzhaft, weil einem dabei die fünf, sechs Minuten im eigenen Leben einfallen, in denen es ähnlich frei zuging – und hinterher gleich wieder die Frage, warum es nur fünf, sechs Minuten gewesen sind. Die Energie, der Mut, das In-den-Tag-Leben-Können: alles vorbei.

Aber es war einmal da, in einem früheren Leben, in dem man sich noch nicht von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub durchschleppen musste. Vermutlich lässt es sich nicht vermeiden, Abschied nehmen zu müssen von dem, der man einmal war (jemand, in dem noch die Idee eines anderen, freieren Lebens bockte), aber es ist eine Schande, dass man es muss.

Bov Bjerg: Auerhaus. Blumenbar, Berlin. 240 S., 18 €.

Bov Bjerg: Auerhaus. Blumenbar, Berlin. 240 S., 18 €.