In der aktuellen Fassbinder-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die noch bis 23. August läuft, darf Michael Ballhaus natürlich nicht fehlen. In ihrer Videoinstallation „Tuin“ spielt die bengalische Künstlerin Runa Islam mit dem berühmten 360-Grad-Kameraschwenk, mit dem der Kameramann Ballhaus 1974 in Fassbinders „Martha“ Karlheinz Böhm und Margit Carstensen umkreiste. Diese Kreisfahrt wurde sein Markenzeichen, die hat er auch später gern wiederholt. Bis es alle kopierten – und er darauf verzichtete.

Aber auch im übertragenen Sinn hat Michael Ballhaus viele Kreise gezogen. Er hat ja gleich zwei Karrieren gehabt. Die eine in Deutschland, nicht nur, aber vor allem auch mit Rainer Werner Fassbinder, mit dem zusammen er 16 Filme gedreht hat. Auch wenn er sich aus Fassbinders Intrigantenstadl stets herausgehalten hat. Und die Zusammenarbeit oft am liebsten hingeschmissen hätte, weil die Eskapaden des Exzentrikers sein Genie nicht wettmachen konnten.

Zwischen Fassbinder und Scorsese

Dann aber, mit 50, in einem Alter, in dem andere schon ans Kürzertreten denken, ging er nach Amerika und hat noch mal von vorn angefangen. Er hat dort all die Stars ins rechte Licht gesetzt, Meryl Streep, Leonardo DiCaprio, Dustin Hoffman, Paul Newman, Tom Cruise. Keine Kreisfahrt war schöner als die bei den „Fabelhaften Baker Boys“ um Michelle Pfeiffer, die sich auf dem Piano räkelt.

Ballhaus hat auch mit den ganz großen Regisseuren gearbeitet, mit Francis Ford Coppola, Robert Redford und, vor allem, Martin Scorsese, seinem Leib-und-Magen-Regisseur. Wenn es um deutsche Weltstars geht, denken wir immer an Schauspieler, vielleicht noch an Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen. Aber so spektakulär wie die Karriere von Michael Ballhaus war wohl höchstens die von Marlene Dietrich.

Die Stars hofieren ihn: Michael Ballhaus (l.) mit Jack Nicholson bei der Premiere ihres Films "Was das Herz begehrt"
Die Stars hofieren ihn: Michael Ballhaus (l.) mit Jack Nicholson bei der Premiere ihres Films "Was das Herz begehrt"© dpa | Jens Kalaene

Ballhaus, der am 5. August 1935 um 5.55 Uhr in eine Künstlerfamilie hineingeboren wurde, hat Filmgeschichte geschrieben. Nicht nur mit seiner Kreisfahrt. Dabei hatte er zwei Initiationsmomente. Den einen, als er mit 18 JAhren die Dreharbeiten von Max Ophüls’ „Lola Montez“ besuchen durfte. Da wusste er, dass er zum Film wollte. Den zweiten, als er 1981 auf der Berlinale „Wie ein wilder Stier“ von Scorsese sah. Da dachte er: Mit dem möchte ich auch mal drehen. Damals war es völlig undenkbar, dass der Mann ihn vier Jahre später tatsächlich anrufen würde. Aber Ballhaus ließ sich dann nicht lange bitten.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Ein Glückskind also, ganz offensichtlich, dieser Ballhaus. Der obendrein eine Frau zur Seite hatte, Helga Ballhaus, die ihre eigene Karriere für die seine beendet hat und ihm dafür ein Leben lang Stütze, Assistentin und beste Freundin war. Und der mit zwei Söhnen gesegnet ist, die beide ebenfalls erfolgreich beim Film arbeiten, Florian Ballhaus wie der Papa als Kameramann.

Als dann aber vor neun Jahren seine Helga überraschend gestorben ist, stürzte das Ballhaus in eine tiefe Krise. Er hatte gerade „Departed“ abgedreht, den siebten und letzten Film mit Scorsese. Zog sich vom Film und nach Berlin zurück. Wo er eigentlich das Alter mit Helga genießen wollte.

Neues Glück: Ballhaus mit seiner zweiten Ehefrau, Regisseurin Sherry Hormann, bei der Weltpremiere von „Anleitung zum Unglücklichsein“
Neues Glück: Ballhaus mit seiner zweiten Ehefrau, Regisseurin Sherry Hormann, bei der Weltpremiere von „Anleitung zum Unglücklichsein“© dpa | Jörg Carstensen

Dann hat er mit der Regisseurin Sherry Hormann ein neues, zweites Glück gefunden. Sie war es auch, die ihn überreden konnte, nach sechs Jahren Auszeit doch noch einen Film zu drehen, mit ihr: den Kampusch-Film „3096 Tage“. Schon hoffte man, dies sei der Rückzug vom Rückzug. Bis dann die niederschmetternde Diagnose von seinem Grünen Star kam. Ballhaus hat aber auf beiden Augen eine Sehkraft von nur noch 20 Prozent. Und das dem Mann, der schon „das fliegende Auge“, ja „das Auge Hollywoods“ genannt wurde.

Den Runden feiert er privat

Ausgerechnet er, der immer „Bilder im Kopf“ hatte und so auch seine im vergangenen Jahr veröffentlichten Memoiren titelte. „Dies sind die Erinnerungen eines Mannes, der mit seinen Augen gelebt und gearbeitet hat“, ist der erste Satz darin, und einer der letzten: „Deshalb ist die Freude groß, dass es jetzt noch so vieles zu hören gibt.“

Seither hat sich Ballhaus etwas rar gemacht. Auch seinen heutigen 80. Geburtstag feiert Ballhaus ganz privat. Alle Interviewanfragen hat er auf seine ihm eigene, stets bescheidene Art abgesagt.