Film/Konzert

Cameron Carpenter bringt "Metropolis" in Wallung

Der exzentrische Organist geht fremd: Im Babylon begleitet er deutsche Stummfilme an der Kinoorgel. Er genießt auch mal das Dunkel.

Orgel-Star Cameron Carpenter im Babylon Kino, wo er alte Filmklassiker mit der Kino-eigenen Orgel begleitet

Orgel-Star Cameron Carpenter im Babylon Kino, wo er alte Filmklassiker mit der Kino-eigenen Orgel begleitet

Foto: Amin Akhtar

Gut, dass Anna Vavilkina das nicht sieht. Die Russin ist die einzige fest angestellte Kino-Organistin in ganz Deutschland. Und ihr Arbeitsplatz im Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz die einzige Stummfilmorgel, die hierzulande noch am originalen Ort in Betrieb ist.

Aber auf ihrem Heiligtum turnt gerade ein junger Mann im Trägershirt. Er zieht sich daran hoch, um für den Fotografen zu posieren, beugt sich von oben auf die Tastatur herab, wobei er jeden Moment die Balance verlieren und auf das altehrwürdige Instrument fallen könnte.

Das Kino ist sein Wohnzimmer

Aber der das tut, ist ja nicht irgendwer. Es ist Cameron Carpenter, einer der berühmtesten und mit Abstand der exzentrischste Organist der Welt. Der Amerikaner ist eigentlich in Konzertsälen zu Hause. Mit klassischer Musik, aber auch Selbstkomponiertem.

Im August aber geht er einmal fremd. Und kommt ins Babylon, um Frau Vavilkinas Job zu machen. An drei Samstagen wird er Klassiker des deutschen Stummfilms begleiten: am 1. August "Metropolis", am 8. "Nosferatu", am 15.8. "Berlin. Sinfonie der Großstadt".

Wahlberliner seit fünf Jahren

Carpenter lebt seit gut fünf Jahren in Berlin. Das Gespräch führt er lieber auf Englisch, es soll ja druckreif sein. Aber ein paar Brocken Deutsch spricht er doch. Und das Babylon-Kino, sagt er mit Akzent, "ist mein Wohnzimmer". Er wohnt nicht weit von hier, am Rosenthaler Platz, buchstäblich um die Ecke.

Er durfte früher auch einfach so kommen und spielen, wenn er Lust hatte. Und 2014, als der frisch restaurierte Klassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" im Babylon aufgeführt wurde, hat er ebenfalls am Pult gesessen. Der grell geschminkte Conrad Veidt auf der Leinwand und der kajal-geschminkte Carpenter davor, das machte Sinn.

Jetzt treffen wir uns mit dem 34-Jährigen mittags, im leeren Foyer. Carpenter setzt sich in "seinem" Wohnzimmer an die Orgel, streicht einmal über die Tasten und die Zusatzknöpfe, auf denen "Donner", "Sirene", "Feueralarm" stehen. Töne, die keine herkömmliche Orgel liefert. Aber eben Kintoppeffekte. Carpenter liebt Filme. Er geht ein, zwei Mal die Woche ins Kino, wenn er kann.

"Filme laden mich wieder auf, das ist für mich eine großartige Entspannungsmöglichkeit bei all dem Konzertieren und Komponieren." Und er liebt es auch, mal einen Film musikalisch zu begleiten. "Weil ich dann mal nicht im Rampenlicht stehe."

Selbstdekorierte Glitzerschuhe

Wie? Was? Es ist ja nicht so, dass der junge Mann nicht gern im Rampenlicht steht. Was Nigel Kennedy mal für die Geige und Liberace fürs Piano war, das ist Cameron Carpenter für die Orgel: ein Klassikpunk. Ein Paradiesvogel. Der nicht nur die alten Klassiker radikal neu interpretiert. Sondern auch stets mit zackiger Irokesenfrisur, grellen Outfits, gläsernen Stiefeln und freizügigen Shirts auftritt, unter denen sein durchtrainierter Körper klar zu erkennen ist.

Wenn auf jemand das Wort Gesamtkunstwerk zutrifft, dann auf ihn. David Garrett wirkt dagegen angepasst. Auf Youtube gibt es sogar ein Filmchen, das zeigt, wie Carpenter sein Schuhwerk höchstpersönlich mit Pailletten verziert. Und so jemand freut sich, wenn mal nicht auf ihn geguckt wird? Das ist schwer zu glauben.

Jetzt präsentiert sich Carpenter allerdings alles andere als exaltiert. Verschwitzt in Boots, Muscle-Shirt und einem Basecap, das er immer mal wieder hebt, um sich den Schweiß wegzuwischen. Man schwitzt auch mit Irokese. Carpenter war gerade noch in China auf Tour. Er hat noch etwas Jetlag, und er hat buchstäblich verschwitzt, dass auch ein Fotograf hier ist. Soll er noch mal schnell heim und ein passenderes Outfit anziehen? Aber schließlich kommt er hier auch zur Probe, das passt schon. Carpenter unplugged.

Eine Orgel ist wie ein Computer

Den Mann treibt eine Mission um. Er will die Orgelmusik revolutionieren. Will sie aus der Kirche schubsen, in die sie immer noch verortet wird, und in die profane Welt bringen. Bis 2004 hat er noch auf klassischen Pfeifenorgeln gespielt, seither aber pfeift er auf die Pfeifen. Er hat sich für anderthalb Millionen Dollar eine eigene E-Orgel bauen lassen, seine International Touring Organ. Mit der er jetzt durch die Welt tourt.

Ein Organist hat ja eigentlich das Problem, dass er sein Instrument nie mit auf Reisen nehmen kann wie ein Flötist oder selbst ein Cellist. Carpenter hat das für sich gelöst. Nur noch in Ausnahmefällen spielt er auf klassischen Instrumenten wie der Schuke-Orgel in der Philharmonie.

Musentempel statt Kirchen

Die Multiplex-Kinoorgel, auch da muss Frau Vavilkina jetzt sehr stark sein, ist im Vergleich zu diesen Klangkörpern kein besonderes Instrument, doziert der Mann. Sie ist eher eine kleine. Aber dafür hat sie ein paar technische und historische Eigenheiten, die einzigartig sind. Und Kinoorgeln kommen seiner Mission ja nahe.

Weil auch sie die Orgelmusik aus den Kirchenhäusern weg und zumindest in die Musentempel gebracht haben. Deshalb haben sie Carpenter sehr beeinflusst. Und deshalb setzt er sich immer wieder gern mal hin, um auf einer solchen zu spielen. Das Babylon lässt ihn das auch großzügig tun. Und es gibt hier ein paar Sounds, die möchte er auch für seine Touring Organ sampeln.

Wie ist das überhaupt, immer an anderen Orgeln zu sitzen? Ist das vergleichbar, wie wenn man verschiedene Autos fährt? Carpenter nickt widerstrebend. Es ist aber eher wie mit Computern. Man kann in einem Labor an einem Riesencomputer sitzen oder im Café am Laptop. Unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Bedürfnisse. "Meine Touring Organ ist auch ein Computer, ein Riesencomputer." Den hat er ganz auf seine eigenen Bedürfnisse eingerichtet. Um überall dasselbe Werkzeug zu haben.

Und wirklich tourt er überall damit. Nur in der Berliner Philharmonie hat er sie noch nie gespielt. Wieso eigentlich nicht? "Da müssen Sie die Philharmonie fragen." Man hört da einen gewissen Unmut heraus. Beim Sommerfest auf dem Kulturforum im vergangenen Jahr hat er zumindest schon auf dem Platz davor gespielt. Kann also noch werden. Und ansonsten gibt es ja immer noch das Wohnzimmer um die Ecke, wo er allzeit willkommen ist.

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