Konzert im Tempodrom

Damien Rice ist in Wirklichkeit ein lustiger Typ

Damien Rice singt trieftraurige Liebeslieder - ohne in den Schmalz des Mainstream-Pops anzudriften. Und zeigt live beinharten Humor.

Damien Rice

Damien Rice

Foto: Dominic Steinmann / dpa

Wer 61 Minuten und 27 Sekunden lang weinen möchte, braucht sich nur Damien Rice’s erstes Album anzuhören. Bei den momentan herrschenden Temperaturen sind die Tränendrüsen zwar verhältnismäßig trocken, trotzdem fließen beim Hören von “O“ nun schon seit 13 Jahren relativ verlässlich die Tränen. Bei mir spätestens bei „The Blowers Daughter“, auch wenn ich mir einrede, dass der Song eigentlich ganz schön cheesy ist und man ohnehin nicht so dick auftragen sollte, wie es dieser rothaarige Mann aus Irland tut.

Sich derlei weiszumachen bringt deshalb nichts, weil Rice trotz seiner melancholischen Liebeslyrik nie in Gefühligkeit abdriftet. Man kann den Iren jedenfalls nicht mit sonstigem Liebesschmalz-Mainstream-Pop vergleichen, den solche Typen wie James Blunt von sich geben. Rice singt nicht von pappiger Disney-Liebe. Keine Fahrstuhl-Schmonzetten, in denen selbstmitleidig gejault oder großmütig verziehen wird und die ungefähr soviel mit Gefühlen zu tun haben, wie der unsäglich dämliche Spruch vom diebischen Vater, der der Tochter Sterne in die Augen legt. Der Mann aus Irland erspart einem eine solche Fremdscham.

Nur mit Taschentüchern

Dafür bleibt bei Rice das Licht am Ende des Tunnels fürs erste allerdings auch ausgeschaltet. Das einzige, was in Rices Broken-Heart-Universum möglicherweise strahlt, wäre ein verdammtes Handydisplay, auf dem man alle fünf Sekunden nachgucken muss ob vielleicht nicht doch noch eine Nachricht angekommen ist. Vielleicht ist es die bitter zur Schau gestellte Selbstaufgabe, die einen bei Rice so fertig macht. Wer eine seiner Platten in emotional stabilem Zustand hört, sollte in jedem Fall Taschentücher in der Nähe haben oder Xanax. Bei aktuellem Liebeskummer sollte man auf Nummer sicher gehen und die Platte fürs Erste wegschließen. Es ist ohnehin ein Kreuz mit der Liebe, ganz sicher sein kann man sich ja nie.

Acht Jahre lang hatte man nichts mehr von Rice gehört. Letztes Jahr veröffentlichte er sein neuestes Album „My Favourite Faded Fantasy“, jetzt ist er wieder auf Tour. Um den Abend im Tempodrom entsprechend leidvoll zu gestalten, hat sich Rice eine spezielle Taktik ausgedacht. Ab neun Uhr ist es verboten, Getränke mit in den Konzertraum zu nehmen. Fächer sind erlaubt. Immerhin.

Das Gegenteil des traurigen Clowns

In Erwartung der absoluten Traurigkeit haben sich die Leute gut auf die Show vorbereitet. Kaum einer kommt allein, es sind viele emotional gefestigt wirkende Pärchen da. Und dann kommt doch alles ganz anders. Denn der Mann, der so schrecklich traurige Songs schreibt, ist in Wirklichkeit ein ziemlich lustiger Zeitgenosse, der die Sentimentalität seiner Songs mit beinhartem Humor kontert. Es verhält sich mit Damien Rice also genau anders herum als beim Clown, den spätestens beim Abschminken die Depression einholt. Ob Mario Barth demzufolge eigentlich ein ganz empfindsamer Mensch ist, der heimlich in der Maske weint? Es wäre ihm zu wünschen.

Sicherer Ratschlag für den Liebecheck

Rice steht auf einer kargen Bühne, zwei Spots tauchen ihn in warmes Licht. Er trägt irische Folklore, langes weißes Hemd, Hosenträger. Sobald er über seine Gitarre streicht ist das Publikum totenstill. Kein Gequatsche, nicht einmal Räuspern, leere Plastikbecher können nicht klirren. Man hört nur Rices Stimme und die Gitarre. Nach „Cannonball“ Jubel, Applaus. Die ersten vier Songs lang gibt es keine Worte fürs Publikum. Auf der Wand gegenüber der Bühne kann Rice seinen überlebensgroßen Schatten sehen. „Delicate“, noch ein Song von „O“, manchmal jauchzt ihm jemand in die Zeilen. Beim Anfang von „The Blowers Daughter“ raunt das Publikum jedes Wort mit.

Die Schuld von „9 Crimes“ entlädt sich dann wie ein Gewitter: Die Gitarre dröhnt, Scheinwerfer blitzen, Rice schreit. Jetzt muss man erst mal aufatmen, zum Beispiel bei „The Greatest Bastard“. Eine treffende Beschreibung für den Iren? Ja. Weil man zum Schluss der Show gar nicht mehr weiß, ob man jetzt heulen oder lachen soll. So kompliziert wie gedacht ist die Geschichte mit der Zuneigung dann übrigens doch nicht. Zumindest für den Anfang hat Rice einen sicheren Ratschlag. Ist „Mann“ direkt nach dem Masturbieren immer noch an einer Frau interessiert, dann ist es nicht nur Lust sondern auch schon ein bisschen Liebe.