Konzert in Berlin

Patti Smith spielt legendäres Album „Horses“ im Tempodrom

68 Jahre ist Patti Smith mittlerweile alt. Im Berliner Tempodrom re-kreiert sie "Horses", das Ur-Album des Punks.

Das Berliner Publikum feiert Patti Smith wie eine Erlöserin, die selbst nach Erlösung sucht

Das Berliner Publikum feiert Patti Smith wie eine Erlöserin, die selbst nach Erlösung sucht

Foto: Martial Trezzini / dpa

Die Halle füllt sich erst spät an diesem Sommertag. Menschen, die in etwa so alt sind wie Patti Smith war, als sie ihr Debütalbum „Horses“ aufnahm, sitzen bis kurz vor Beginn auf den Treppen vor dem Tempodrom herum. Bunt durcheinander geschlängelt stehen sie nach Bier und Würsten an. Zwischen ihnen alte Rocker, bei denen man sich fragt, wie sie es bei diesem Wetter schaffen, so bleich zu bleiben. Immer wieder stehen Frauen mit Mähnen, wie Patti Smith selbst eine hat, neben Mädchen, die sie vor 40 Jahren sein könnten. Ohne dass sie verwandt wären.

Und es ist rätselhaft, wie Patti Smith, 68 Jahre alt, so jung und altersweise zugleich wirken kann. Sie spielt ihr Debütalbum „Horses“. Das hat unwahrscheinliche 40 Jahre auf dem Buckel. Und sie spielt es mit der Energie und Dringlichkeit von damals, gepaart mit dem Wissen ums Vergängliche, Vergebliche von heute. Kein Abfeiern der Vergangenheit ist das, kein Wiederaufkochen der wichtigen Karrierestellen. Smith re-kreiert vielmehr aus heutiger Sicht „Horses“, dieses Ur-Album das Punk, das ihn gleich zu Beginn überstieg, da es das Album einer wirklichen Dichterin war. Wie sie das macht, klingt einerseits wie eine Hommage an das eigene Werk und seine Zeit, andererseits so frisch als hätte sie es gestern Abend aufgenommen.

Smith trägt so was Ähnliches wie auf dem legendären Albumcover von Robert Mapplethorpe: übergroßes schwarze Jackett, weißes Schlabber-T-Shirt, Weste. Nur ihr Haar ist mittlerweile ganz ergraut. Das schüttelt sie immer wieder, überkippt es mit Wasser. Dabei tanzt sie wie ein nachdenklicher Derwisch, breitet ihre langen Arme aus – mal segnend, mal bittend, mal befehlend. Sie lacht viel an diesem Abend, rotzt aber auch gern mal auf den Boden. Einmal Punk, immer Punk. Es umgibt sie bei aller Wildheit jedoch eine Strenge, die ihr Auftreten, ihr Kunst meilenweit entfernt von den Revival-Touren gleichalter Kollegen.

Patti Smith röhrt und schmettert, schmachtet, flüstert und skandiert

Es geht Smith nicht darum, dem Publikum zu liefern, was es bestellt hat. Wenn ihre Stimme hin und wieder eine hohe Lage nicht mehr zu treffen droht, ändert sie die Melodie eben ab. Irritiert davon sind nur diejenigen, die gekommen sind, „Horses“ zu hören, wie sie es zu Hause auf Platte haben. 90 Prozent der Zeit aber ist Smith stimmlich so was von auf der Höhe, dass es einem beinahe den Atem nimmt. Sie röhrt und schmettert, schmachtet, flüstert und skandiert, immer begleitet von den energischen Gesten ihrer dünnen Vogelhände.

„I am helium raven and this movie is mine”, singt sie in „Birdland”, einem der Höhepunkte des Konzerts. Die langen Lyrics dazu liest sie vom Blatt ab, setzt dafür eine Brille auf. Sie bekommt eine Tasse Tee gereicht. Und wir sind mitten in einer Dichterlesung – Lyrik an Rock’n’Roll. Smith schraubt sich mit jeder Zeile weiter in Ekstase, wirft das Blatt am Ende hin, breitet die Arme aus und singt, schreit fast: „Don't leave me here“. Das Publikum feiert sie wie eine Erlöserin, die selbst nach Erlösung sucht. Ein neuer Prophet für das 21. Jahrhundert, wie es im Songtext heißt.

Bei „Fake Money“ ist sie gleich wieder das alte Riot Girl, steht vorn an der Rampe, starrt die Leute an, packt das Kratzen in die Stimme. Lässig lässt sie ihr Jackett von den Schultern rutschen, knöpft die Weste auf, tanzt an Gitarrist Lenny Kaye vorbei. Sie haben fast dieselbe Haarfarbe, dieselbe Frisur. Smith wackelt mit dem Hintern in seine Richtung, muss über sich selbst lachen. Vor „Break it up“ spricht sie von Michelangelos Engeln, die aus ihren Steinformen ausbrechen sollen zu neuen Abenteuern – was nicht zuletzt als Bild für diese Neu-Verlebendigung von „Horses“ gelesen werden kann. Zwischendurch schimpft Smith auf iPads, Überwachungskameras, Regierungen. Sie stellt ein Bein auf die Monitorbox, schlägt sich im Takt der Drums aufs Herz, reckt die Faust. Die Energie der Sprache schießt ihr durch den hageren Körper.

Eine Überlebende des Rock’n’Roll

Wenn sie „Elegie“, den letzten Song von „ Horses“, in einer langen Liste verlängert um alle Freunde, die ihr in den letzten 40 Jahren weggestorben sind, von Jimi Hendrix über Christoph Schlingensief bis zu Lou Reed, darunter auch ihr Mann und Partner in Music Fred „Sonic“ Smith – wird klar: Patti Smith ist eine Überlebende des Rock’n’Roll. Genau das gibt ihr, paradoxerweise, diese enorme Jugendlichkeit, diese Kraft.

Zum Schluss spielt sie eine wütende Version von „My Generation“ der Who, sagt „We wanted to change the fucking world with Rock’n’Roll“ und ruft den Jüngeren im Publikum zu, diese Welt gehöre den Menschen, und nur ihnen. Kurz bevor es dann doch noch etwas messianisch zu werden droht, hängt Patti Smith sich eine E-Gitarre um, wirft das Feedback an, zerreißt eine Saite nach der andern und macht dabei einen Höllenlärm. Die Zeile „I hope I die before I get old“ lässt sie übrigens weg.